Abgeordnetenhauswahl

Die Linke hatte eine Kampagne, die AfD hatte Kristin Brinker

Die AfD legt in Berlin deutlich zu und bleibt trotzdem hinter den eigenen Erwartungen. Ihre Spitzenkandidatin und deren Wahlkampf liefern dafür reichlich Stoff. Ein Kommentar.

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AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker am Tag nach der Wahl in Berlin

AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker am Tag nach der Wahl in Berlin

© Sebastian Gollnow/dpa

Kristin Brinker wollte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Ihre Partei wollte stärkste Kraft werden. Am Sonntag landet die AfD nun bei rund 16 Prozent. Ein kräftiger Zugewinn, aber deutlich weniger als das, was Brinker einmal angekündigt hatte.

Den Anspruch auf das Rote Rathaus hatte die Berliner AfD selbst schon vor der Wahl beerdigt. Beim Wahlkampfabschluss acht Tage vor dem Wahltag verhaspelte sich der Brandenburger AfD-Fraktionschef Hans-Christoph Berndt noch passend dazu. Dass die AfD „stärkste“ – eine „starke Kraft“ – werde, sei gewiss. Stärkste Kraft wurde die Linke. Die AfD liegt laut aktueller Hochrechnung bei 16,1 Prozent.

Die Berliner AfD hatte keine Kampagne

Vielleicht sollte man sich bei der Berliner AfD weniger darüber wundern, warum die Linke so stark geworden ist, als darüber, was man selbst eigentlich angeboten hat. Da waren zum Beispiel die Plakate. Wolkig. Blau auf Blau. Man musste schon genau hinschauen, um überhaupt zu erkennen, was einem da verkauft werden sollte. „Berlin. Stark. Machen.“ hieß der zentrale Slogan. Drei Wörter. Drei Punkte. Viel mehr blieb davon auch nicht hängen.

Ausgerechnet die AfD, eine Partei, die groß geworden ist, weil sie zuspitzt, provoziert und ziemlich deutlich sagt, was sie will und vor allem, was sie nicht will. In Berlin trat sie dagegen über weite Strecken auf, als müsse sie niemanden mehr überzeugen. Am Wahlabend sagte selbst einer ihrer Abgeordneten, man hätte womöglich härter auftreten und stärker polarisieren sollen. Die Kampagne der Linken habe die eigene „ein bisschen zur Seite gedrängt“. Man kann das auch anders formulieren: Die Linke hatte eine Kampagne. Und die Berliner AfD keine – und sie hatte Kristin Brinker.

Brinker ist nicht Bradshaw

Vor zwei Tagen erscheint auf Brinkers Instagram ein Reel, so nennt Instagram seine Kurzvideos. Ihre Parteikollegin Sarah Gröber fragt darin: „Sammeln Sie eigentlich Schritte?“ „Nein, Prozente“, antwortet Brinker, wackelt mit Plakaten und dazu setzt Musik ein, die an das Intro von „Sex and the City“ erinnert. Nur ist Kristin Brinker nicht Carrie Bradshaw und die Berliner AfD-Kampagne nicht Manhattan. Sexy wird sie durch solche Videos jedenfalls nicht.

Das wäre egal, wenn Brinkers Social Media ansonsten funktionieren würde. Tut es aber nicht. Bei Followern und Aufrufen landete sie auf den hinteren Plätzen, viele Beiträge hatten nur zweistellige Like-Zahlen. Erfolgreich waren vor allem gemeinsame Beiträge mit Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dem auf Instagram etwa hundertmal so viele Menschen folgen wie Brinker. Man denkt bei ihrem Auftritt bisweilen, ein Millennial habe 2013 Instagram entdeckt und seitdem nicht mehr nachgeschaut, was auf der Plattform passiert ist.

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Dabei ist Social Media gerade für die AfD kein Nebenschauplatz. In Berlin bekam sie dieses Instrument ausgerechnet im Wahlkampf ihrer Landesvorsitzenden kaum aufs Handy. Brinker ist damit allerdings nicht allein.

Inhalte hat die AfD erfolgreich überwunden

Viele Grüße vom Alexanderplatz. Beatrix von Storch steht dort in einem Video neben Julian Adrat, Direktkandidat in Mitte und Nummer 15 der Landesliste. Sie fragt ihn, was er im Abgeordnetenhaus vorhabe. „Naja, wir wollen einfach mal was Neues versuchen für Berlin“, antwortet Adrat. „Berlin braucht einfach mal was Neues, den Wandel.“

Inhalte überwinden hat die AfD gemeistert. „Was Neues.“ „Den Wandel.“ Dazu „Berlin wird blau“. Ein Kandidat einer Partei, die bundesweit davon profitiert, politische Konflikte möglichst scharf zu formulieren, antwortet auf die Frage nach seinem Vorhaben im Abgeordnetenhaus mit: anders.

Kein großer Wahlkampf in der letzten Woche

Und dann war da noch der Wahlkampf selbst. Die zentrale Abschlusskundgebung fand bereits acht Tage vor der Wahl statt. Zugleich hört man aus der Partei, dass viele Kandidaten ihren Wahlkampf in den Bezirken weitgehend selbst führten. Die Kandidaten hätten einen guten Wahlkampf gemacht, heißt es. Eben: die Kandidaten.

Brinker führt den Landesverband seit 2021, ist Fraktionsvorsitzende und war erneut Spitzenkandidatin. Wenn ein Wahlkampf zentral kaum erkennbar ist, kann die Verantwortung dafür schwer bei den Direktkandidaten abgeladen werden. Dabei wäre gerade dieser Wahlkampf Brinkers Gelegenheit gewesen.

Berliner AfD entfernt sich vom Bundestrend

Bei der Bundestagswahl 2021 lag die AfD in Berlin mit 9,4 Prozent noch knapp unter ihren bundesweiten 10,4 Prozent. 2025 waren es in Berlin 15,2 Prozent gegenüber 20,8 Prozent deutschlandweit bei der Bundestagswahl. Der Abstand wurde größer. Heute wird die AfD bundesweit je nach Institut mit deutlich höheren Werten gemessen als die rund 16 Prozent, die sie in Berlin erreicht. Berlin ist links. Geschenkt. Niemand musste hier mit 40 Prozent rechnen. Aber mit 18 Prozent hatte die Berliner AfD gerechnet.

Monatelang stand sie dort in den Umfragen. Dass daraus ungefähr 16 werden, wirft die Frage auf, warum ausgerechnet der Berliner Landesverband einen bundesweiten Höhenflug nur abgeschwächt mitnimmt.

Wenn Kristin Brinker nicht mehr die Berliner AfD anführt, dürfte es auch für sie ertragbar sein. Denn dann kann sie, wie sie in einem Reel auf Instagram sagte, sich um „meine kleine Lilly kümmern“. Lilly ist ihre Katze.

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