Rund sechs Jahre nach der Entschlüsselung der Messengerdienste Encrochat und Sky ECC hat die Berliner Staatsanwaltschaft bislang in knapp 350 Fällen Anklage erhoben. Insgesamt seien rund 1490 Verfahren bei der Behörde eingegangen, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der dpa mit Stand vom 3. August mit. In den meisten Fällen – 1107 – seien die Namen der Beschuldigten bekannt. Derzeit seien noch rund 140 Verfahren offen.
Bilanz der Verurteilungen
In mehr als 220 Verfahren sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft bislang Haftstrafen verhängt worden. In knapp 70 Fällen hätten die Beschuldigten Freiheitsstrafen auf Bewährung erhalten. Die Berliner Statistik bezieht sich laut Behörde ausschließlich auf Verfahren, nicht auf sogenannte Ermittlungskomplexe, in denen mehrere zusammenhängende Fälle gebündelt werden.
Teils seien im Verlauf einzelne Verfahren verbunden oder abgetrennt worden, was zu statistischen Abweichungen etwa gegenüber Zahlen des Bundeskriminalamts führe.
Drogen- und Waffengeschäfte über verschlüsselte Chats
Die Verschlüsselungssoftware Encrochat wurde nach Angaben der Berliner Ermittlungsbehörden von Kriminellen zur Abwicklung illegaler Geschäfte genutzt und galt wegen ihrer aufwendigen Verschlüsselung lange als nicht zu knacken.
Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich gelang es im Frühjahr 2020, Millionen geheimer Daten abzuschöpfen. Im März 2021 knackten Behörden in Belgien, Frankreich und den Niederlanden mit Unterstützung von Europol die Verschlüsselung des Kommunikationssystems Sky ECC. Dadurch wurden weitere Millionen Chatnachrichten von Nutzern weltweit gesichert.
Millionen Nachrichten in Berlin
In ganz Europa führten die Erkenntnisse zu zahlreichen Festnahmen. Polizei und Justiz kämpfen seitdem mit der Auswertung der Datenmengen. Allein in Berlin ging es nach früheren Behördenangaben um rund 1,6 Millionen Chatnachrichten aus dem Dienst Encrochat mit knapp 750 Nutzern. Bei der Berliner Polizei wurden dafür in mehreren Stadtteilen Ermittlungsgruppen eingerichtet.
Während die Encrochat-Fälle nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft inzwischen fast vollständig bei der Justiz gelandet sein dürften, dauert die Auswertung der Sky-ECC-Daten weiter an. Vor dem Berliner Landgericht gibt es regelmäßig Prozesse gegen Beschuldigte, die Drogen- oder Waffengeschäfte über verschlüsselte Kryptohandys abgewickelt haben sollen.
Aktuelle Anklagen zeigen Dimension
Wie sich die Auswertung in laufenden Verfahren niederschlägt, zeigen zwei jüngere Anklagen der Staatsanwaltschaft Berlin. Am 7. Mai wurde nach Angaben der Behörde ein inzwischen 27-Jähriger vor dem Landgericht Berlin I angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, von Januar 2020 bis März 2021 die Dienste Encrochat und Sky ECC teils parallel genutzt zu haben, um mit Cannabisprodukten und Rauschgift zu handeln.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll er im März und Mai 2020 in den Niederlanden 120 Kilogramm Haschisch und 15 Kilogramm Kokain gekauft und mit den Geschäften insgesamt gut zwei Millionen Euro verdient haben. Die Behörde strebt die Einziehung des Betrags an.
Bereits am 21. April klagte die Staatsanwaltschaft einen inzwischen 40-Jährigen wegen bandenmäßigen Drogenhandels an. Er soll sich einer über Krypto-Mobiltelefone kommunizierenden Gruppe angeschlossen haben, die Kokain aus Brasilien über den Hamburger Hafen nach Europa schmuggeln wollte – geplant waren nach Angaben der Behörde zehn bis 20 als Reis getarnte Sendungen, die erste mit 300 Kilogramm, die folgenden mit jeweils mindestens 1000 Kilogramm. Grundlage der Ermittlungen war die Auswertung von Sky-ECC-Daten.
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