Künstler aus dem Atelierhaus Friedrichstraße sollen raus

"Mich müssen sie hier wegtragen"

Karin Schmidl
3 Min

KREUZBERG. Die Künstler im Atelierhaus an der Friedrichstraße 206 bangen um ihre Existenz. Der neue Hauseigentümer hat ihnen gekündigt. Doch die Künstler sind überzeugt, dass dies unrechtmäßig ist. Denn der ockerfarbene Altbau am Checkpoint Charlie war 1987 für rund 2,5 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln und mit Lottogeld ausgebaut worden. Er galt als Pilotprojekt für Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für Künstler zu sozial verträglichen Mieten. Einer der Mieter ist der Maler Kani Alavi. Der Perser, der seit 1985 in Berlin lebt und der vor allem durch seine Initiative zur Rettung der East Side Gallery bekannt wurde, zählte 1987 zu den ersten Bewohnern des Hauses. "Damals waren wir hier an einer toten Ecke, niemand wollte an der Mauer leben. Jetzt ist das ein lukrativer Standort, an dem man mit uns Künstlern kein Geld machen kann", sagt er. 120 Quadratmeter misst Alavis Wohnatelier. Er lebt und arbeitet dort. Seit knapp einem Jahr hat Alavi die Miete um fast 60 Prozent gemindert - wegen gravierender Mängel und mit dem Einverständnis des Vermieters, wie er sagt. Die Mängel sind unübersehbar: Die Heizung ist defekt, zentimeterbreite Risse durchziehen die Wände, von der Decke fällt Putz, die Fenster sind undicht. "Seit Jahren wurde nichts getan", so Alavi. Wegen "Mietrückständen" wurde ihm jetzt fristlos gekündigt. Zuvor hatte er wie seine Künstlerkollegen eine fristgerechte Kündigung erhalten. Begründung: Die Ateliers würden vorrangig als Gewerberäume genutzt, der Schutz von Wohnraum entfalle. Drei Künstler sind ausgezogen, die übrigen acht wollen nicht kampflos aufgeben. Alavi: "Mich müssen sie wegtragen, notfalls trete ich in den Hungerstreik." Beim Berufsverband Bildender Künstler (BBK), dem einstigen Träger des Hauses, hält man das Ganze für "sehr unglücklich", sagt der Vorsitzende Herbert Mondry. Der Verband hatte sich 1996 als Gesellschafter des Hauses zurückgezogen und es seiner Atelier und Verwaltungs GmbH übertragen. "Damals war eine 15-jährige Belegungsbindung vereinbart worden", sagt Mondry. Das heißt, bis zum Jahr 2011 sollte das Haus ausschließlich Künstlern zur Verfügung stehen. 1998 kaufte die GmbH auch das Grundstück vom Bezirk Kreuzberg. Der damalige alleinige GmbH-Geschäftsführer, Tom Brinkmann, ist seit 2002 im Grundbuch als Eigentümer eingetragen. "Das ist ein ganz merkwürdiges Geschäft, bei dem nicht mit offenen Karten gespielt wurde", vermutet die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Alice Ströver. Zumal für das Atelierhaus ein Erbbaurecht bis zum Jahr 2061 gelte. Tom Brinkmann versteht die Aufregung nicht. "Die bisherigen Mietverhältnisse sind nicht aufrecht zu erhalten, wir werden Gewerbemietverträge durchsetzen." Wenn nötig, auch vor Gericht. Das Haus wolle er weiter "für Kunst und Kultur" offen halten. Was das heißt, sagt er nicht. Aber er macht deutlich: "Ein reines Atelierhaus ist aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr machbar."

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