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Die Stimmen von Ökonomen, die eine intellektuelle Entgrenzung des durch Mainstream-Theorien gezügelten fachlichen Denkens und insbesondere der Eindimensionalität digitaler Entwicklungen fordern, werden lauter. Ein Grund ist die zunehmende Erfahrung chaotisch verflochtener unerwarteter Probleme, unplanbarer Wechsel- und Nebenwirkungen. Dazu gehören etwa suchtartiges Kommunikationsverhalten, Cyberkriminalität, wachsende Irrationalität in der öffentlichen Meinungsbildung und Vertrauensverluste in Wirtschaft und Politik sowie erste Anzeichen eines für die IT-Industrie mit unabsehbaren Folgen verknüpften Techlash.
Der Appell gilt der Suche nach neuen Einsichten und Strategien, mit denen sich die Dynamik dieser unerwarteten Entwicklungen besser verstehen und damit bewältigen lässt. Nicht zuletzt auch, um im globalen Wettbewerb neue Impulse gegen die undurchsichtigen Algorithmen zu entwerfen, die in den Elfenbeintürmen von Mountain View, Redwood und Cupertino erdacht werden. Schließlich um die Frage zu beantworten, wie die als unausweichlich erscheinende Alternative aufgelöst werden kann, sich entweder der Dynamik der durch Big Tech immer rasanter vorangetriebenen Digitalisierungsschübe zu unterwerfen oder wirtschaftlich abgehängt zu werden.
Sam Altman (M.) und Tim Cook (2.v.r.) nehmen am 4. September 2025 an einem Abendessen teil, das US-Präsident Donald Trump mit Technologie-Führungskräften im Weißen Haus veranstaltet.
© Saul Loeb/AFP
Von der Entgrenzung der Fantasien
An diesem Punkt wäre eine Antwort anzusetzen: in einer „kritischen Theorie“ der Digitalisierung, die das in den letzten Jahrzehnten vor allem von den Protagonisten der KI-Entwicklung verdrängte Wissen über nicht-wirtschaftliche Kontextbedingungen und die angedeuteten nicht-wirtschaftlichen Folgen in die Konstruktion ihrer eigenen Logiken einbezieht und so eine valide Technikfolgenabschätzung entwickelt.
Es geht also nicht darum, Digitalisierung und ihre Königsdisziplin, die Entwicklung Künstlicher Intelligenz, durch romantische Rückzugsstrategien zu blockieren. Im Gegenteil: Das Ziel ist, sie zu forcieren, ihr Potenzial für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft auszuloten, mit einer materiellen und immateriellen Rendite für alle. Ein großes, interdisziplinäres Projekt, das die Gestaltungsoptionen aus der Enge einer sektoralen Intelligenz von Big Tech befreien könnte.
Womit sich dann der Blick auf das verschmähte Erbe vieler Jahrzehnte eröffnet, auch auf das einer Generation von klassisch gebildeten Großvätern und Großmüttern, auf deren intellektuellem Potenzial immerhin die Erfindung von Halbleitern, Computern, Mikrochips, Programmiersprachen, digitaler Pragmatik und schließlich KI basierte. Dieser revolutionären Idee muss ja doch etwas Inspirierendes vorangegangen sein, eine Entgrenzung der Fantasien. Wie es gewesen sein könnte, hat der „New Journalist“ Tom Wolfe in dem überaus unterhaltsamen Essay über die Anfänge des späteren Silicon Valley berichtet: „Zwei Männer auf dem Weg nach Westen“.
Das ist nur ein Beispiel, klassischer Journalismus, analoge historische Recherche, und doch sehr nah am Kernthema. Tatsächlich verfügen wir – neben den Erkenntnissen der sogenannten Sciences – über ein gigantisches kulturelles Erbe der „Humanities“, mit zeitlosem Wert, mit inspirierenden Methoden: Vermächtnisse der Philosophie, Soziologie, Geschichtswissenschaften, der heterodoxen Wirtschaftswissenschaften, aber auch literarische Auseinandersetzungen mit den fundamentalen Problemen von Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kultur – Wissensbestände, die angesichts einer kaum noch einzuholenden Dynamik der technizistischen Oberflächen-Innovationen tiefergreifende Antworten provozieren könnten.
Die Überschneidung von Geistes- und Wirtschaftswissenschaften sollte auch an universitären Lehrstühlen mehr Berücksichtigung finden.
© Christoph Hardt/imago
Ein neues intellektuelles Abenteuer
Den Beginn kann man mit einem Satz des oft zitierten Säulenheiligen der Wirtschaftswissenschaften, Joseph Schumpeter, mit einem eindringlichen Plädoyer für die Entgrenzung der Wirtschaftswissenschaften (1911!) markieren – und es ist nicht der Satz von der schöpferischen Zerstörung (der wurde ja erst 1939 formuliert), der auch die Jahrzehnte später einsetzende digitale Basisinnovation zwar trefflich charakterisiert, allerdings – meist aus dem Zusammenhang gerissen – den Kontext vernachlässigt! Den aber spricht die programmatische Aussage von 1911 unmissverständlich an: „Niemals ist eine Tatsache bis in ihre letzten Gründe ausschließlich oder ‚rein‘ wirtschaftlich, stets gibt es noch andere – und oft wichtigere – Seiten daran.“
Interessanterweise stößt man auf ähnliche Formulierungen in den Mission Statements der wirtschaftswissenschaftlichen Institute globaler Elite-Universitäten – MIT, Stanford, Singapore, LMU. Und an all diesen Institutionen gab es einmal (oder gibt es zum Teil noch) Lektürekurse in klassischer Literatur, in denen Studierende der Wirtschaftswissenschaften und MINT-Fächer sich mit den wiederkehrenden Motiven, Dilemmata, moralischen Fragen und Dynamiken politischer und wirtschaftlicher Konstellationen auseinandersetzen sollten – eine Art geistiger Entgrenzung auf dem Weg zum damals noch kaum etablierten, aber als vorauseilende Kompetenz bereits erahnten Neben- und späteren Hauptfach Technikfolgenabschätzung.
Das heißt: Die Curricula der den geisteswissenschaftlichen Ideen vorgeblich fernen Disziplinen müssten erweitert werden, gerade um eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die genau das vermeidet: sich selbst so lange spiralförmig um sich selbst zu drehen, bis sie in einem Schwindel innovativer Schockstarre erstirbt. Eine solche didaktische Strategie an den Fakultäten der Wirtschaftswissenschaften und der MINT-Disziplinen könnte zu einem neuen intellektuellen Abenteuer in jenen Bereichen beitragen, in denen Führungskräfte von morgen ihre Schulung erhalten.
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Eine oft arrogant anmutende Verdrängung wirtschaftlicher Themen
Das ist allerdings nur eine – dazu noch sehr einseitige – Perspektive. Denn die Kritik gilt auch umgekehrt, was die Strategie noch interessanter macht: Denn ähnlich systemische Defizite lassen sich auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht verhehlen: eine oft arrogant anmutende Verdrängung wirtschaftlicher Themen. Erst mit einer wechselseitigen Spiegelung aller kulturellen Facetten wäre das Programm erreichbar, das 1959 vom Physiker und Romancier Charles Percy Snow in einem aufsehenerregenden Vortrag mit dem Begriff einer „Third Culture“ umrissen wurde. Dieser Vortrag wurde und wird immer noch als einer der wichtigsten Beiträge zur Wissenschaftskultur des 20. Jahrhunderts gefeiert.
Charles Percy Snow im Jahr 1963
© Viktor Koshevoi/imago
Um weiter und hier nur unsystematisch in den virtuellen Zettelkasten zu greifen, in dem Belegstücke für dieses Motiv noch in kreativer Unordnung archiviert sind, wären exemplarisch zu nennen: Walter Lippmanns Erfindung des Begriffs „Neoliberalismus“ 1938, der damals eine ganz andere Konnotation wachrief als heute; sein Nachfahre im Geiste Ralf Dahrendorf und seine Ausführungen im Buch über „repräsentative Tätigkeiten“ und „Lebenschancen“ (1972); Peter Drucker; Manfred Kets de Vries; Alfred Weber und das Insosta; C. Wright Mills und sein großes Werk über die Entfremdungserscheinungen der Angestelltenwelt aus den 1950er-Jahren; Amartya Sen, Paul Romer, Joseph Stiglitz und andere Laureaten des sogenannten Wirtschaftsnobelpreises und ihre Mahnungen zur sozialwissenschaftlichen Erdung der Ökonometrie; Rosabeth Moss Kanter und Louis Baudin mit dem Kernthema der Ethik des Managements; Hans Albert, der weltberühmte deutsche Soziologe und seine Kritik am „Modellplatonismus“ (schon 1969).
Aber auch vermeintlich „fachfremde“ Gedanken gehören dazu, wie die Ausführungen Adornos über die „Entgeistung des Geistes“ in den 1960er-Jahren auf der Basis der schon 1947 formulierten „Dialektik der Aufklärung“ und viele einschlägige Essays von Autorinnen und Autoren jener 50er- und 60er-Jahre.
Gleichermaßen unterhaltsame wie tiefgreifende Beiträge könnten zudem die großen Wirtschafts-Epen liefern, zum Beispiel von Victor Hugo, Thomas Mann, Upton Sinclair, Jean Richard Bloch, Balzac und vielen anderen.
Nichts geschieht ohne Vorbedingungen
Diese Recherche führt geradewegs zum klassischen und wieder auflebenden Motiv der anfangs- und endlosen Wirkungsketten politischer, wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Entwicklungen, die eine Zukunft erzeugten, die niemand ahnt. Ein Motiv, das etwa Jules Romains’ Jahrhundert-Epos „Les hommes de bonne volonté“ bestimmt oder in Tolstois erkenntnistheoretischen Passagen über den nie zu ergründenden Urgrund von Kriegen und Frieden ebenso anklingt wie im oben bereits angedeuteten Essay von Tom Wolfe über die Vorgeschichte der Digitalisierung.
Was würde Balzac wohl über unsere heutige Zeit schreiben?
© GRANGER Historical Picture Archive/imago
Denn nichts geschieht ohne Vorbedingungen. Und nichts bleibt ohne Wirkungen.
Vielleicht wird durch eine solche Initiative intellektueller Grenzüberschreitungen eines auch deutlich: dass die Frage gestellt werden müsste, was nach der Digitalisierung kommt. Denn ein „Ende der Geschichte“ markiert auch sie wieder nicht, so viele inkrementale Innovationen auch immer versuchen, mit möglichst revolutionären Mitteln alles beim marktrationalen Alten zu lassen und dieses Modell als Ultima Ratio zu verkaufen.
Lebte er noch, würde Balzac sicher einen an die 800 Seiten starken Romanzyklus draus machen. Was übrigens eine faszinierende Idee für eine KI-generierte Modernisierung von „Verlorene Illusionen“ wäre.
Holger Rust, geboren 1946, ist Professor (i.R.) für Wirtschaftssoziologie an der Leibniz-Universität Hannover. Er lehrte als Gastprofessor auch an den Universitäten Hamburg, Salzburg und Wien. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er zudem als Berater in Unternehmen und politischen Institutionen sowie als langfristig engagierter Autor und Kolumnist in führenden Wirtschaftsmedien und als gefragter Vortragsredner tätig.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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