Noch vor wenigen Monaten kämpfte Kahla Porzellan mit ausbleibenden Bestellungen: Nachdem der Hersteller am Mittwoch seine endgültige Schließung angekündigt hatte, wollen jetzt viele Menschen offenbar noch schnell ein Stück des Thüringer Traditionsunternehmens kaufen. Zuletzt stieg die Nachfrage im Onlineshop so stark, dass dieser zeitweise zusammenbrach. Retten wird das den Betrieb nicht mehr. Ende des Jahres soll die Produktion nach 182 Jahren eingestellt werden.
In den sozialen Netzwerken hat die Nachricht eine Welle der Trauer und der Wut ausgelöst. „Ein bisschen, als ob die Heimat bröckelt“, schreibt ein Nutzer unter dem Instagram-Beitrag des Unternehmens. Ein anderer Nutzer spricht von einem „Armutszeugnis für den Wirtschaftsstandort Deutschland“. Weiter schreibt er: „Hier sterben gerade nicht ‚nur‘ Arbeitsplätze und ein Stück Thüringer Kultur, sondern auch der letzte Rest Wertschätzung für echte Langlebigkeit und Qualität ‚Made in Germany‘.“ Die Kritik in der Kommentarspalte richtet sich vor allem gegen hohe Energiekosten, die Politik und billige Importwaren.
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Kahla Porzellan: Kunden kritisieren auch das eigene Kaufverhalten
Die brandenburgische Porzellanmanufaktur Frank Ludwig schreibt: „Ich sehe die Ursachen nicht beim Staat, dem Land oder den Billigimporten.“ Vielmehr müsse sich jeder fragen, welche Produkte er selbst gekauft und verschenkt habe. „Wer es wirklich ehrlich mit dem deutschen Handwerk meint, sollte einfach mal deutsche Produkte kaufen“, kommentiert die Töpferei Echtbürgel aus Thüringen.
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MehrEin Nutzer schreibt: „Früher gab es zu Weihnachten eine Butterdose aus einer Geschirrserie und es wurde groß gefeiert. Heute gibt es billiges Geschirr aus China, das zwei Tage später im Keller oder auf dem Müll landet. Es fehlt in unserer Gesellschaft die Wertschätzung zu Dingen und vielleicht auch zu Menschen. Schade, dass wieder was Gutes verloren geht.“
Der Insolvenzverwalter Rolf Rombach bezifferte die monatlichen Gaskosten für Kahla zuletzt auf 150.000 bis 180.000 Euro. Notwendige Preiserhöhungen hätten sich bei den Kunden nur sehr eingeschränkt durchsetzen lassen. Damit fehlte dem Unternehmen die Grundlage für eine kostendeckende Produktion. Hinzu kam eine schwache Auftragslage. Besonders Kunden aus der Gastronomie hielten sich zuletzt mit Bestellungen zurück. Schon im Frühjahr musste das Unternehmen deshalb Insolvenz anmelden. Seit März wurde nach Investoren gesucht. Zuletzt verhandelte der Insolvenzverwalter intensiv mit einem Interessenten aus der Türkei, zu einer Einigung kam es nicht.
Nach Schließungsankündigung steigt die Nachfrage
Auffälliger ist jetzt der Andrang nach der Schließungsankündigung: Während die Nachfrage zuvor nicht ausgereicht hatte, um die Produktion dauerhaft zu finanzieren, bestellen Kunden nun offenbar verstärkt. „Aufgrund des aktuell sehr hohen Auftragsvolumens können wir momentan leider keine neuen Bestellungen annehmen“, heißt es auf der Website von Kahla.
Unter dem Instagram-Beitrag, in dem die Porzellanmanufaktur ihre Schließung ankündigt, schildern zudem zahlreiche Nutzer, welche Rolle Kahla in ihrem Alltag gespielt hat. „Ich sitze gerade am Küchentisch und esse meine Kürbissuppe aus einem wunderschönen Kahla-Schälchen. (...) Es gibt dafür nur ein Wort: TRAURIG! Einfach nur traurig und entsetzlich für dieses Traditionsunternehmen“, kommentiert der Bauchredner und Comedian Sebastian Reich. Ein anderer Nutzer schreibt: „Meinen ersten Kaffee habe ich vor 40 Jahren aus Papas Kahla-Tasse getrunken. Heute nutze ich sie. Eine Tasse mit Geschichte.“
Für Thüringen ist es nicht die erste Krise in der Porzellanindustrie. Nach der Wiedervereinigung brachen Absatzmärkte weg, zahlreiche Betriebe mussten schließen oder Personal abbauen. 2020 war Kahla Porzellan schon einmal zahlungsunfähig geworden und anschließend von dem Investor Daniel Jeschonowski übernommen worden.
Trotz intensiver Investorensuche konnte Kahla Porzellan nicht gerettet werden. 96 Arbeitsplätze sind betroffen.
© suedraumfoto/imago
96 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz
Nach Angaben des Insolvenzverwalters sollen die laufenden Aufträge noch abgearbeitet werden. Die Produktion wird schrittweise eingestellt und nicht allen Beschäftigten wird gleichzeitig gekündigt. Rombach würdigte ausdrücklich den Einsatz der Belegschaft. Die Beschäftigten hätten trotz der unsicheren Zukunft zuverlässig weitergearbeitet. Eine solche Verbundenheit habe er in 35 Jahren Berufstätigkeit nur selten erlebt.
Auch unter dem Instagram-Beitrag melden sich frühere Beschäftigte zu Wort. Eine Person berichtet, 19 Jahre für das Unternehmen gearbeitet zu haben. Andere erinnern an ihre Ausbildung oder die Zusammenarbeit mit der Manufaktur. Wiederholt wird die Frage gestellt, ob nicht doch noch eine Rettung möglich wäre. Einzelne Nutzer schlagen sogar eine Genossenschaft vor.
Auch die Thüringer Landesregierung war an den Rettungsbemühungen beteiligt. Nach Angaben des Insolvenzverwalters wurden das Wirtschaftsministerium und die Staatskanzlei fortlaufend informiert. Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) habe sich persönlich eingeschaltet. Ein Investor fand sich trotzdem nicht. Während das Unternehmen nun die letzten Aufträge abarbeitet, bleibt eine Frage, die sich durch die Kommentarspalte zieht: Wie viel sind Verbraucher bereit, für Qualität aus deutscher Produktion zu bezahlen?
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