Das Absurde passierte 1969. Georg Baselitz, geborener Kern aus Deutschbaselitz in der Oberlausitz, vor dem sozialistischen Realismus-Diktat der DDR-Stalinzeit 1957 in den Westen abgehauen, hatte gerade eine veritable Malkrise. Der große Hype um sein von der Staatsanwaltschaft wegen Obszönität beschlagnahmtes Skandalbild von 1963, „Die große Nacht im Eimer“ (eine die Spießer empörende Onanie-Szene), war längst verhallt. Jedoch war sein Ruf manifestiert als Bürgerschreck, der stur an der Figur festhielt, obwohl doch im Westen abstrakt zu malen hatte, wer Erfolg suchte. Er fühlte sich, wie er es Jahre später schildert, leer, erschöpft. Alles ödete ihn an.
Da kam ihm die – grimmige – Idee, seine Motive auf den Kopf zu stellen. Dem ersten Bild in diesem absurden Kopfüber-Kopfunter gab er den Titel „Der Wald auf dem Kopf“. Die 180-Grad-Drehung der Motive ist fortan sein Markenzeichen, niemand auf der Welt malt derartig genial verdreht. Den konsternierten Kritikern hielt er entgegen, das sei ebenso wenig falsch wie die konventionelle Perspektive. Keine Leinwand, kein Bogen Papier, das vor einem liege, habe doch von sich aus eine festgelegte Himmelsrichtung. Das war ganz nach dem Geschmack von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Hinter dessen Schreibtisch hing bis zum unfreiwilligen Abtritt 2005, Baselitz’ in nervöser Stilistik auf die Leinwand gesetzter „Stürzender Adler“. Ironisch deutbar fast als Prophezeiung.
Georg Baselitz im Atelier als die Gelenke noch taugten. Inzwischen malt er im Rollstuhl.
© Martin Müller/CFA
Georg Baselitz, der Verkehrtherum-Maler, der wegen seiner heftigen Äußerungen über Gesellschaft, Politik, Steuerbehörden, Frauen in der Kunst und Maler-Kollegen aus dem Osten, die er staatsnahe „Arschlöcher“ nannte, den Beinamen „der Grimmige“ tragen könnte, ist nun 85 geworden. Seine Berliner Galerie CFA (in der Grolmanstraße 32/33) richtet ihm zu diesem Anlass jetzt eine Geburtstagsschau aus. Zu sehen ist das Unverwechselbare und Imponierende an Baselitz, dem Maler und einstigem Professor an der heutigen UdK Berlin. Baselitz hat die menschliche Figur – und seine Alter-Egos, die Brücke-Maler – nie aufgegeben. Und ist wie sie seinen Gestalten brutal auf den Leib gerückt. Mit berserkerhaften Pinselschlägen oder mit der Kettensäge in fragmentierte Holzkanten, die Gesichter, Extremitäten und auch Geschlechter krass bemalt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]