Die Art Week läuft! Über 150 Kunstorte laden in diesem Jahr ein, Neues zu entdecken oder Bekanntes anders zu erleben. Über 1000 beteiligte Künstler:innen zeigen ihre Arbeiten. Museen, Galerien, Kunstvereine, Projekträume und selbst Clubs haben sich monatelang auf dieses Kunst-Event vorbereitet. Es wäre utopisch, bis Sonntag alles zu sehen, zu interpretieren oder gar zu bewerten. Darum haben wir uns für Sie auf den Weg gemacht und uns einige der diesjährigen Highlights herausgepickt.
Die Geschichte der Zivilisation ist von Gewalt durchzogen: Die Prager Künstlerin Eva Kotatkova hat im Gropius Bau eine Art Totemplatz -mit Performeren- installiert.
© Eva Kotatkova/ Gropius Bau
Wer sorgt, repariert, heilt? Das fragt „Yoyi!“ im Gropiusbau
Ins Deutsche übersetzt heißt „Yoyi“ einfach nur Bogen. In Bogenform aufgebaut um den Lichthof des Gropiusbaus ist dies nun die letzte Schau der scheidenden Direktorin Stephanie Rosenthal. Für sie beginnt ein neues Kapitel – sie übernimmt den Aufbau des Guggenheim Museums in Abu Dhabi.
Yoyi ist auch der Name einer zeremoniellen Zusammenkunft mit Gesang und Tanz in der Kultur der Tiwi im Norden Australiens. Als Einladung, gemeinsam zu feiern und zu trauern. Diese emphatische Absicht setzt die Schau „Yoyi!“ mit den Werken von 26 Stipendiaten, die hier monatelang in einer Art Residenz zusammenarbeiteten, fort, mit Arbeiten rund um die Themen Fürsorge, Reparatur und Heilung.
Alle Installationen, Skulpturen, Bilder, Videos und Sound-Objekte, die hier zur Art Week und noch bis Mitte Januar 2023 bogenförmig arrangiert wurden, knüpfen direkt an die endende Berlin Biennale an. Deren Credo war, auf die vielfältigen Möglichkeiten und Chancen zu verweisen, wie unsere kaputte Welt zu reparieren wäre. Was wir, beunruhigt wie ermutigt durch Kunst aus allen Erdteilen, für die aus dem Gleichgewicht gebrachte Natur tun könnten. Gegen den Raubbau an lebensnotwendigen Ressourcen, gegen bittere Not der Ärmsten, gegen Ungerechtigkeit, Gewalt und auch gegen Krieg.
Etliche Werke dieser Ausstellung thematisieren physische und psychische Traumata in Verbindung mit sexueller Gewalt – ausgeübt durch europäische Kolonisatoren, durch die NS-Diktatur, oder auch durch heutige Verbrechen in Krisen- und Kriegsgebieten. Die junge Tschechin Eva Kotatkova hat eine für diese Ausstellung ikonische, riesige Käfig-Installation aufgebaut. Von weitem wirken die hohen lanzenähnlichen Stangen in den Gittern wie ein Rasterfeld voller Banner. Daraus werden beim Herangehen eher Totems, unten liegen Kleidungsstücke und puppenartige, wie aus dem Leben gerissene Körper. Ab und an übernehmen diese Rolle Performer. Oben sind Zeichen zu lesen: Vogelköpfe, Gerippe ausgestorbener Lurche. Es sind Chiffren, die daran erinnern, was einmal war und verloren ging durch das, was die Erde und ihre Lebewesen zerstört: ungezügelte Gier und Gleichgültigkeit.
Auch Kader Attia, der in Algerien geborene Bildhauer aus Frankreich, der auch Chefkurator der Berlin Biennale ist, setzt mit seiner Raumskulptur „On Silence“ ein starkes Zeichen. Von der Decke baumeln massenhaft Prothesen: Beine, Arme, Fragmente menschlicher Extremitäten. Sie wirken wie ein marionettenhaftes Ersatzteillager von Körperteilen, wie Substitute kriegerischer Gewalt. Wie Metaphern zu Schillers sarkastischer Verszeile: „... doch der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn…“.
Hoffnung auf Heilung vergibt ein raumfüllender Lehm-Dom des Künstlerkollektivs Tabita Rezaire & Amakaba, ihrerseits Franzosen mit afrikanischen Wurzeln. Im Inneren des archaischen Rundbaus stehen vier Video-Monitore. Da laufen Filme zum „Singing Bee Garden“, wo Farmer, Imker und Heger mit ihrer Arbeit und ihrem spirituellen Wirken den Einklang mit der Natur wiederherzustellen versuchen. Ingeborg Ruthe
Gropiusbau, Niederkirchnerstr. 7. Bis 15. Januar
Alles nur Fake? Anna Uddenbergs „benutzbare“ Skulpturen
Alles Mögliche fällt mir ein, als ich den 1969 von Richard Paulick als Oktogon gebauten Schinkel Pavillon hinterm Kronprinzenpalais betrete. Die Schwedin Anna Uddenberg, geboren 1982 in Stockholm – in ihrer Wahlheimat Berlin von der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler vertreten – hat vier Skulpturen in diesen verglasten Raum gestellt, und bietet sie als „benutzbar“ an. Aber so richtig wüsste ich nicht, wie ich mich in diese Mischgebilde aus Stahl, Plastik und Polstern zwängen sollte, die mal wie Liegesessel in der Flugzeug-Luxusklasse, mal wie Weltraumsessel in einem Science-Fiction-Film, aber auch wie absurde Krankenstühle, Klinikbetten oder Geburtssessel im Kreißsaal aussehen. Letztere Assoziation wird von den weichen Polstern und den Babykörbchen ähnelnden Teilen bestärkt.
Sind wir im Kreißsaal? Vieldeutige Skulptur von Anna Uddenberg im Schinkel Pavillon. Immer Samstags und Sonntags sogar mit Riesenbaby-Performance.
© Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler Berlin
Uddenberg nennt diese Chimären „Fake-Estate“. Und an den Wochenenden lässt sie junge Männer als Baby-Fakes in niedlichen Windelhosen zwischen ihren monströs schönen „Sesseln“ performen. Es gehe ihr darum, wie Objekte „durch ihre Funktionsweise Kontrolle über Subjekte, die sie benutzen, erlangen“. Benutzen und Benutzt-Werden wechseln sich dabei ab wie Beherrschung und Unterwerfung.
In Anlehnung an masochistische Praktiken, in denen der Körper willentlich zur Demütigung freigegeben wird, will diese Kunst Kollisionsmomente provozieren, Fragen nach Eigentum und den Grenzen des freien Willens stellen. Wem gehören unsere Körper, unser Geist? Unsere Daten? All das, was wir tagtäglich der Kontrolle durch benutzerfreundliche Technologien, Algorithmen, Werbung überlassen.
Passend zu diesen Fragen ließ Uddenberg die Oberflächen ihrer so seltsamen wie perfekten Skulpturen im 3D-Druckverfahren erstellen. Und so werden die Materialien – gebürsteter Edelstahl, Rattan, Lochblech, Furnier – zum Fake ihrer eigenen Materialität. Aber Uddenberg dehnt ihre Skepsis noch weiter aus, will mit ihren „Fakes“ auch das „gefakte“ Umfeld des Schinkel-Pavillons aufzeigen. Etwa die eklektischen Fassadenbauten, die meist als pure Kapitalanlagen fungieren, während sie das romantisierte Bild eines vermeintlich historischen Berlins vorgaukeln. Ingeborg Ruthe
Schinkel Pavillon, Oberwallstr. 32, bis 31. Dezember
Eine Momentaufnahme aus der Serie „Casa Susanna“ in der Sammlung von Cindy Sherman
© . Courtesy Cindy Sherman Collection
Queerness in Photography (C/O Berlin)
Immer wieder wird behauptet, dass es ein Trend sei, sich als trans oder nicht-binär zu definieren. Dass das ein neumodisches Phänomen sei, dass es erst seit ein paar Jahren gäbe. Solche Behauptungen dienen oft dazu, die (sexuelle) Identität von queeren Menschen anzuzweifeln oder gar gänzlich in Abrede zu stellen. Wer solche Fake News kolportiert, weiß es womöglich wirklich nicht besser. Das Wissen über genderfluide Identitäten und ihre Geschichte(n) ist gering – und das hat viel damit zu tun, dass Bilder fehlen oder versteckt wurden, nicht selten aus Scham.
Die dreiteilige Fotografie-Ausstellung „Queerness in Photography“ im Ausstellungshaus C/O ist demgegenüber als fantastisches, zauberschönes Sichtbarmachen dieser Identitäten zu verstehen. Auf den ersten Blick am spektakulärsten ist wohl im ersten Obergeschoss die von der Schauspielerin Tilda Swinton kuratierte Schau „Orlando“. Swinton gilt spätestens seit ihrer genderfluiden Orlando-Rolle im gleichnamigen Spielfilm von Sally Potter (nach dem Kult-Roman von Virginia Woolf) von 1982 als androgyne Ikone. Für die nun auch bei C/O gezeigte Schau hat sie das Who‘s who der zeitgenössischen queeren Fotografie versammelt, von Walter Pfeiffer bis Elle Peŕez. Ein Glück in allerlei Knallfarben, die von Transition erzählen.
Etwas unscheinbarer, aber von unermesslichem historischem Wert sind die im Erdgeschoss gezeigten Amateur-Aufnahmen, viele davon schwarzweiß, manche nachkoloriert: Der Filmemacher Sébastien Lifshitz hat über Jahrzehnte hinweg auf Flohmärkten Fotos gesammelt, von Menschen, die sich gender-nonkonform in Szene setzten. Es sind großteils keine Promis oder Glamour-Cabaretstars, sondern Normalos von nebenan. Über ihre Existenz ist wenig bis gar nichts bekannt. Gerade deshalb hat es etwas ungemein Empowerndes, hier bei C/O im Erdgeschoss im Ausstellungskapitel „Under Cover “ zu sehen, wie sie sich etwa in Kleidern als stolze Hausfrauen im Vorgarten präsentieren. Es sind Bilder aus den 1930ern bis 1950ern.
Ein weiteres Highlight: Fotos von Soldat:innen, die sich in Kriegsgefangenschaft in Drag-Schale warfen, dies- und jenseits improvisierter Theaterbühnen. Ein Schutzraum für Queers wurde im New York der 1950er und 1960er das Casa Susanna und die berühmte Verkleidungskünstlerin Cindy Sherman hat Fotografien aus diesem Haus gesammelt. Auch diese sind nun bei C/O zu sehen. Ein klasse Gesamtpaket, das C/O da geschnürt hat, zur Art Week und darüber hinaus – mit einem Begleitprogramm, das bis in den Januar hineinreicht. Stefan Hochgesand
C/O, Hardenbergstraße 22, bis 18. Januar 2023
Kassandra hat geduscht: Elke Petri 1982 in einer Pause der Aufzeichnung von Peter Steins „Orestie des Aischylos“.
© Ruth Walz
Theatermomente: Die Fotografin Ruth Walz bei Grisebach
Sie gehört zum Repertoire der Moderne, von Lucia Moholy am Bauhaus bis in die Kunstorte bundesdeutscher Kleinstädte: die Frau mit Kamera, die die baulichen, bildnerischen oder theatralischen Großtaten der Herren festhält. Und dabei selbst verschwindet. Er: „Du machst das doch, Schatz, ich traue nur dir.“ Sie: „Ja.“ Doch in der Ruth-Walz-Ausstellung in den zeitgenössischen Räumen von Grisebach ist alles anders.
Von der Kandare des Dokumentierens befreit und zu thematischen Gruppen wie „Duos“ oder „Gesichter“ gehängt, können die 116 ausgewählten Bilder der berühmten Theaterfotografin ihre Kraft voll ausspielen. Das Resultat sind Augenblicke menschlicher Wahrhaftigkeit, gerade weil sich darin die Person und die Rolle, Sein und Spiel überlagern. Das vorherrschende Gefühl von Frische und Tiefe, ja einer ernsthaften Leichtigkeit, hat wohl damit zu tun, dass hier eine 1985 geborene Frau auf das Oeuvre einer 1941 geborenen schaut: Ruth Walz gab der jungen Kuratorin Sarah Hadda keinerlei Vorgaben und ließ sie nach Belieben die Kartons ihres imposanten Archivs von Originalabzügen öffnen. „Sie hat mir soviel Vertrauen geschenkt, dass ich Boxen mit Bildern sogar mit nach Hause nehmen durfte“, sagt Hadda.
Und natürlich ist diese Ausstellung – die Nachgeborenen werden es verschmerzen – auch ein Erinnerungsfest für alle, die die eine oder andere Schaubühne-Inszenierung damals miterlebt haben. Denn hier trifft man sie alle: Jutta Lampe 1980 als vor sich hin brütende Pallas Athene in Peter Steins „Orestie“; Bruno Ganz als ballerinohaft eleganter Dänenprinz in Klaus Michael Grübers unvergesslichem „Hamlet“, oder Robert Wilson beim Ausrichten der Fingerhaltung einer Schauspielerin, ganz so, als würde er Walzer mit ihr tanzen. Nicht zu vergessen das lachhaft lange Telefonkabel in Luc Bondys Inszenierung von Botho Strauß‘„Kalldewey, Farce“. Und darüber schwebend: Edith Clevers Jahrhundertgesicht. Ruth Walz war dabei und hat auf den Auslöser ihrer Hasselblad oder Nikon gedrückt. Nicht irgendwann, nicht zeitnah, sondern im richtigen Moment. Unbedingt ansehen. Margit J. Mayer
Grisebach Fasanenstr. 29 in Charlottenburg: „Ruth Walz − Die ganze Welt ist ein Theater“, bis 8. Oktober
Lampenshow im Amtsalon
© Markus Gröteke
Wo Zeitgenössisches mit Amtlichen verschmilzt
Nach zwei erfolgreichen ersten Auftakten öffnet der Amtsalon seine Türen für diese Art Week zum dritten Mal der Öffentlichkeit – als dreitägiges Pop-up ausgewählter Berliner Galerien. In dem denkmalgeschützten Gebäude, das einst das Amtsgericht Charlottenburg beherbergte und das sich dank behutsamer Restaurierung des Architekturbüro Grüntuch Ernst den Charme des Ungenutzten bewahrt hat, versammeln sich bis 18. September 14 namhafte (inklusive einer jüngst in Verruf geratenen) Berliner Galerien.
Zuvor war das Gebäude vom Lampenhersteller Bocci als Showroom genutzt worden. Die im Treppenhausaufgang wie frei schwebenden Lampen blieben hängen und sind – zumindest auf Instagram – zum visuellen Markenzeichen geworden. Den Räumen, die darum herum gruppiert jetzt als Galerien dienen, wurde neues Leben eingehaucht: das sprichwörtlich amtliche Ambiente mischt sich mit modernen und zeitgenössischen Positionen. Entstanden ist ein schillernder Kontrast zwischen Alt und Neu, von dem auch das Restaurant Lovis sowie das Boutique-Hotel Wilmina im ehemaligen Frauengefängnis im Hinterhof leben.
In den Räumen zeigt die Crone Galerie jetzt beispielsweise Gemälde des Multitalent-Künstlers Józef Jarema. Von Jarema, der 1900 in der heutigen Ukraine geboren wurde und 1974 in München gestorben ist, sind hier bunte, teils kubistisch wirkende Gemälde zu sehen. Ähnlich wie bei Mark Rothko oder Lyonel Feininger wirken Jaremas Bilder, als übersetzten sie Licht in Form. Anders als bei Rothko geht es dabei weniger um die Gegenüberstellung quadratischer Figuren, sondern um regelrecht mathematische Tangenten, die sich in diesen Bildern spiegeln und verschränken. Wäre Rothko ein Fenster, mit klaren Rändern und Kanten – Jarema wäre ein Prisma, das klare Strukturen invertiert.
Bei Kicken Berlin kann man diverse Fotografie-Formate sehen. Klassische Porträts wie das außergewöhnlich ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Porträt einer weißleuchtenden Katharina Thalbach mit Zigarette, von Sibylle Bergemann in den frühen 1970er Jahren fotografiert. Aber auch experimentellere Fotos wie die Fotozeichnung „Bowling Point“ (2022) von Christoph Niemann. Hier sehen wir eine geysirhafte Wasserdampfwolke aufziehen, die ein künstlich eingezeichnetes Lasso förmlich einzufangen versucht. Das Ephemere und Natürliche steht darin im Widerstreit mit dem Statisch-Künstlichen.
Und auch auf der jährlich stattfindenden Kunstmesse Positions in den Hangars 5-6 des stillgelegten Flughafengeländes Tempelhof kann man an diesem Wochenende Kunst genießen. Bei Anahita Contemporary gibt es etwa Fotos der Jemenitin Yumna Al-Arashi oder Malerei der Chinesin Wenxin Zheng zu sehen. Beide Positionen waren in den Räumen der Charlottenburger Junggaleristin bereits mit Einzelausstellungen vertreten. Der Galerist Kornfeld zeigt eine Keramikarbeit von Dominika Bednarsky, in der eine exaltiert wirkende Lilie aus einem Brathähnchen hervorragt – das Schöne verwächst mit dem Profanen. Es ist ein eklektischer Mix aus jungen und etablierten Positionen, die man hier sehen – und natürlich auch kaufen – kann. Hanno Hauenstein
Pop-Up im Amtsalon, Kantstraße 79, Charlottenburg / Kunstmesse Positions, Flughafen Tempelhof, Hangar 5 - 6, Tempelhofer Damm 45.
Nationalstaaten sind Influencer. Sagt Anna Ehrenstein bei OFFICE IMPART
Was ist aus dem Versprechen von Freiheit und Gleichheit durchs Internet geworden? Laut Anna Ehrenstein, einer deutschen Künstlerin mit albanischen Wurzeln, ist virtueller Post-Nationalismus eine Lüge. Das Internet – die „Cloud“ – sei unter den Nationalstaaten aufgeteilt worden. Diesen Fragmentierungsprozess beschreibt sie als „Balkanisierung“. Anders als Firmen müssen Staaten ihre Werbung auf Instagram nicht kenntlich machen.
Anna Ehrensteins Videoarbeit „The Nationstate as Instagram Influencer“, 2022
© Anna Ehrenstein(Galerie OFFICE IMPART
In der dreiteiligen Videoarbeit „The Nationstate As Instagram Influencer“, für die Ehrenstein mit anderen Künstlerinnen und Künstlern kooperiert hat, wird Ehrenstein zuerst selbst bei ihrem Opa in Albanien gezeigt. Sie will ihm „die Werte der Weißen“ beibringen, die jungen Albanern auf Social Media als erstrebenswert vermittelt werden. Zwischendurch wird ein Mann in Lederhose auf dem Oktoberfest eingeblendet, der in sein Bier erbricht. Im zweiten Teil ahmt die queere Künstlerin Lux Venérea den brasilianischen Präsidenten Bolsonaro nach, der Instagram für seine Kampagnen gegen Queerness nutzt. Und zeigt Ehrenstein Jonathan Omer Mizrahi auf einer Reise durch Israel dabei, wie der Staat Influencer zu bezahltem Urlaub einlädt.
Hypnose soll von der nationalistischen Technokratie befreien.
© Anna Ehrenstein(Galerie OFFICE IMPART
Ein weiteres Herzstück der Ausstellung: „Hypnose der Cloud“, für die die 29-Jährige selbst ein Hypnose-Diplom erworben hat. Die Betrachterin legt sich dabei auf eine Liege und setzt eine Virtual-Reality-Brille auf. Im 360-Grad-Video soll man die Position des Internets einnehmen. Ziel der Hypnose ist die Lossagung von der „technokratischen Diktatur“ des nationalistischen Denkens. „Du kannst verlernen, was du gelernt hast“, sagt Ehrenstein laienhaft in einem kurzen Kleid, während sie ein Pendel hin- und herschwingt.
„Was ist eine Tech-Firma, wenn das Internet alles ist?“, fragt die Schau und macht deutlich: Die Komplexität der digitalen Welt hat uns längst überrollt. Macht wird virtuell aufgeteilt – nicht nur zwischen Firmen, auch zwischen Staaten. Lenja Stratmann
Office Impart, Waldenserstraße 2-4, Moabit, 15.09. - 22.10.2022
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]