Kunstfest, Kassenknüllerabschussrampe, Werbeplattform, Party: Heute beginnt die 57. Berlinale

Sein oder Nichtsein

Anke Westphal
6 Min

Ob Angelina Jolie zur Berlinale kommt, weiß man nicht. Auf der Gästeliste, die das Festspielpressebüro veröffentlicht hat, ist sie nicht verzeichnet. Man versteht das: Da ist einerseits die Geheimhaltung, und dann hat Jolie auch viel zu tun, als Star, als Adoptionsprofi und als Mutter. Aber vielleicht fliegt sie ja doch noch ein zur Premiere von Robert De Niros CIA-Drama "The Good Shepherd" am Sonnabend, im Wettbewerb der Berlinale. In diesem Film spielt Jolie eine schöne, enttäuschte Ehefrau; ihre Präsenz auf dem roten Teppich läge also nicht ganz fern. Und außerdem scheint die Jolie Berlin zu mögen. Jedenfalls hat sie schon mal am Helmholtzplatz Kinderspielzeug für ihre Sprösslinge gekauft. Und jetzt soll sie sich sogar eine Wohnung in Mitte zulegen.Heute beginnt die 57. Berlinale. Einiges von dem, was sie uns bringen wird, wissen wir schon jetzt, und dies weitaus ungenauer als uns lieb sein kann. Nehmen wir nur den Fall Angelina Jolie: Vergangene Woche las ich in vier Publikationen ein- und dasselbe, textidentische Interview mit dieser Schauspielerin, in einer Frauenzeitschrift, in einer großen Wochenzeitung und in zwei großen Tageszeitungen. Ich will damit nicht andeuten, dass derjenige, der das Interview geführt hat, zu geschäftstüchtig war. Nein, ich will vielmehr sagen, dass es keine Katastrophe sein wird, wenn Jolie jetzt doch nicht nach Berlin kommen sollte. Es wurde ja bereits mehr als flächendeckend verbreitet, dass sie an einem neuen Produkt mitgewirkt hat und wie sehr sie ihr Leben genießt. Nun sind aber auch mal andere dran! Etwa Robert De Niro, Clint Eastwood oder auch Antonio Banderas - alles angekündigte Berlinale-Gäste, auf die wir uns freuen. Wenn die Berlinale vorbei ist oder noch während sie stattfindet, werden wir in verschiedenen Publikationen mit Sicherheit ähnliche Interviews mit ihnen allen lesen können.Damit soll vor allem eines verdeutlicht werden: Die Berlinale ist für jeden etwas anderes. Für die Presseagenten, die die Interviews mit den Stars organisieren (falls die überhaupt welche geben; oft stehen sie nur dem Fernsehen zur Verfügung), ist das Filmfestival ein großer Multiplikator: Man setze acht bis zwölf Journalisten für fünfzehn oder zwanzig Minuten an einen Tisch - und voilà! Schon hat man, bei recht geringem Zeit- und Raumaufwand, sein Ding in allen Medien!Das ist das Betriebssystem; die Berlinale ist aber noch weit mehr: Für all die Regisseure, Schauspieler, Kameraleute, Drehbuchautoren, Tonmeister, Schnittleute, Requisiteure, die einen Film beim Festival vorstellen, ist sie eine große und mitunter schreckliche Prüfung, die natürlich als tolle Party ausgegeben wird, damit man ja nicht in den Ruf gerät, ein Spielverderber zu sein. Ähnlich ergeht es dem Festivaldirektor Dieter Kosslick und seinen Mitarbeitern - für sie ist die Berlinale nicht nur eine als große bunte Party verkleidete Prüfung mit automatisch eingebauten Fallen, sondern gleichzeitig auch ein Marathon, der bei demonstrativ guter Laune gegen alle mehr oder weniger berechtigte Kritik durchzustehen ist. Kosslick hat selbst zugegeben, dass er "auch schon mal einsam war" mit seiner Entscheidung für gewisse Berlinale-Eröffnungsfilme; niemand wollte seine Begeisterung für sie teilen. Doch nun wird der Ton verschärft: So fragt das Wochenmagazin Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe nicht ohne hämischen Unterton, ob das Kosslick-Festival etwa nur Ladenhüter prämiert. Anlass sind unter anderem die Einspielergebnisse des letztjährigen Gewinners des Goldenen Bären "Grbavica - Esmas Geheimnis". Dass nicht der Berlinale-Direktor den Siegerfilm bestimmt, sondern eine unabhängige Jury sich nach einiger Diskussion auf ihn einigt - das wollen wir nicht unerwähnt lassen.Die Berlinale ist seit einigen Jahren gesellschaftskritisch, mehr noch politisch ausgerichtet. Und auch in diesem Jahr behält sie dieses Profil bei - mit Filmen über die schwankende, gefährdete Identität des Menschen in Zeiten kollabierender sozialer Systeme. Aber was wird von so einem Filmfestival wie der Berlinale nicht noch alles erwartet: Kassenknüllerabschussrampe soll es sein, Werbe-Multiplikator und ganz tolle Party. Das deutsche Filmschaffen soll es selbstbewusst repräsentieren, dies aber wiederum auch nicht so, dass unschöne Nationalismusgerüchte aufkommen. Die Berlinale soll in ihrem Wettbewerb glamouröse, aber auch gewichtige Themen verhandeln - für die Nebensektionen interessieren sich, so eine zunehmend die Oberhand gewinnende Meinung, ohnehin nur Spezialisten.Das Wichtigste soll hier zum Schluss aufgeführt werden - das, was die Berlinale nicht nur sein soll, sondern das, was sie bis jetzt immer noch ist: ein wunderbares Fest des Kinos und der Filmkunst - und zwar für alle, nicht nur für Fachbesucher, PR-Agenten oder Journalisten. Ein Refugium der ästhetischen Betrachtung und des Austauschs darüber. Ein Ausblick auf brennende Themen und ein Zugang zu einer Welt neuer Erzählformen. Ein Spiegel global gemeinsamer Freuden und Nöte ebenso wie regionaler Besonderheiten - und ein filmischer Verweis auf all das, was vernachlässigt oder gleich ganz übersehen wird in der Alltagsroutine.Etwa die Voraussetzungen für einen großen, dauerhaften Erfolg: "La vie en rose", der Eröffnungsfilm der 57. Berlinale kommt aus Frankreich - einem Land, das sich für Berlin gleich mit vier Wettbewerbsbeiträge qualifiziert hat und in dem die Filmkunst eine lange Tradition und die höchste Achtung genießt, auch wenn sie keine hohen Quoten bringt (siehe Seite 30). In drei Jahren wird die Berlinale 60 Jahre alt. Dass Tradition und Achtung zusammen gehören, wissen ihre Organisatoren: Nicht zufällig pflegt die Berlinale besonders die Filmgeschichte, in der Retrospektive "City Girls" über Frauenbilder der Stummfilmzeit und der Hommage an den Regisseur Arthur Penn (beides Seite 31), aber auch in vielen Sonderaufführungen.Filmfestivals haben höchste Verantwortung - schließlich reflektieren sie in ihrem Programm vor allem verschiedene Politiken der Blicke und der Bilder. Und die Wachheit des Blicks, den Stolz auf die Ausnahme zu wecken, die uns weiterführt - auch das ist eine wichtige Aufgabe von Filmfestivals. Wenn sich die mediale Wahrnehmung der Berlinale nur noch den Abendroben widmet, dann sind wir arm dran. Und wer bisher kein Interview mit Angelina Jolie gelesen hat, der bastelt sich selbst eins.------------------------------Filme und Zahlen der 57. BerlinaleEröffnung heute um 19.45 Uhr im Berlinale-Palast (Marlene-Dietrich-Platz) mit "La vie en rose". Am 18. Februar endet die 57. Berlinale.Anzahl der Filme, die während der Berlinale gezeigt werden: 373. Kurzfilme: 74.Anzahl der Wettbewerbsfilme: 22; dazu kommen vier Filme außer KonkurrenzGesamtzahl der deutschen Filme: 59Anzahl der Filme von Frauen: 78Zahl der Filmvorführungen insgesamt: 1 190Weitere Informationen unter www.berlinale.de------------------------------Foto: Schon ausverkauft? Filmfreunde bei der Planungsrunde neben den Ticketschaltern am Potsdamer Platz.

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