Kino

Die vergessenen Kurden der Sowjetunion: Ein Filmfestival holt sie ins Licht

Das 16. Kurdische Filmfestival Berlin zeigt bis 1. Oktober über 30 Filme im Babylon – von sowjetischen Archivaufnahmen bis zu aktuellem Kino aus Kurdistan.

3 Min
Szene aus dem Eröffnungsfilm „My Uncle Jens“

Szene aus dem Eröffnungsfilm „My Uncle Jens“

© Tangaj Production

Wenn von kurdischer Geschichte die Rede ist, denken die meisten an die Türkei, an den Irak, den Iran oder Syrien – die Länder, in denen das kurdische Siedlungsgebiet heute zerteilt liegt. Weniger bekannt ist dagegen, dass auch die Sowjetunion eine kurdische Bevölkerung hatte. Unter Stalin wurden 1937 und 1944 Kurden aus dem sowjetischen Kaukasus nach Zentralasien deportiert; danach lebten sie über Jahrzehnte unter strenger staatlicher Kontrolle. Sie entwickelten eine eigene Kultur mit Literatur, Radio und Film.

Dieser selten erzählten Geschichte widmet sich das 16. Kurdische Filmfestival Berlin, das an diesem Freitag mit „My Uncle Jens“ von Brwa Vahabpour im Kino Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnet. Der Regisseur wird anwesend sein. Bis zum 1. Oktober zeigt das Festival über 30 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme aus Kurdistan und der Diaspora – von Norwegen über den Iran bis nach Armenien.

Ein Kapitel, das selten erzählt wird

Die Leiterin des Festivals, Nubar Lorin Hamamci, will nicht nur die Aufmerksamkeit auf die Geschichte von Deportation und Repression legen. Sie interessiere besonders, wie Menschen unter sehr unterschiedlichen politischen Bedingungen ihre kulturelle Identität bewahren und weiterentwickeln konnten, sagt sie. Über Jahrzehnte habe sich so, zwischen staatlicher Kontrolle und kultureller Selbstbehauptung, eine eigenständige kurdische Kulturlandschaft entwickelt.

Archivbilder aus der Sowjetzeit

Das Festival macht diese Geschichte in seltenen historischen Aufnahmen sichtbar: Der 1929 in Sowjetarmenien gedrehte Stummfilm „Zare“ erzählt von einem kurdisch-jesidischen Jungen und seiner Freundin, die um ihr Recht auf eine glückliche Liebe kämpfen. Der Dokumentarfilm „Kurds in Soviet Armenia“ von 1947 zeigt den Alltag der kurdischen Gemeinschaft im sozialistischen Aufbau.

Auch der 1938 in der Sowjetunion entstandene Dokumentarfilm „Rotes Kurdistan“ läuft in seiner historischen Originalfassung: Er zeigt den sozialen und kulturellen Wandel der kurdischen Bevölkerung nach der Oktoberrevolution, in deren Zuge im heutigen Karabach kurzzeitig die autonome Region Rot-Kurdistan entstand. Dazu läuft „1930 Zîlan“, eine aktuelle Dokumentation über das Massaker, das staatliche Kräfte im Sommer 1930 im türkischen Zilan-Tal während der Niederschlagung des Ararat-Aufstands verübten.

Gegenwart: Flucht, Widerstand, Identität

Daneben zeigt das Festival aktuelle Arbeiten zu Flucht, Widerstand und Identität: „Rashid, the Boy from Sinjar“ begleitet einen jesidischen Jugendlichen, der als Kind die Gefangenschaft des IS überlebt hat und heute von einer besseren Zukunft in seiner Heimat Sindschar träumt. „To My Sisters“ verwebt drei Geschichten von Widerstand, Überleben und Radikalisierung unter dem IS, „Earth Song“ erzählt von einer zwischen Konfliktgebieten und Familie zerrissenen Ärztin.

Leisere Töne finden sich in „Wie die Nelken“ und „Harika“ über Queerness und Generationenkonflikte in Berlin sowie in „Karapetê Xaço“, einem Porträt der kurdischen Dengbêj-Gesangstradition. Mehrere Regisseurinnen und Regisseure, darunter Miral Kilo und Erol Mintas, kommen auf dem Festival zu Publikumsgesprächen.

Kurdisches Filmfestival. 25. Sept. bis 1. Okt. im Kino Babylon Mitte am Rosa-Luxemburg-Platz, Tickets und das vollständige Programm gibt es unter babylonberlin.eu

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