MARTIN KLESMANN misstraut einer Charme-Offensive, die vom Dienstherrn angeordnet ist.Der gemeine Berliner Behördenmitarbeiter ist ein echter Stinkstiefel. Die Polizisten sind unfreundlich und können kein Englisch. Die hiesigen Busfahrer lassen die Touristen aus aller Welt gerne im Regen stehen. Und selbst die Messe-Hostessen lächeln viel, viel zu wenig. Das jedenfalls meinen offenbar der Senatssprecher, der Polizeipräsident, der BVG-Vorstand, der Vertreter der Messe Berlin, der Chef des Taxifunks und weitere Führungskräfte. Gemeinsam haben sie jetzt eine große Freundlichkeitskampagne für Berlin ausgerufen.Die Spitzenkräfte der Berliner Gesellschaft drücken damit, ob sie es wollen oder nicht, den eigenen Mitarbeitern ihre Geringschätzung aus. Durch das Tragen eines Buttons, auf dem ungelogen ein Herz mit Schnauze gezeichnet ist, sollen Polizisten, Busfahrer und Servicekräfte nun öffentlich Besserung geloben. Sie sollen mehr lächeln, freundlicher und hilfsbereiter sein.Es ist ja so, dass nicht alle Menschen, die an der deutschen Ostseeküste aufwuchsen, spröde und mundfaul sind. Auch der Berliner erfüllt längst nicht immer das Klischee der brachialen Kodderschnauze, aus der nur Unflätigkeiten herauswollen. Genau dieses Klischee aber verfestigt der Senat mit seiner Freundlichkeitsanweisung. Er tut so, als sei der zivilisierte Umgangston in Berlin so selten, dass er auf die UN-Liste der bedrohten Sprachen gehört.Ergreifend ist dabei die Naivität, mit der die Verantwortlichen davon ausgehen, dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mal eben so von oben verordnet werden könnten. Wenn's nicht klappt, könnte der nächste Schritt darin bestehen, eine Lichterkette mit 500 000 Teilnehmern gegen die vermeintliche Berliner Unfreundlichkeit zu organisieren. Lässt sich auch gut vermarkten. Seite 22
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]