Landowsky rutscht in die Tiefe, sein Milieu folgt ihm nach. Über das alte West-Berlin

Durchgangsstation, endgültig

Martin Bauer
5 Min

Die berühmtesten Bahnhöfe Europas sind alte, imposante Kopfbahnhöfe. In ihnen enden die Züge und alle Reisenden steigen aus. Sie haben ihr Ziel erreicht, sind dort angekommen, wohin berufliche Pflichten oder private Neigungen sie gerufen haben. Einen Bahnhof diesen Typs hat West-Berlin nie besessen. West-Berlins wichtigster Bahnhof, Zoologischer Garten, war ein mickriger Anblick. Die sakrale Aura der großen aus dem späten 19. Jahrhundert stammenden Hallenkonstruktionen fehlte ihm gänzlich. Er verfügte über vier bescheidene Gleise und waren die Reisenden ausgestiegen, setzte sich der so gut wie leere Zug Richtung Osten in Bewegung. Eigentlich konnte ein Reisender hier nicht ankommen, eine solche Station ließ sich im Grunde nur passieren. Schon auf ihren Bahnsteigen haftete der Stadt etwas Provisorisches an, war eine kommunale Zivilisation des Ersatzes spürbar. Das Vorläufige geriet in West-Berlin schnell zum Endgültigen. So ist der Bahnhof Zoo nicht als eiserne Kathedrale der Mobilität berühmt geworden, sondern, paradoxerweise, als eine Endstation im buchstäblichen, also fatalen Sinne. Bis in die frühen achtziger Jahre galt er als ein Garten urbaner Düsternisse, zentraler Unterschlupf der verlorenen, rauschgiftsüchtigen Seelen. Mitten in West-Berlin war eine öffentliche Arena privater Selbstzerstörung entstanden. An einem Verkehrsknotenpunkt trafen sich jene desperaten Hungerkünstler täglich, für die es im Angebot des Wohlstands offenbar nichts gab. Sie alle hätten auf den Namen Christiane F. hören sollen, um den West-Berliner Bürgern und ihren aus dem Bundesgebiet angereisten Gästen eine sentimentale Geschichte zu erzählen, einen Trivialmythos zu bebildern, in dem zunächst von Niedergang, Abhängigkeit und Entwürdigung, sodann aber auch von Umkehr und erlösender Rettung die Rede war - von gelingender Selbsterhaltung angesichts widrigster Lebensumstände. Tatsächlich aber gab es viele Drogentote am Bahnhof Zoo, gab es lüsternen Voyeurismus zu allen Tages- und Nachtzeiten, schließlich sozialhygienische Maßnahmen des Senats. Sie kombinierten drastisch erhöhte Polizeipräsenz mit verbesserter Sozialarbeit, so dass am Ende keine Junkies mehr sichtbar waren - jedenfalls dort nicht, wo die Züge ankamen.Auch die schönste Buchhandlung West-Berlins umfing ihre Besucher mit dem merkwürdigen Charme, der Vorläufiges endgültig erscheinen lässt. Gerade das beiläufig zum Dauerzustand verfestigtes Provisorium war von großer Anziehungskraft für gewisse Teile der West-Berliner Intelligenz, die sich in der Heinrich-Heine-Buchhandlung sicherlich auch deshalb gerne einfanden, weil sie als Bahnhofsbuchhandlung schon damals die festen Ladenzeiten ignorieren durfte. Vor allem abends und an den Wochenenden waren die wenigen Quadratmeter des Ladens dicht bevölkert. Manchmal verirrten sich befremdete Touristen hierher, die in völliger Unkenntnis der Üblichkeiten nach Stadtplänen oder Postkarten zu fragen wagten. Absurd! Denn diese Bahnhofsbuchhandlung war in Wahrheit ja gar keine Bahnhofsbuchhandlung. Hier wurden nicht Kursbücher gehandelt, sondern Oden. Eine auf Dissidenz gestimmte Kundschaft durchwühlte das Bücherchaos im kleinen Vorraum und beengten Hinterzimmer, sie fand auf den verwinkelten Regalen, die bis unter die hohe Decke reichten, die literarischen Neuerscheinungen gleich neben einem verstaubten Sammelband zu Kants transzendentaler Deduktion. Das Prinzip unklarer, verblüffender Nachbarschaft war das allgemeine Ordnungsmuster. Und alle Besucher schienen auf der Durchreise zu sein, nur eben Station zu machen, obwohl durchaus kontemplative Naturen erschienen, in denen sich großstädtische Nervosität, mitunter asketische Schärfe und ein gelegentlich verstohlener Hedonismus, den begrenzte Mittel allerdings wieder dämpften, merkwürdig amalgamiert hatten. Auch sie Hungerkünstler einer ganz eigenen Art, denen der noble Patron, hielten sie ihm lange genug die Treue, kleine Rabatte bei der Schlussabrechnung einräumte. Erstaunlich genug, denn in all den Jahren konnte die Heinrich-Heine-Buchhandlung die mit den Verlagen vereinbarten Zahlungsziele immer nur mit knapper Not erreichen. Ständig drohte Insolvenz, aber die Institution durfte auf die Nachsicht der westdeutschen Verleger setzen. Jenes ausgeklügelte Kreditsystem, das die Stadt als Ganze finanzierte, erhielt auch ihren über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Sortimenter am Leben. Dann starb mit ihm und der anstehenden Sanierung des gesamten Bahnhofsgebiets dieses privilegierte, wiewohl bescheidene Leben in einer der vielen Nischen West-Berlins. Ein Austausch zwischen literarisch-akademischen Zirkeln, bürgerlichem Publikum und politischen Öffentlichkeiten ist in den Zeiten West-Berlins nicht zu Stande gekommen. Die zivilisierende Zumutung, sich über ästhetische Geschmacksurteile, politische Meinungen und Differenzen des Lebensstils im Medium des Arguments zu verständigen, blieb den Westberliner Milieus weitgehend erspart. Von Dahlem bis Moabit, von Spandau bis Mariendorf konnten sich die Narzissmen der kleinsten Differenz ziemlich ungestört entwickeln. Verdrehte Realitätswahrnehmungen waren die Produkte solcher Verwahrlosung. Nicht weltläufige Toleranz, sondern kleinbürgerliche Indifferenz organisierte die Nachbarschaften.West-Berlin war also keine Idylle. Es hatte repräsentative, um nicht zu sagen: ideologische Aufgaben zu erfüllen. Einspruch war gegen die Faktizitäten der Nachkriegsordnung zu erheben. Dass letzte Worte noch nicht gesprochen seien, war immer das letzte Wort, die im performativen Widerspruch der Stadt eingelagerte Botschaft. Sie sollte einer womöglich gemütlichen Resignation in den Status quo widerstehen, sollte den mit jedem vergehenden Jahrzehnt immer plausibler werdenden Verdacht entkräften, dass die Teilung der Nation eine endgültige sei. Sie war das angesichts solcher Schizophrenien umhegte und bundesversorgte Randgebiet, das die Grundlagen des Ganzen zu symbolisieren hatte. Niemand sollte sich in einem Zwischenzustand einrichten, ohne zu vergessen, dass es sich um ein Interim, eine lange Pause handelt. Es war wie eine lange Pubertät. West-Berlin steckte voller Existenzen, die sich als querständig, kühn und gefährlich empfanden und doch unter Protektion lebten, in einem Schonraum, wie er der Pubertät entspricht."Ach", notierte der polnische Romancier Witold Gombrowicz, der als Gast der Fordstiftung 1964 ein heute wieder höchst lesenswertes Westberliner Tagebuch führte, "wie oft musste ich gerade darüber lachen, was für ein Witz, was für ein historischer Schelmenstreich, dass ausgerechnet hier, im Zentrum der Katastrophen, die Leute das bequemste Leben haben und am besten verdienen. Wie komisch, dass sie sich unter all den Brand- und Sprengbomben nach oben gearbeitet haben - als wäre nichts passiert, rotbäckig und außerdem mit Necessaires, mit Badezimmern...Empörend! Wo bleibt die Gerechtigkeit...der elementare Anstand!""Was für ein historischer Schelmenstreich, dass ausgerechnet hier im Zentrum der Katastrophen die Leute das bequemste Leben haben. " W. Gombrowicz, 1964 ULLSTEIN Man wartet. Unter der Normaluhr am Bahnhof Zoo, 1977.

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