Alles fing mit einem Anruf an. Ein Freund informierte Christian Nicklisch, dass wieder ein Auto mit geöffnetem Kofferraum neben einem seiner Sonnenblumenfelder stand. „Solche Anrufe bekomme ich öfters, diesmal hatte ich Glück“, so der Landwirt aus dem Großenhainer Ortsteil Treugeböhla im Landkreis Meißen.
Er erwischte den Erntedieb auf frischer Tat. Der hatte Eimer und Schere dabei, um die Köpfe der fast reifen Sonnenblumen zu ernten. Als Futter für die Hühner, erklärte der Ertappte Täter dem Landwirt. Seine Schuldbewusstsein hielt sich in Grenzen. „Ich soll mich nicht so haben“, hat er gesagt, erklärt Christian Nicklisch. Die von ihm angedrohte und schließlich auch gestellte Anzeige bei der Polizei machte den Mann dann doch etwas nachdenklich.
Zurecht, denn Erntediebstahl ist kein Kavaliersdelikt. Wer Obst, Gemüse oder Feldfrüchte von Äckern, Plantagen oder Bäumen ohne Einverständnis des Eigentümers mitnimmt, begeht einen Diebstahl gemäß Paragraph 242 des Strafgesetzbuchs. Selbst bei kleinsten Mengen handelt es sich um eine Straftat, die als Diebstahl geringwertiger Sachen nach § 248a verfolgt werden kann. Und Christian Nicklisch ergänzt, dass schon das Betreten der Felder einen Gesetzesverstoß darstellt.
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Er selbst ist oft in den sozialen Medien unterwegs, nimmt seine Follower mit auf die Weide und auf das Feld, zeigt Filme von der Ernte und von der Geburt eines kleinen Bullen. „Mein Ziel ist es, den Menschen unseren Alltag als Landwirte wieder ein Stück näher zu bringen“, so der Landwirt, der selbst Vater dreier Kinder ist. Der Felddiebstahl treibt ihn schon lange um und ist kein Einzelfall.
Die Berliner Farm Crime-Untersuchung ist die erste wissenschaftliche Studie, die sich gezielt mit Kriminalität gegen Landwirte beschäftigt. Geleitet wurde die quantitative Online-Befragung von Prof. Dr. Kirstin Drenkhahn und Christoph Nagel vom Arbeitsbereich Strafrecht und Kriminologie an der Freien Universität Berlin. Rund 500 Landwirte beteiligten sich an der Erhebung in den Jahren 2022 und 2023.
Mehr als jeder zweite Befragte (62 Prozent) gab an, schon einmal Opfer eines Diebstahls im eigenen Betrieb geworden zu sein. Gestohlen werden Ernteerzeugnisse wie Kartoffeln, Betriebsmittel wie teure Düngemittel sowie GPS-Empfänger und ganze Landmaschinen. Die Dunkelziffer der Diebstähle dürfte nach Einschätzung der Studienmacher deutlich höher liegen. Viele Delikte tauchen in keiner offiziellen Statistik auf, weil sie von den Betroffenen oft gar nicht als echte Kriminalität wahrgenommen würden.
Die Landwirte rüsten ab und auf. Teure Technik bleibt nicht mehr an den Maschinen. Die GPS-Empfänger und Displays werden nach jedem Arbeitstag abgebaut und in gesicherten Gebäuden gelagert. Gleichzeitig sollen versteckte Tracker helfen, geklaute Maschinen im Fall des Falles orten zu können. Auf den Höfen, in Hallen und an Zufahrten gibt es immer häufiger Überwachungskameras und Bewegungsmelder, aber auch Zäune. Größere Agrargenossenschaften engagieren teilweise sogar private Sicherheitsfirmen, die nachts Streife auf dem Betriebsgelände und den umliegenden Feldern fahren.
Mit Eimer und Schere ausgerüstet kam der Dieb, um Sonnenblumenköpfe abzuschneiden. Er wollte die Körner an seine Hühner verfüttern.
© Christian Nicklisch
Soweit will es Christian Nicklisch nicht kommen lassen. „Auch wenn ich ein Angebot für eine Feldstreife bekommen haben von einem Mann, der gerade einen neuen Job sucht“, so der Landwirt. Felder kann man nicht mit Kameras überwachen. „Ja, ich fahre selbstverständlich mal raus und schaue nach dem Rechten. Doch die aktuellen Spritpreise sind viel zu hoch, um regelmäßige Touren zu fahren“, sagt Nicklisch.
Er nutzte Social Media und seinen Humor, stellte dort seine zwei vierbeinigen neuen Mitarbeiter vor. Ein Jack Russel Terrier und ein schwarzer Labrador sind die Neuen im Team. Christian Nicklisch stellt sie als Kurzarbeiter und Schwarzarbeiter vor, mit einem Augenzwinkern, versteht sich.
Doch sein Social Medi Post hat gewirkt. „Ich bekomme jetzt immer wieder Anrufe von Anwohnern, die parkende Autos melden“, erzählt Christian Nicklisch. Seit einigen Tagen läuft die Zwiebelernte. Die Zwiebelknollen werden aus der Erde geholt und trocknen dann noch einige Tage an der frischen Luft. Viele Leute denken offenbar, dass das auf dem Feld zurückgelassene Reste sind und bedienen sich. Das bestärkt Christian Nicklisch darin, noch mehr von seiner Arbeit zu erzählen, damit die Leute wissen, woher ihr Essen kommt.
Als vor ein paar Wochen ein Bekannter anrief, der für die Schuleinführung seines Sohnes um ein paar Sonnenblumen für die Tischdekoration bat, sagte Christian Nicklisch zu. Warum auch nicht, er wolle nur gefragt werden, so der Landwirt. Allerdings stelle sich dabei auch ehrlicherweise die Frage, woher die Bürger wissen sollen, wem das Feld gehöre, wer es gerade bewirtschafte.
Unterdessen beobachtet die Polizei eine wachsende Zahl von Fällen von Bandenkriminalität im Umfeld von landwirtschaftlichen Betrieben – und das bundesweit. So läuft am Landgericht Hildesheim gerade ein Prozess gegen ein Mitglied einer Bande, der 28 schwere Diebstähle von GPS-Parallelfahrsystemen in Niedersachsen vorgeworfen werden. Der Gesamtschaden wird auf 440.000 Euro geschätzt. Die Bande wollte ihre Beute im Ausland weiterverkaufen.
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Die Polizeidirektionen in Brandenburg (Prignitz) und Niedersachsen meldeten im Sommer 2026 eine Welle von Vorfällen, bei denen gezielt die gelben „Starfire“-GPS-Empfänger nachts direkt vom Dach der Traktoren abmontiert wurden. Doch nicht nur Technik verschwindet. Wegen der gestiegenen Rohstoffpreise haben es Täter zunehmend auch auf Betriebsmittel abgesehen. Laut Berichten des Landeskriminalamtes (LKA) und des Bauernverbandes in Mecklenburg-Vorpommern kam es zu massiven Diebstählen von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. In Norddeutschland wurden im Landkreis Lüneburg mehrere Angus-Rinder mitten am Tag direkt von der Koppel abtransportiert.
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Unterdessen hat die Polizei in Brandenburg ihre Kontrollen von Viehtransportern verstärkt, nachdem dort mehrere Weidezäune offenbar gezielt aufgeschnitten worden waren, um Herden fortzuschaffen.
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