Der Typ, der am Eingang des Aldi-Marktes herumlungerte, kam ihm sofort seltsam vor. Als der Berliner Anatol Wiecki am 23. Juli den Supermarkt am Maybachufer in Neukölln betreten wollte, kam ihm ein zweiter Mann entgegengerannt. Er hielt zwei vollgepackte Ikea-Taschen in den Händen. Er und der Mann, der auf ihn gewartet hatte, rannten los – jeder mit einer Tasche.
Die Filialleiterin folgte den mutmaßlichen Ladendieben, Anatol Wiecki auch. Die Verkäuferin blieb irgendwann stehen, aber Wiecki blieb an den beiden dran – das Handy am Ohr, denn er hatte den Polizeinotruf 110 gewählt.
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Die Verfolgungsjagd ging Richtung Treptow, und Wiecki hing in einer Bandschleife des Polizeinotrufs. „Polizei Berlin – bitte warten“, hörte er immer wieder. Erst nach einer Minute und drei Sekunden nahm jemand ab, und er konnte dem Beamten berichten, was passiert war. Der Mitarbeiter am Notruf entsandte sofort zwei Einsatzwagen unter Freigabe von Blaulicht und Martinshorn.
Ein Notruf soll eigentlich innerhalb von zehn Sekunden angenommen werden
„Wenn die sofort rangegangen wären, dann hätte man sie erwischt“, ist Wiecki heute überzeugt. In der Lohmühlenstraße trennten sich die Flüchtenden und warfen die Taschen weg. Ein Dieb rannte Richtung Treptower Park, die Spur des anderen verlor sich in einer Nebenstraße. Der Funkwagen kam zu spät. Die Polizisten konnten nur noch die großen Tüten aufsammeln, die die Diebe weggeworfen hatten. Sie enthielten größere Mengen Kaffee.
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Eine Minute und drei Sekunden in der Warteschleife beim Polizeinotruf: Das klingt nicht nach viel, ist aber für Betroffene eine Ewigkeit, vor allem wenn sie Schlimmeres erleben, etwa Opfer oder Zeuge eines Überfalls werden.
Wiecki schrieb am nächsten Tag eine lange Beschwerde-Mail an die Polizeipräsidentin. Nach drei Wochen bekam er Antwort: „Die im Rahmen der Auswertung festgestellte Wartezeit von 1:03 Minuten verfehlt das durch die Polizei Berlin selbst gesteckte Ziel, eingehende Notrufe innerhalb von 10 Sekunden anzunehmen, deutlich und ist mangelhaft“, heißt es in der Antwort der Polizei. „Die Ursachen für die lange Wartezeit liegen in einem besonders hohen Anrufaufkommen einhergehend mit einer zur Zeit Ihres Anrufes angespannten Personalsituation beim Einsatzleitzentrum.“
Alle 24 Sekunden ein Notruf bei der Polizei
Seit Längerem ist die Personalsituation bei der Notrufannahme angespannt. Und das, obwohl die Beamten in der Einsatzleitzentrale alle 24 Sekunden ein Notruf erreicht. Insgesamt sind es im Durchschnitt täglich rund 3700 Anrufe.
„Die Anzahl der dauerhaft in der Einsatzleitzentrale der Polizei Berlin eingesetzten Dienstkräfte war in den vergangenen zwölf Monaten optimierungsfähig“, teilte Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) im Juni auf eine Anfrage der CDU mit. „Das Personaldefizit wird aktuell über ein Hospitationsprogramm weitgehend kompensiert.“ Eine strukturelle Lösung der Probleme werde gegenwärtig von der Polizei erarbeitet.
Nach Behördenangaben betrug die durchschnittliche Wartezeit im Jahr 2014 noch neun Sekunden und 2015 zehn Sekunden. Im vergangenen Jahr waren es schon 14 Sekunden.
Es ist nicht das erste Mal, dass bei Anatol Wiecki der Notruf 110 eine lange Leitung hatte. Als er etwa 20219 einmal wegen eines Falschparkers anrufen wollte, brach die Verbindung nach neun Minuten und fünf Sekunden Wartezeit ab. „Da ich in den letzten Jahren mehrfach in längere Warteschleifen geraten bin, wird es wohl häufiger vorkommen“, meint er.
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