Wenn man die Teilnehmer der Langen Nacht der Museen klassifizieren müsste, käme man auf zwei Gruppen: auf Sammler und Jäger. Ohne die ersten bekämen die zweiten nichts zu sehen - und ohne die zweiten wüssten die ersten nicht, dass ungemein gefragt ist, was sie da tun. Dass Sammeln auch andere beglücken kann, durfte zum Beispiel Eike Schmidt lernen. Der 37-Jährige, der gegen Hausstaub allergisch ist, sammelt nämlich das, was in seinem Fall auf der Hand liegt - Papiertaschentücher. 900 verschiedene Sorten aus 43 Ländern hat der Steglitzer in den vergangenen 21 Jahren zusammengetragen; 150 von ihnen hatte er eigens für die Lange Nacht im Heimatmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf aufgebaut - neben einer Sammlung von Speise- und Menükarten, Kinderbüchern und Apotheken-Verpackungen. Lächeln gehört dazuFast ungläubig standen die Besucher vor Schmidts erster Ausstellung, begutachteten die vielen Taschentücher - und lächelten. Oder belächelten sie ihn? Dieser Unterschied war Schmidt egal. "Ich freue mich, wenn andere Leute lächeln", erklärte er. Ähnlich ging es Ursula Weinmann einen Raum weiter: Die 60-Jährige, die 4 500 Broschen angehäuft hat, freute sich über die Freude der Besucher - und profitierte davon. "Mir haben Leute angeboten, dass sie mir ihre alten Broschen verkaufen können." Dieses Lächeln - das ist irgendwie typisch für die Lange Nacht der Museen. Diese gute Laune, die selbst ein brechend voller Bus oder eine lange Warteschlange nicht kaputt bekommt. Gelächelt wird selbst dann noch, wenn das auserwählte Museum den eigenen Geschmack nicht ganz so traf. "Naja, die Architektur hat uns gefallen", sagte Joachim Gruhn, als er mit seiner Frau die Berlinische Galerie in Kreuzberg verließ. Und die Ausstellung selbst? Das Ehepaar lächelte und gab sich diplomatisch. "Kunst kommt von Können, sie zu verkaufen", erklärte Käthe Gruhn und schlenderte mit ihrem Mann unter dichten Schneeflocken weiter zum Jüdischen Museum. Dort blickten die Gruhns auf die lange Schlange, lächelten und drehten ab. Warten wollten sie nicht. Etwas mühevoll lächelte indes die Busfahrerin auf Route 3. "Ist das hier schon die Wilhelmstraße?", fragte sie laut und versuchte, das Straßenschild vor ihr zu erkennen. Doch auch die Busbegleiterin konnte nicht helfen - sie musste sich zunächst selbst zurecht finden beim Ansagen von Haltestellen, Museen und Umsteigemöglichkeiten. "Entschuldigung", sagte sie plötzlich laut ins Mikrofon, "ich glaube, wir sind gerade am Liebermann Haus vorbeigefahren. Das war da hinten am Brandenburger Tor." Dann grinste sie. Ernsthaft böse war den beiden orientierungslosen Frauen aber niemand - die Fahrgäste quittierten die Startschwierigkeiten des Duos mit Gelächter. In der Langen Nacht der Museen sind die Jäger nachsichtig. Und echte Sammler teilen ihr Wissen gern. Wie Inka Bertz vom Jüdischen Museum, die zum Besten gab, was die Rückseiten von Gemälden über die Entstehung des Kunstwerkes erzählen können. Da sie sich ständig von Berufs wegen damit beschäftigt - was lag näher, als Laien einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen? "Ich finde es schön, etwas über meine Arbeit zu erzählen", sagte Bertz. Wer aber glaubt, dass jemand, der Sammlern ein Podium bietet, auch gern Dinge anhäuft, der irrt. Die Leiterin des Heimatmuseums Charlottenburg-Wilmersdorf, Birgit Jochens, outete sich ohne Skrupel: "Ich bin eine gnadenlose Wegschmeißerin."------------------------------AM RANDE // FROMME WÜNSCHE: Mit Schneefall hatte der unbekannte Spender wohl nicht gerechnet als er die vier Liegestühle vor der Alten Nationalgalerie aufstellte. Den Wartenden war aber ein trockener Hosenboden lieber als ein Sitzplatz. Die Liegen blieben leer. Jemand seufzte: "Ach, wenn doch Sommer wär!"NASSE BREZELN: Ist es nicht romantisch, wenn es schneit, fragte eine Passantin im Vorübergehen. Der Brezelverkäufer rümpfte die Nase. Gekauft hat in dieser Nacht schon lange keiner mehr bei ihm. Selbst hartgesottene Lange-Nacht-Besucher essen ungern kalte und vom Schnee aufgeweichte Brezeln.ANZIEHEN MIT SYSTEM: Seit sechs Stunden steht Mone vor dem Jüdischen Museum. Sie gehört zum Personal, das sich draußen um die Besucher kümmert. Dass ihre Füße noch warm sind, liegt am System: drei Paar Kniestrümpfe, Stiefel und Stulpen. Ihr Tipp: Die Strümpfe müssen bis zum Knie reichen, sonst fährt der Wind ins Hosenbein.GETEILTE BRATWURST: Der siebenjährige Paul aus Wriezen ist aufgeregt. Gleich geht's ins Naturkundemuseum zu den Dinosauriern. "Zum Glück sind die ausgestorben", sagt er. Nicht dass er Angst vor ihnen hätte. Er müsste doch seine Bratwurst mit ihnen teilen.ALTE LEIER: Horst Böhlsdorf sieht aus wie ein Schneemann. So sehr sind sein langer Mantel und die Melone mit Schnee bedeckt. Handschuhe trägt der 61-Jährige nicht. Mit blau gefrorenen Fingern dreht er seine Drehorgel.GLATTER ABGANG: Ein steter Zug von Besuchern schiebt sich den Hügel vorm Kulturforum hinauf. Der Schnee ist glatt. Nach wiederholten Ausrutschern sagt eine Frau: "Herrjott, auf den Abgang freu ick mich jetzt schon!"------------------------------Von Haus zu Haus // Die Museen: An der 17. Langen Nacht der Museen beteiligten sich über 70 Museen und Kunstprojekte. Diese hatten Sonnabend von 18 Uhr bis mindestens 0 Uhr geöffnet. Die Routen: Auf neun Routen fuhren 57 Busse von Museum zu Museum. 200 Helfer waren im Einsatz. Die Gäste: 150 000 Museumsbesuche wurden gezählt - etwa so viele wie vor einem Jahr. Wie viele Menschen unterwegs waren, ist noch nicht ermittelt. Im Schnitt besucht jeder Teilnehmer fünf Museen, diesmal waren es wohl wegen der Kälte weniger. Die Highlights: Die meisten Besucher hatte der Berliner Dom (11 000). Dann folgten das Deutsche Historische Museum (9 200), der Martin-Gropius-Bau (9 000), die Newton-Ausstellung (8 300), der Venezianische Karneval im Kulturforum (7 300) und das Ägyptische Museum (6 100). Das Heimatmuseum Zehlendorf hatte 100. Der nächste Termin: Die 18. Lange Nacht findet am 27. August statt.------------------------------Foto: "Das eherne Zeitalter" heißt die Rodin-Statue in der Alten Nationalgalerie------------------------------Foto: Lebendige Sockelfigur in der Berlinischen Galerie------------------------------Foto: War auch von außen schön anzusehen: die beleuchtete Alte Nationalgalerie im Lustgarten in Mitte.------------------------------Foto: Großes Maul, große Aufmerksamkeit: Auch das Museum für Naturkunde in Mitte zählte zu den Teilnehmern der Langen Nacht der Museen.
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