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Die Nacht der Verbrechen: Als Berlins Serienkiller Paul Ogorzow in der S-Bahn mordete

75 Museen, 750 Events, ein Motto: „Crime in Berlin“. Das gibt es bei der Langen Nacht der Museen. Programm, Höhepunkte, Routen, Tickets und Shuttle im Überblick.

7 Min
Die lange Nacht der Museen – das diesjährige Motto: „Crime in Berlin“

Die lange Nacht der Museen – das diesjährige Motto: „Crime in Berlin“

© K.M.Krause/imago

Berlin hat viele Nächte. Diese eine gehört den Verbrechern. Am Samstag, 29. August, wird die Stadt zum größten Tatort ihrer Geschichte. Von 18 bis 2 Uhr öffnen 75 Museen, rund 750 Veranstaltungen stehen im Programm, und das Motto der 44. Langen Nacht der Museen lautet: „Crime in Berlin“. Kunstraub, Fälschung, Spionage, Rechtsmedizin, Halbwelt. Wer True Crime sonst nur im Ohr hat, kann diesmal hineinlaufen.

Das Timing ist kein Zufall. Kaum ein Podcast-Genre füllt derzeit verlässlicher die Charts. Berlin hat an Kriminalgeschichte ohnehin nie gespart.

Der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi steht in seinem Atelier am Vierwaldstätter See vor unfertigen Teilen seines neuen Projekts zu „Salvator Mundi“. Beltracchi löste einen der größten Kunstfälscherskandale Deutschlands aus.

Der ehemalige Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi steht in seinem Atelier am Vierwaldstätter See vor unfertigen Teilen seines neuen Projekts zu „Salvator Mundi“. Beltracchi löste einen der größten Kunstfälscherskandale Deutschlands aus.

© Sabine Dobel/dpa

Der Fall Beltracchi, erzählt vom Mann, der ihn löste

Im Bode-Museum steht Deutschlands bekanntester Kunstfahnder Rede und Antwort. René Allonge, Kriminalhauptkommissar im LKA, leitet dort seit 2009 das Sachgebiet Kunstdelikte. Sein erster großer Fall war zugleich der größte Kunstfälschungsskandal der Nachkriegszeit: Wolfgang Beltracchi hatte jahrzehntelang im Stil berühmter Meister gemalt und die Bilder über Auktionshäuser verkauft – für geschätzte 20 bis 40 Millionen Euro. Zu den Geprellten zählten Steve Martin und die Unternehmerfamilien Würth und Hilti.

Ins Rollen kam alles 2010 mit einer Strafanzeige gegen Unbekannt: Der Käuferin eines angeblichen Campendonk, 2006 in Köln für 2,4 Millionen Euro versteigert, fehlte ein Papier, das sonst immer dabei ist.

Allonge war auch an den Ermittlungen zum Einbruch in genau jenes Haus beteiligt, in dem er nun spricht: 2017 verschwand die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum, Wert 3,75 Millionen Euro. Aufgetaucht ist sie nie. Vermutlich wurde sie eingeschmolzen.

Tresorknacken, Lügendetektor, Täterprofile

Im Deutschen Spionagemuseum am Leipziger Platz darf man ab 18 Uhr an einem echten Tresor scheitern. Wer lieber ins Verhör geht, setzt sich an den neuen Lügendetektor – der Herzschlag der Kandidaten wird im Gebäude hörbar gemacht. Die Ex-Geheimagenten Leo Martin und Patrick Rottler zerlegen Täterprofile. Für den Nachwuchs gibt es zwischen 18 und 21 Uhr einen Verschlüsselungs-Workshop.

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Das archäologische Haus am Petriplatz

Das archäologische Haus am Petriplatz

© Benjamin Pritzkuleit

Drei Tote, um 1200, ungeklärt

Der älteste Cold Case der Stadt liegt am Petriplatz. Im Archäologie-Lab PETRI Berlin, 2025 über den Fundamenten der Cöllner Lateinschule eröffnet, führen Archäologinnen durch die Nacht. Bei den Grabungen von 2007 bis 2009 und 2015 wurden dort die Gebeine von 3787 Menschen geborgen. In einem Grab lagen drei Männer beieinander, gestorben um 1200, gewaltsam, offenbar in einem Kampf. Die Osteologie kann heute erstaunlich genau sagen, was Menschen zugestoßen ist. Nur nicht, warum.

Der S-Bahn-Mörder, zurück im Tunnel

Bei den Berliner Unterwelten erinnert das S-Bahn-Museum um 20, 22 und 0 Uhr an den Fall, der bis heute im Gedächtnis der Stadt hängt. Paul Ogorzow, Hilfsweichenwärter am Betriebsbahnhof Rummelsburg, wohnhaft in Karlshorst. Verheiratet, zwei Kinder, Obst und Gemüse im Garten, NSDAP-Mitglied seit 1932. Die Nachbarn hielten ihn für einen netten Mann.

Ja, er tötete in der S-Bahn, und zwar auf einem einzigen Abschnitt: zwischen Rummelsburg und Rahnsdorf, vom Ostkreuz Richtung Erkner, heute die S3. In Bahnuniform setzte er sich zu Frauen, die allein im Abteil saßen, schlug sie mit einem schweren Bleikabel nieder und warf sie aus dem fahrenden Zug. Fünf seiner acht Mordopfer starben so, drei weitere tötete er in Laubenkolonien direkt neben den Gleisen. Möglich machte es die angeordnete Verdunkelung: keine Straßenlaternen, kein Licht in den Waggons.

Die Serie begann am 4. Oktober 1940 mit der 20-jährigen Gerda Ditter und endete Anfang Juli 1941 mit der 34-jährigen Frieda Koziol. Die Opfer waren zwischen 19 und 46 Jahre alt. Insgesamt überfiel Ogorzow 31 Frauen, sechs überlebten seine Mordversuche schwer verletzt.

Die Fahndung war eine der größten der Berliner Kriminalgeschichte, rund 5000 Personen wurden überprüft. Den entscheidenden Hinweis gaben zwei Überlebende: Der Täter trug eine Uniform. Die NSDAP organisierte Geleitschutz für allein reisende Frauen – der Mörder meldete sich freiwillig. Am 17. Juli 1941 wurde Ogorzow an seinem Arbeitsplatz verhaftet, acht Tage später in Plötzensee hingerichtet.

Sonderkommando: Mit männlichen Beamten in Frauenkleidern fahndete die Berliner Kripo 1941 nach Paul Ogorzow, dem S-Bahn-Mörder.

Sonderkommando: Mit männlichen Beamten in Frauenkleidern fahndete die Berliner Kripo 1941 nach Paul Ogorzow, dem S-Bahn-Mörder.

© Polizeihistorische Sammlung Berlin

Wenn der Staat selbst ermittelt – und vertuscht

Im Stasi-Museum wird sichtbar, wie das Ministerium für Staatssicherheit West-Berliner Kriminelle als Informanten anwarb. Auf dem Campus für Demokratie läuft von 21 bis 24 Uhr ein Filmprogramm über Kriminalfälle, die nicht ins Selbstbild des sozialistischen Staates passten und deshalb verschwiegen wurden. Die Historikerin Daniela Münkel führt ein.

Im Stasi-Museum gibt es ein Filmprogramm über Kriminalfälle

Im Stasi-Museum gibt es ein Filmprogramm über Kriminalfälle

© picture alliance/dpa

800 Jahre Kriminalgeschichte – Ausweis nicht vergessen

Die Polizeihistorische Sammlung im Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke erzählt acht Jahrhunderte Berliner Polizei- und Kriminalgeschichte, von spektakulären Fällen bis zu den Betrugsmaschen von heute. Nebenbei eröffnet dort die Sonderausstellung „100 Jahre Große Polizeiausstellung Berlin“, zu sehen bis 18. Oktober. Wichtig: Es geht in ein Polizeipräsidium. Erwachsene brauchen Personalausweis oder Reisepass.

Mission Mauritius

Wer nicht planen mag, lässt planen. Acht Routen bündeln das Programm. „Mission Mauritius“, die Route für den perfekten Coup, führt über fünf Stopps und sechs bis sieben Kilometer: Dokumente fälschen, Reflexe trainieren, Fluchtweg prüfen – und am Ende vor der Blauen Mauritius im Museum für Kommunikation stehen. Dort wartet außerdem ein Escape Game, in dem ein über hundert Jahre altes Verbrechen rekonstruiert wird.

Die Route für Verbrecherduos heißt „Bonnie & Clyde“, vier Stopps, vier bis fünf Kilometer, alles zu zweit. Und „Eiskalte Engel“ sammelt Frauenfiguren zwischen Stasi, Bibel und den Zwanzigern.

Aufführung im Puppentheater-Museum in Neukölln

Aufführung im Puppentheater-Museum in Neukölln

© Sylvio Dittrich/imago

Im Ephraim-Palais gibt es Crime-Karaoke

Denn ganz ernst nimmt sich diese Nacht zum Glück nicht. Im PalaisPopulaire nehmen Brit Noise und Julia Meyer-Brehm von 20.30 bis 21.30 Uhr ihren Podcast „Copycats – Männer, die von Frauen klauen“ live auf und rollen den Fall der Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy neu auf, deren Bilder das Bild der Schule prägten – nur ihr Name nicht.

Im Ephraim-Palais wird zwischen 22 und 1 Uhr Crime-Karaoke gesungen, moderiert von den Dragqueens Nancy Nutter und Oozing Gloop. Vorher, um 19, 20 und 21 Uhr, gibt es selten gespielte Kurt-Weill-Chansons.

Das Museum für Naturkunde ermittelt in der Führung „Tatort Urzeit“, wer vor Millionen Jahren wen erledigt hat – und zeigt in der Bibliothek, wie sich falsches Wissen in Datenbanken schleicht, von Menschenhand oder durch halluzinierende KI.

Im Käthe-Kollwitz-Museum wird von 19 bis 21 Uhr Kriminaltango getanzt. Im Computerspielemuseum jagt ab 23 Uhr ein LARP-Kollektiv Diebe durch die Videospielgeschichte. Das Puppentheater-Museum in Neukölln zeigt um 23 Uhr „Das Schädelmädchen“, danach zweimal die Marionetten-Revue „A Phantom Cabaret“. Im Schwulen Museum bringen Drag-Performances die Kriminalisierung queerer Menschen auf die Bühne. Im Hamburger Bahnhof darf man selbst fälschen. Und der Berliner Zoll packt aus, was Reisende so im Gepäck haben.

Ticketpreise und Bus-Shuttle

Das Ticket kostet 23 Euro, ermäßigt 17 Euro, und gilt für alle 75 Häuser plus Shuttle. U- und S-Bahn und viele Trams fahren die ganze Nacht hindurch. Zusätzlich fahren Shuttle-Busse außerhalb der Stadtmitte gelegene Museen an. Der zentrale Treffpunkt liegt ab 16 Uhr auf der Museumsinsel, Am Lustgarten und in der Bodestraße, mit Infostand, Foodtrucks und Mitmachstationen.

Ein Hinweis der Staatlichen Museen: Wegen der angespannten Haushaltslage und begrenzter Personalkapazitäten sind im Alten Museum und im Bode-Museum nicht alle Säle zugänglich.

Dennoch: Wer alles sehen will, bräuchte acht Nächte. Sie haben nur eine. Planen Sie wie ein Profi!

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