O ben auf dem Hügel haben sie knarrend die Tore geschlossen. Unten am Salzachufer verlöschen die Kandelaber. Ein Kultursommer ist mit Ach, vor allem aber Krach zu Ende gegangen.In Bayreuth rütteln die Wagner-Urenkel an den Säulen Walhalls, wo der weihevolle Wagner-Enkel Wolfgang wandelt. Mit seiner jüngsten Meistersinger-Inszenierung hat sich der Leiter der Weihefestspiele auf Lebenszeit sein biederes Mausoleum gezimmert. Ausgerechnet im Hause des musikalischen Brandstifters, des einstigen Neutöners Richard, bewacht der Biedermann Wolfgang staubige Tradition. Indes, das Haus ist voll, die Wagner-Pilger harren auf ihren harten Sitzen aus, applaudieren der Vergangenheit und zischeln gegen jedweden Reformversuch, und sei es die geniale Regie des Tristan von Heiner Müller.In Salzburg wirbelt und wedelt seit zwei Jahren einer Staub auf. Ihn wünschen die befrackten Jedermänner im Parkett mit ihren lebenden Mozartkugeln am Arm auf den Blocksberg. Der Unruhe stiftende Flame Gerard Mortier läßt die Musik von Boulez, Cerha, Berg, Schönberg, Strawinsky, die verdauliche Moderne also, tönen und verscheucht den Liebling der Millionäre Ricardo Muti; die Traditionskapelle Wiener Philharmoniker hält eigentlich nur noch die Spitzengage bei den Salzburger Festspielen. Schauspielchef Peter Stein, Zeremonienmeister der realistischen Schauspielkunst von vor vierzig Jahren, schwört sich selber und Bein, solange nicht mehr ins Bundesland der verzuckerten Nockerln zu kommen, solange jener belgische Staubsauger am Netz bleibt. Ich fürchte also, die Fensterläden von Anton Tschechows sentimentalem Kirschgarten werden fürderhin geschlossen bleiben. Ich fürchte aber auch, die Reihen der zu Verzaubernden werden sich lichten. W as also tun droben auf dem Hügel und drunten im Tal?Die Opernhäuser in die Luft sprengen, wie Boulez es schon vor vierzig Jahren empfahl? Oder weiter wagnern, wie Wolfgang es einer giftigen Familienphalanx gegenüber gelobt?Die Klappe zuzumachen würde manchen Kämmerer, der Jahr für Jahr den betuchten Festspielgästen - aber auch den Opern- und Schauspielabonnenten in Blaumann und Spitzenblüschen - finanziell unter die Arme greift, Seufzer der Erleichterung entlocken. Mehr noch als in den Vorjahren muß er den Theaterintendanten Etatkürzungen abverlangen, sollen die Staats-, Landes- oder Kommunalhaushalte nicht verröcheln wie Mimis zarte Seele.Aber es geht das eine wie das andere nicht. Nur wer die kulturelle Spitzenleistung ganz oben auf der (sicher umstrittenen) Werteskala garantiert (heißt finanziert), ermöglicht auch das kulturelle Angebot bis hin zur linken Stadtteilkultur. So wenigstens hat es Christoph von Dohnanyi hinterlassen, als er gewürgt vom Kleingeister-Mief einst die Freie und Hansestadt Hamburg verließ, um in Amerika Luft zu schnappen. Und siehe, es ging. Heute kehrt er gastspielweise und umjubelt an der Spitze des Cleveland-Orchesters in die Alte Welt zurück. Es liegt weder amerikanischen Steuerzahlern auf dem Beutel noch lehnt es sich publikumswirksam allein an Beethoven an, sondern spielt Ligeti und Satie.Das will sagen: Die Opernhäuser eher in die Luft sprengen, als auf Spitzenqualität verzichten. Den Festspiel-Zirkus drangeben, wenn er nicht bereit ist, sich zu erneuern, notfalls zu revolutionieren.Das heißt für Bayreuth: Top-Qualität und Öffnung nach vorn, was mit Wolfgang Wagner nicht möglich ist, mit seiner zeternden Familie vielleicht auch nicht. Sicher aber mit ganz neuen Leuten, auch wenn die Wagnerianer stöhnen. Laßt sie zischeln. D as heißt für Salzburg: Top-Qualität und Beibehaltung der Öffnung nach vorn, wie es Mortier und seine couragierte Präsidentin Rabl-Stadler betreiben - auch wenn das Lücken ins Parkett und Eliette, die Nachlaßverwalterin des nostalgischen Karajan-Schwulstes, ins neureiche Baden-Baden reißt.Sonst seid ihr euer Geld allesamt nicht wert, und wir fordern unseren Anteil daran zurück.Es geht nicht nur um den Fremdenverkehr im Fränkischen und im Salzburger Land, um die Bettenbelegung in Pflaums Posthotel in Pegnitz und den Kaviar-Umsatz im Goldenen Hirschen an der tourismusberüchtigten Getreidegasse. Vielleicht geht es überhaupt nur darum, daß jenseits der Wasserscheide 2 000 nicht allein die Phantome des sicher genialen Ohrwurms Andrew Lloyd Webber unsere Gehörgänge verstopfen. +++
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