Es gibt einen vornehmen Ton in der Literaturkritik, der das Publikum für dumm erklärt, wenn es sich für die Autoren, ihre Leben und Lieben interessiert. Die Hohe Priester der Texte wollen die frei halten vom stets unter Schmuddelverdacht stehenden Leben. Wer von einer Liebesgeschichte ergriffen wird und zu der Vermutung neigt, der Autor habe ihn packen können, weil er selbst gepackt wurde, gilt als naiv. Er scheint den Philologen wie einer vom Dorf, der die raffinierten Techniken, mit denen die bei Hofe Empfindungen wecken, die sie nicht haben, nicht erkennt. Die Kritik möchte den Bauernbub retten vor den Textproduzenten, den geheimen Verführern, die es verstehen, aus stummen, grauen Buchstaben buntes, lautes Leben zu machen. Der Hohe Priester des Textes will uns davon überzeugen, dass es kein Leben gibt außerhalb des Buches, jedenfalls keines, das auf den Text Einfluss genommen hätte. Seine Utopie ist eine Literatur ohne Autoren. Ein Unsinn, geboren in Universitätsseminaren und statt dort auch begraben zu werden, wuchert er hinüber ins wirkliche Leben und versucht eben das aus der Literatur zu vertreiben. Gabriel García Marquez steht kurz vor dem Abschluss seiner dreibändigen Memoiren. Im ersten Band schildert er das Leben seiner Eltern und Großeltern. Wer im Vorabdruck in El País Auszüge liest, dem wird deutlich, wie sehr ein Autor aus dem Leben schöpfen kann. García Marquez hat immer gesagt, seine fantastischen Geschichten seien nicht Produkte seiner wild wuchernden Fantasie, sondern Protokolle der Ereignisse in einer subtropisch-tropischen Welt. Seine Memoiren scheinen nichts Anderes als Variationen seiner Romane. Wenn er von der Liebe seiner Eltern spricht, dann spricht er von "Liebe in den Zeiten der Cholera" und wer "Hundert Jahre Einsamkeit" gelesen hat, der kennt nicht nur die Großmutter des Autors. Die Welt ist das Reservoir, aus dem die Schriftsteller schöpfen. Manche brauchen nur einen Tropfen davon und sie haben ihr Leben lang zu tun. Andere zertrümmern ganze Gebirge, filtern Ströme und Meere, um am Ende einen kleinen, sehr feinen Text vorzulegen. Aber nur mit Wörtern hat noch keiner geschrieben.Gabriel García Marquez, Vivir para contarlo, El País, 28. Januar 2001.>
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