Berlin-Charlottenburg: Punkt 15 Uhr versammelten sich zahlreiche Kinder, Eltern und Lehrkräfte vor den Absperrungen der Polizei an der Gervinusstraße, gleich am S-Bahnhof Charlottenburg. Ein paar von ihnen trugen gestreifte Kleidung, hielten handgemalte Schilder in den Händen, sangen und tanzten ausgelassen.
Nach einer kurzen Ansprache legten die Schülerinnen und Schüler weiße Streifen auf den Asphalt, die einem echten Fußgängerüberweg täuschend ähnlich sahen. Mit der symbolischen Aktion feierte die Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule jetzt einen Teilerfolg – und schickte ein klares Signal an die Politik.
Denn der langersehnte Zebrastreifen an der unübersichtlichen Straßenecke ist seit dem 25. Februar 2026 zwar offiziell vom bezirklichen Mobilitätsrat beschlossen, doch auf der Fahrbahn fehlt davon bisher jede Spur. „Die Kinder haben über die Jahre gemerkt, wofür wir auf die Straße gehen. Jetzt wollen sie auch Ergebnisse sehen“, erklärt eine engagierte Lehrerin. Aus Sorge, dass die behördliche Umsetzung noch Jahre dauern könnte, machten Schülerschaft und Anwohnerschaft das Thema erneut öffentlich.
Laut werden für einen sicheren Weg zur Schule: Kinder haben in Charlottenburg einen Zebrastreifen aus Papier auf die Straße gelegt.
© Annamarie Heller/Berliner Zeitung
Unübersichtliche Kurve und zu schnelle Autos
Wie dringend der Fußgängerüberweg im Alltag gebraucht wird, schildert eine 36-jährige Mutter, die direkt an der betroffenen Straße wohnt: „Ich kann meine Kinder nicht alleine rüber zum S-Bahnhof schicken und muss sie immer begleiten. Die Autos kommen aus der Kurve viel zu schnell angefahren, und durch die parkenden Autos an beiden Seiten sieht man die Kinder kaum.“ Schon mehrfach habe sie im Alltag eingegriffen und auch fremde Schulkinder beim Überqueren der Fahrbahn im letzten Moment gestoppt.
Dass die Aktion an diesem Nachmittag nicht direkt an der Stelle stattfinden konnte, an der der Zebrastreifen künftig angelegt werden soll, lag an Auflagen der Polizei. Sie befürchtete zu viel Chaos und Beeinträchtigungen für den fließenden Verkehr, weshalb ein Bereich vor der Schule abgesperrt wurde. Für die Organisation erhielt die Schule tatkräftige Unterstützung aus dem Kiez und von der Initiative Changing Cities, die sich stadtweit für verkehrsberuhigte Schulstraßen einsetzt.
Was Eltern tun können, wenn die Schule allein nicht reicht
Ein Kiez kämpft gegen die Barriere
Die Forderung nach mehr Sicherheit ist nicht neu. „Seit über zehn Jahren wurden Briefe geschrieben – vom Haus Birkholz, von der Schule und aus der Nachbarschaft“, berichtet die beteiligte Lehrkraft. Mit im Boot ist von Anfang an auch die Kiezinitiative Lewishamstraße.
Deren Mitbegründer Joachim Schmitt, 71 Jahre Alt, erklärt die tiefere Bedeutung des Namens ihrer Initiative: „Die Benennung als Kiezinitiative ist bewusst provokativ gemeint. Die Lewishamstraße ist keine gemütliche Kiezstraße, sondern hat beim Bau damals durch den Abriss von Wohnhäusern einen ganzen Kiez durchtrennt.“ Neben dem Zebrastreifen geht es der Initiative deshalb vor allem darum, die von der Schneise geschaffene Barrierewirkung im Alltag Schritt für Schritt zu überwinden.
Mitglieder der Initiative „Kiez Lewisham“ demonstrieren für einen Zebrastreifen.
© Annamarie Heller/Berliner Zeitung
Demokratie lernen auf der Straße
Dass der Protest im Schulalltag fest verankert ist, zeigt der breite Konsens innerhalb der Schulgemeinschaft. Vor allem in den Klassenstufen 1 bis 3 wurde die Aktion beworben, da die Jüngsten am stärksten auf einen sicheren Schulweg angewiesen sind und teilweise von ihren Eltern gebracht werden. Die älteren Jahrgänge der Stufen 4 bis 6 gestalteten das kulturelle Begleitprogramm. Auch die Schulleitung stellte sich geschlossen hinter das Projekt.
Verkehrssicherheit betrifft in Berlin das gesamte Stadtgebiet: Laut Zahlen der Berliner Polizei gab es im ersten Halbjahr 2026 berlinweit 455 Verkehrsunfälle mit Kindern als aktiven Verkehrsteilnehmern – zehn mehr als im Vorjahreszeitraum. 332 Kinder wurden dabei verletzt, ein Kind kam ums Leben.
Für die Beteiligten an der Gervinusstraße geht es neben der Verkehrssicherheit aber auch um eine wichtige Lektion in Sachen Partizipation und Selbstwirksamkeit. Oder wie es die engagierte Lehrerin zusammenfasst: „Die Welt ist nicht gottgegeben, die muss nicht immer so bleiben, wie sie gebaut ist.“
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