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Von wegen Wundermittel: Bei Alzheimer gibt es nur in Verbindung mit Bewegung Hoffnung

Neue Alzheimer-Medikamente wie Lecanemab und Donanemab sind weniger wirksam als propagiert. Im Kampf gegen die Demenz ist Aktivität bis auf Weiteres das effektivste Mittel.

Ulrich Scheuerl
7 Min
Alzheimer ist nur in Verbindung mit Bewegung zu bekämpfen.

Alzheimer ist nur in Verbindung mit Bewegung zu bekämpfen.

© Jhan Castillon/unsplash

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In den Medien wird seit Monaten über die Zulassung der Alzheimer-Medikamente Lecanemab und Donanemab berichtet. Häufig werden sie als große Hoffnungsträger präsentiert. Vielen älteren Menschen wird dadurch suggeriert, dass es im Falle einer eigenen Betroffenheit endlich ein wirksames Mittel zur Heilung gebe. Doch das ist nicht der Fall.

Im Frühjahr 2025 gab die Europäische Arzneimittel-Agentur grünes Licht für den Wirkstoff Lecanemab (Handelsname Leqembi). Am 25. September 2025 folgte die Zulassung von Donanemab (Handelsname Kinsula). Alzheimer-Patienten können sich jedoch nur dann berechtigte Hoffnung auf eine Besserung machen, wenn sie zusätzlich bereit sind, sich vielseitig und regelmäßig zu bewegen.

Die Wirksamkeit von Lecanemab und Donanemab ist bislang sehr begrenzt. Zudem treten bei einem Großteil der Behandelten erhebliche Nebenwirkungen auf. Das wissenschaftliche Fazit fällt bislang nüchtern aus: Die Präparate werden allenfalls als erster Schritt auf einem langen Weg gesehen – hin zu einem möglichen Medikament, das eines Tages die zerstörerischen amyloiden Plaques im Gehirn tatsächlich nachträglich auflösen könnte. Doch selbst wenn das gelingt, wäre dies erst der Anfang, um geistige Gesundheit wiederherzustellen.

Alzheimer-Medikamente allein bringen noch keine Heilung.

Alzheimer-Medikamente allein bringen noch keine Heilung.

© Getty Images/unsplash

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Erste Anzeichen werden ignoriert

Mit zunehmendem Alter nimmt Bewegung in der Regel ab – sie wird einseitiger, weniger koordinativ und oft monoton. Gleichzeitig zeigen sich bei vielen Menschen, besonders nach einem bewegungsarmen Lebensstil, erste Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung. Diese werden jedoch häufig ignoriert oder als vermeintlich „normale“ Alterserscheinungen abgetan.

Nun suggerieren Medienberichte über neue Medikamente einen „Hoffnungsschimmer“. Doch dieser ist trügerisch. Zum einen sollten selbst die sogenannten normalen Alterserscheinungen ernst genommen werden, denn sie können ein Vorbote demenzbedingter Pflegebedürftigkeit sein. Zum anderen haben Antikörpertherapien nur eine unterstützende Wirkung. Immerhin: Die Entwicklung weist in die richtige Richtung.

Wird die Antikörpertherapie jedoch gezielt mit komplexer, koordinativ anspruchsvoller Bewegung kombiniert, können messbare Fortschritte erzielt werden. Dieses System, das einerseits auf die Reduktion schädlicher Proteinablagerungen im Gehirn abzielt („Clearing der Amyloidplaques“), und andererseits auf vielfältige, koordinierte Bewegung, könnte den entscheidenden Durchbruch zu dauerhafter geistiger Gesundheit bringen. Für die Betroffenen selbst bedeutet das eine enorme Herausforderung, für die es Information und Motivation braucht.

Wenn Nervenzellen sterben, sterben auch ihre Verbindungen

Selbst wenn eines Tages ein Medikament existiert, das die Plaques ohne schwere Nebenwirkungen vollständig auflöst, wäre damit noch nichts gewonnen. Denn wenn Nervenzellen absterben, zerfallen auch ihre Dendriten, also die feinen Zellfortsätze, über die sie Signale empfangen und weiterleiten. Ihre Struktur wird zerstört und anschließend von Gliazellen abgebaut.

Die mit der Positronen-Emissions-Tomografie erstellte Abbildung zeigt die Gegenüberstellung zweier Gehirne – im gesunden Zustand (l.) und mit Alzheimer-Krankheit.

Die mit der Positronen-Emissions-Tomografie erstellte Abbildung zeigt die Gegenüberstellung zweier Gehirne – im gesunden Zustand (l.) und mit Alzheimer-Krankheit.

© Lutz Kracht/dpa

Ein durchschnittliches Neuron besitzt fünf bis 15 Hauptdendriten, die sich in Hunderte bis Tausende feine Äste verzweigen. Diese Verbindungen gehen beim Absterben der Zelle verloren und müssen – selbst wenn die Nervenzelle wiederhergestellt ist – neu aufgebaut werden, um erneut zur Koordination und Kognition beizutragen.

Neurologen betonen, dass Bewegung dabei eine entscheidende Rolle spielt. Sie fördert die Dichte der Dendriten und die Synaptogenese – also die Bildung und Stärkung neuer Synapsen. Besonders vielseitige, koordinativ anspruchsvolle Bewegungen wie Tanzen oder Mannschaftssport aktivieren mehrere Hirnregionen gleichzeitig. Dadurch entsteht eine verstärkte Vernetzung zwischen motorischen und kognitiven Arealen. Bewegung sollte also im Alter weder weniger noch einfacher werden – sie bleibt in jedem Lebensalter der Schlüssel zu geistiger Gesundheit, Lecanemab und Donanemab hin oder her.

Tabula rasa des Kindes

Der menschliche Geist verfügt über keine angeborenen Kenntnisse, er gleicht zu Beginn des Lebens einer unbeschriebenen Tafel. Bis zu 90 Prozent der Neuronen sind bei der Geburt nicht oder nur schwach vernetzt. Die Fähigkeit, Bewegungen zu koordinieren und geistige Leistungen zu erbringen, ist daher anfangs kaum vorhanden.

Doch Kinder besitzen einen natürlichen Bewegungsdrang – und indem sie ihm folgen, wachsen und gedeihen Dendriten und Synapsen. Mit der zunehmenden Vernetzung der Nervenzellen entfalten sich auch die kognitiven Fähigkeiten: Das „Beschreiben der Tafel“ beginnt.

Nach der Geburt gleicht unser Gehirn einer unbeschriebenen Tafel.

Nach der Geburt gleicht unser Gehirn einer unbeschriebenen Tafel.

© Michal Bar Haim/unsplash

Tabula rasa des Alters

Im Alter zeigt sich eine neue Variante dieser „unbeschriebenen Tafel“. Durch Medikamente, die zerstörte Nervenzellen wieder funktionsfähig machen, könnte ein Zustand entstehen, der an den kindlichen Neubeginn erinnert. Sind etwa zehn Prozent der 80 Milliarden Neuronen durch amyloide Plaques zerstört, spricht man vom Anfangsstadium der Alzheimer-Krankheit. In diesem Stadium sind bereits koordinative und kognitive Fähigkeiten stark beeinträchtigt.

Hier stellt sich die Frage: Was kann ein Gehirn leisten, in dem acht Milliarden zuvor zerstörter Neuronen durch Medikamente wieder gesund geworden sind? Da mit der Zerstörung der Nervenzellen auch deren Tausende Dendriten und Synapsen verloren gingen, sind die Funktionen von Bewegung und Kognition zunächst nicht automatisch wiederhergestellt. Medikamente können die Zellen regenerieren, nicht aber ihre Verbindungen. Erst durch gezielte, regelmäßig ausgeübte Aktivitäten lassen sich die neuronalen Netzwerke neu aufbauen, wodurch auch geistige Fähigkeiten wiedergewonnen werden können.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Braucht der Mensch tatsächlich alle 80 Milliarden Nervenzellen, um geistig gesund zu bleiben – oder reichen auch weniger? Neurologen geben eine überraschende Antwort: „Ja, grundsätzlich kann man mit etwa 90 Prozent der ursprünglichen Nervenzellen geistig völlig gesund bleiben – vorausgesetzt, das Gehirn wird aktiv gefordert und trainiert.“ Sie nennen dafür drei zentrale Gründe.

Erstens: Das Gehirn hat enorme Reserven.

Es ist hochgradig redundant aufgebaut – mit weit mehr Nervenzellen und Synapsen, als für Alltagsfunktionen nötig sind. Selbst wenn zehn Prozent oder mehr verloren gehen, kann das Gehirn Aufgaben umverteilen und kompensieren. Erst wenn kritische Netzwerke (beispielsweise im Hippocampus oder präfrontalen Kortex) stark geschädigt sind, treten deutliche Einbußen auf.

Eine an Demenz leidende Frau tanzt mit ihrem Ehemann Tango.

Eine an Demenz leidende Frau tanzt mit ihrem Ehemann Tango.

© Jens Büttner/dpa

Zweitens: Das Gehirn kann sich anpassen.

Bis ins hohe Alter bleibt das Gehirn neuroplastisch – es kann neue Verbindungen bilden, bestehende Netzwerke umorganisieren und in begrenztem Umfang sogar neue Nervenzellen erzeugen, vor allem im Hippocampus. Mentale und körperliche Aktivität fördern genau diese Mechanismen.

Drittens: Koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten sind besonders wirksam.

Aktivitäten, die Bewegung, Denken, Feinmotorik und Aufmerksamkeit kombinieren, wirken wie ein Hochleistungstraining für das Gehirn. Beispiele sind Tanzen mit neuen Schrittfolgen, Musizieren, Gleichgewichts- oder Koordinationsübungen sowie das Erlernen neuer Sprachen oder Bewegungsabläufe. Diese fördern die Synapsenbildung, Durchblutung und Ausschüttung von Wachstumsfaktoren – und reduzieren Stress, der Nervenzellen schädigt.

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Ja – ein Mensch kann mit etwa 90 Prozent der ursprünglichen Nervenzellen geistig völlig gesund und leistungsfähig bleiben, wenn das Gehirn regelmäßig gefordert wird, ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung vorhanden sind und chronischer Stress vermieden wird. Die Qualität der neuronalen Vernetzung ist entscheidender als die absolute Zahl der Nervenzellen. Oder, wie Neurologen es formulieren: „Nicht wie viele Neuronen du hast, zählt – sondern wie gut sie miteinander sprechen.“

Ulrich Scheuerl, 1953 in Bad Reichenhall geboren, hat sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt verbracht und dort auch gearbeitet. Beruflich war er über 40 Jahre lang im Bankwesen tätig – meist sitzend am Schreibtisch. Da er nach eigener Aussage „normal“, also nicht besonders gesund, gelebt habe und seine neuronalen Schaltkreise dadurch wohl gelitten hätten, beschäftigt er sich heute intensiv mit dem Thema Alzheimerprävention.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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