Im April starten die Universitäten in Berlin in das Sommersemester. Dies bedeutet für viele Lehramtsstudierende, dass sie das letzte Semester ihres Masterstudienganges vor sich haben. Nach den Sommerferien soll, nach bestandenen Prüfungen und der Masterarbeit, ein neuer Lebensabschnitt beginnen.
Der Start in das Referendariat ist für viele ein langersehnter Traum, auf den sie mindestens fünf lange Jahre hingearbeitet haben. Für einige Studierende an meiner Universität droht dieser Traum nun zu zerplatzen. Grund für die Verzögerung ihres Abschlusses ist nicht etwa das Coronavirus oder das Nichtbestehen einer wichtigen Prüfung; viele Studierende sehen ihren Abschluss in Regelstudienzeit in Gefahr, da die Lehrveranstaltungen, welche für einen erfolgreichen Abschluss zwingend belegt werden müssen, schlichtweg nicht angeboten werden können.
Lehramtsstudium in Berlin: „Erster Abschluss in der Tasche und von nix ’ne Ahnung“
Grund dafür ist der akute Mangel an Lehrpersonen und Dozierenden. Es stellt sich die berechtigte Frage, weshalb nicht schon viel früher gehandelt wurde. Im Lehramtsstudium wird man permanent mit dem bestehenden Lehrermangel in Deutschland konfrontiert und zu Diskussionen durch die Dozierenden angeregt. Diese sind sich der Lage an den Grund- und weiterführenden Schulen sehr bewusst und üben berechtigte Kritik am Schulsystem und an der Bildungspolitik.
Als zentraler Punkt wird in den Diskursen oftmals genannt, dass der Mangel an fähigen Lehrkräften lange bekannt und deutlich absehbar war. Wenn dieser kritische Diskurs zum System der universitären Ausbildung von den Lehrpersonen angeregt wird, da er wichtig und berechtigt ist, weshalb fassen sich die Universitäten dann nicht an die eigene Nase, wenn nicht allzu fernliegende Kritik aus den eigenen Reihen kommt?
Nicht genug Lehrveranstaltungen
Der Studien- und Prüfungsordnung meiner Berliner Universität zufolge wurde das Lehramt an Grundschulen mit der Vertiefung Sonderpädagogik erstmals im Wintersemester 2014/2015 angeboten. Die Universität hatte also bereits acht Jahre lang Zeit, Stärken und Schwächen bei der Konzeption und Durchführung der angegebenen Lehrveranstaltungen zu identifizieren und Probleme nach bestem Wissen und Gewissen zu lösen.
Anstatt jedoch allen Studierenden einen Platz in einer vorgeschriebenen Lehrveranstaltung fest zusichern zu können, werden Lehrveranstaltungen abgesagt. Jede Person, welche schon einmal versucht hat, online Lehrveranstaltungen zu buchen, weiß, wie schwer es ist, einen passenden Kurs für den eigenen Stundenplan zu ergattern. Oftmals müssen im Anschluss an die Platzverteilung ein Tausch oder eine Umstellung des gesamten Stundenplans erfolgen, damit alle Lehrveranstaltungen besucht werden können und der Abschluss in Regelstudienzeit nicht gefährdet ist.
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Die letzte Hoffnung, wenn man keinen Platz ergattern konnte, ist, eine E-Mail an den Dozierenden zu schreiben. Mit viel Glück, lieben Worten und großen Bitten erhält man manchmal noch einen Platz in der überfüllten Lehrveranstaltung, garantiert ist das jedoch nicht. Die bereits platzbeschränkten und raren Seminarveranstaltungen überhaupt wahrnehmen zu können, grenzt teilweise an ein Wunder, welches jetzt für die Unglücklichen, die keinen Platz bekommen, in noch weitere Ferne zu rücken scheint.
Die Dozierenden sind sich der prekären Lage bewusst, können laut eigenen Aussagen aber auch nicht viel machen. Andere Seminare für den Studienabschluss würden angeboten werden. Dies ist zwar grundlegend richtig, jedoch werden diese genannten Seminare erst nach der Frist angeboten, welche der Senat für den Erhalt der Masterabschlusszeugnisse und den erfolgreichen Start in das Referendariat genannt hat. Wie passt das zusammen?
Lehramtsstudenten sitzen in einem Hörsaal
© Waltraud Grubitzsch/dpa
Finanzierung des Studiums ist eine Herausforderung
Viele Studierende bleiben ratlos zurück und wissen sich kaum zu helfen. Neben der enorm hohen psychischen Belastung, welche ein Studium meist mit sich bringt, stehen viele auch unter finanziellem Druck. Bafög gibt es nämlich nur, wenn das Studium in Regelstudienzeit abgeschlossen wird und die Eltern keinen Cent zu viel verdienen. Hinzu kommt, dass für viele Studierende mit dem Überschreiten der Regelstudienzeit auch der Anspruch auf Kindergeld erlischt.
Dieser Anspruch gilt nämlich nur bis zum Abschluss der ersten Berufsausbildung beziehungsweise dem Studienabschluss und erlischt automatisch mit dem 25. Geburtstag. Hat eine Person nach 13 Jahren Schule mit 19 Jahren angefangen zu studieren und überschreitet nun die Regelstudienzeit von fünf Jahren, kann es sein, dass die Person noch im Studium den Anspruch auf die Kindergeldzahlung verliert und somit ein wichtiger Pfeiler der finanziellen Sicherheit wegbricht.
Lehrermangel: Wie kann das nur sein?
Studieren kostet; nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Neben den Gedanken um den Studienabschluss und die gefundenen Freunde, welche nun vielleicht allein ins Referendariat starten, kommt nun auch die Sorge um die finanzielle Sicherheit hinzu. Wie sollen Semestergebühren, Miete, Strom, Gas und weitere Ausgaben des täglichen Lebens bestritten werden?
Für viele schockierte Studierende bleibt nun die Frage nach dem Warum und ein großes Maß an Unverständnis der Universität gegenüber, welche sie auf dem angestrebten Weg in die Zukunft behindert. Es bleibt nur zu hoffen, dass für die betroffenen Studierenden eine schnelle, einheitliche und zufriedenstellende Lösung gefunden werden kann, damit sie ihr hart erkämpftes Ziel endlich erreichen können und das Sommersemester 2023 ihr letztes ist.
Studentische Lehrkräfte haben befristete Verträge
Geld und Nerven kosten auch die derzeitigen Regelungen zu studentischen Lehrkräften. Braucht ein Studierender Geld, etwa weil sich das Studium in die Länge zieht, bietet es sich an, neben dem Studium in einer Schule zu arbeiten. Laut der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie werden Lehrkräfte in Berliner Schulen dringend gebraucht, und Lehramtsstudierende aus Bachelor- und Masterstudiengängen sind an den Schulen gern gesehen. Neben dem Studium erste praktische Erfahrungen sammeln, sich dabei weiterbilden und mit dem Traumberuf das Leben während des Studiums finanzieren? Auf den ersten Blick klingt das großartig.
Studierende sollen als Lehrkräfte in ihren studierten Fächern tätig werden und in Absprache auch weiteren Unterricht in sogenannten Neigungsfächern übernehmen, für die Studierende keine didaktische oder fachliche Grundlage haben. Genau das wird jedoch oft zum Problem.
Eine Kommilitonin aus meinem Studiengang, welche neben dem Studium als Lehrerin arbeitet, soll neben ihren studierten Fächern nun auch Mathematik, Sport und Musik unterrichten. Trotz der ausdrücklichen Bitte, keinen Mathematikunterricht erteilen zu müssen, da sie weder didaktische noch weitreichende fachliche Kenntnisse hat, wird sie dieses Fach unterrichten müssen. Wie kann so die Qualität des Unterrichts gewährleistet werden?
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Dazu kommt, dass der Vertrag einer studentischen Lehrkraft oft bis zum Ende des Schuljahres befristet ist. Auch der Vertrag jener Kommilitonin endet mit dem Beginn der Sommerferien. Bei Bedarf kann der Vertrag zwar verlängert werden, doch für die sechs Wochen ist sie ohne Geld. Wie sollen dann Miete und weitere Kosten des alltäglichen Lebens bestritten werden? Wer sich über den Sommer einen anderen Nebenjob suchen muss, entscheidet sich nicht immer, in den Schulbetrieb zurückzukehren – bei dem ausgeprägten Lehrermangel in Berlin ein fatales Signal.
Es ist schön, dass es bereits während des Studiums die Möglichkeit gibt, praktische Erfahrungen zu sammeln. Es bleibt aber die Frage, ob es das wirklich wert ist. Fair ist der derzeitige Zustand sicherlich nicht, weder den Studierenden noch den Kindern gegenüber. Sollen die Fehlentscheidungen, welche den Lehrermangel überhaupt erst herbeigeführt haben, wirklich auf den Rücken der Studierenden und der Schulkinder ausgetragen werden?
Budgets sind knapp, trotzdem bleibt die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, Studierende mit ausreichend großen Seminaren und unbefristeten Verträgen besser zu unterstützen. Um den Lehrermangel in Berlin und Deutschland zu beheben, sollte man das Fundament nicht schwächen, auf dem die Grundlage für unsere zukünftige Gesellschaft aufgebaut wird.
Jona Schubert ist ein Pseudonym. Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.
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