LEIPZIGER BUCHMESSE - Heute beginnt das große Literaturtreffen. Ein Thema drängt mehr denn je: Das Projekt der Suchmaschine Google, Millionen Bücher einzuscannen. Infrage steht der Schutz des geistigen Eigentums.

Bibliothek ohne Grenzen

Christian Esch
4 Min

BERLIN. Auf der Frankfurter Buchmesse 2004 erschienen überraschend die beiden Gründer der Suchmaschine Google, Sergej Brin und Larry Page. Was die frischgebackenen Milliardäre dort den Verlagen sagten, war interessant. Weit interessanter noch war, was sie ihnen verschwiegen. Es sorgt bis heute für Aufregung. Brin und Page warben für die Digitalisierung: Lasst uns eure lieferbaren Bücher einscannen und ins Netz stellen, sagten sie den Verlagen. Denn wer über das Google-Suchfenster neben Webseiten auch Auszüge aus Büchern findet, wird zum potenziellen Buchkäufer. Das Echo war wohlwollend; schließlich gab es ein solches Angebot schon vom Internet-Händler Amazon.Was Brin und Page verschwiegen hatten, erfuhr die Welt kaum zwei Monate später. Im Dezember 2004 kündigte Google ein weit größeres, ja gigantisches "Bibliotheksprojekt" an. Mit einem Aufwand von 200 Millionen Dollar sollten in kurzer Zeit 15 Millionen Bände aus amerikanischen und britischen Universitätsbibliotheken einzeln eingescannt werden. Diese über das Google-Suchfenster kostenlos zugängliche Internet-Bibliothek wäre anderthalbmal so groß wie die Berliner Staatsbibliothek mit ihrer 300-jährigen Geschichte!Seither ist die Aufregung groß. Weniger unter den Bibliothekaren - ihre Bücherschätze, einmal eingescannt, würden mehr gelesen und weniger beschädigt, das sind handfeste Vorteile. Die Verlage dagegen sind alarmiert, denn die Inhalte ihrer Bücher sind ihre einzige Ware. Wenn Google ganze Bibliotheken samt urheberrechtlich geschützter Titel einscannt, ohne die Verlage vorher um Erlaubnis zu bitten - wie wird es dann erst mit den digitalisierten Inhalten umgehen? Will Google - eine Angstvorstellung, die im Herbst 2005 auf der Messe kursierte - auf die Dauer sogar selbst zum Verlag werden?Der Widerstand richtet sich also nicht gegen die Digitalisierung an sich; sondern dagegen, die Kontrolle über die sensiblen Daten aus der Hand zu geben. Einige Verlagsgruppen - Holtzbrinck, Random House - haben angekündigt, eigene Plattformen für die Volltextsuche einzurichten, und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels will ab Oktober ein Projekt "Volltextsuche Online" in Betrieb haben. Auch was das Einscannen von Bibliotheken angeht, hat Google Konkurrenz bekommen: Microsoft scannt gerade Bücher der British Library für ein Projekt mit Yahoo namens "Open Content Alliance", das das Urheberrecht strenger auslegen will. Und der prominenteste Kritiker von Google, Frankreichs oberster Bibliothekar Jean-Noel Jeanneney, hat eine Initiative der europäischen Nationalbibliotheken namens "Digitale Europäische Bibliothek" angestoßen.Ob das wirklich ernsthafte Konkurrenz sein wird? So schnell wie Google scannt niemand. "Unser Prinzip", erklärte auf der Frankfurter Buchmesse 2005 die Google-Managerin Jennifer Grant, "heißt: erst ausprobieren - dann verbessern". Verbesserungswürdig ist in der Tat noch einiges an der Buchsuche. Aber der unbekümmerte Ansatz, verbunden mit dem enormen Aufwand und großer Marktmacht, sichert Google den Vorsprung.------------------------------Festival des LesensZur Leipziger Buchmesse 2006 präsentieren Verlage und Editionen aus 33 Ländern von diesem Donnerstag an ihre Frühjahrsprogramme. Auf rund 53 000 Quadratmetern Fläche im Messegelände sind bis zum Sonntag die Neuerscheinungen nicht nur zu sehen, sondern werden vielfach von den Autoren selbst vorgestellt. Mit rund 2 150 Ausstellern ist die Buchmesse abermals gewachsen. Die vermietete Fläche und die Zahl der Aussteller mit eigenem Stand stiegen nach Angaben der Messe um acht Prozent an.1 500 Autoren und Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft bestreiten die etwa 1 800 Veranstaltungen beim weltweit größten Lesefest "Leipzig liest", das die Buchmesse begleitet. Es stehen 1 800 Veranstaltungen an 250 Spielstätten im Programm dieses Literaturfestivals, so viele wie nie zuvor.Den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält der ukrainische Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer Juri Andruchowytsch. Der Preis ist mit 15 000 Euro dotiert. Insgesamt werden in fünf Tagen 20 literarische Auszeichnungen sowie Preise für Buchgestaltung, -marketing und Nachwuchsautoren oder -zeichner verliehen.Im Mittelpunkt des Buchmesse-Programms stehen junge deutschsprachige Autoren und Literaturen der mittelosteuropäischen Länder. Zudem bietet die Buchmesse das größte Hörbücher-Forum im deutschsprachigen Raum. Viel Platz wird der Kinder- und Jugendliteratur eingeräumt.------------------------------Foto: Hauptlesesaal der The New York Public Library. Diese Bibliothek nimmt am Scan-Projekt von Google teil.

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