Es waren nicht die Tode meiner Vorfahren, die mich so nachhaltig erschütterten. Nicht der meines Großvaters vor fünfzehn Jahren - auch wenn ich nach Stunden der inneren Reglosigkeit auf der Beerdigung schließlich an der Schulter meines Onkels in Schluchzen ausgebrochen war, das eine Viertelstunde anhielt, bevor es einer leeren Erschöpfung und später dem Vergessen wich. Auch nicht der meiner Großmutter vor zwei Jahren, nach zehn Jahren im Altersheim, von denen die letzten sechs ein Vegetieren gewesen waren, weshalb ich in ihrem Tod nur eine viel zu lange verhinderte Erlösung sah. Als ich sie das letzte Mal im Heim besucht hatte, lag sie, von Krämpfen und Verkürzungen der Sehnen und Muskeln S-förmig verkrümmt, in ihrem Bett, einem Bett mit einem Gitter rundum, ein Nachthemd und eine Windel an. Die Zudecke hatte sie von sich geschoben. Das Zimmer war überheizt. Der Geruch von Siechtum und Salben hing in der Luft. In den Regalen und Kommoden an den Wänden standen die gerahmten Familienbilder, die ich aus meiner Kindheit kannte. Sie hatte ihr Nachthemd hochgezogen, so dass ich ihren Bauch sehen konnte, und riss mit steifer Hand an der Windel. Dabei fixierte sie mich aus halb geöffneten Augen und gab wütende Laute von sich - sprechen konnte sie schon lange nicht mehr. Ich nahm ihre Hand und hielt sie fest. Dann streichelte ich ihre Stirn und sagte leise: "Was machen sie bloß mit dir?"Es war der Tod meines Cockerspaniels Leisler, der mir die Vergänglichkeit von allem und jedem unauslöschlich vor Augen rief. Von allem, was Menschen etwas bedeutete, und jedem, einschließlich meiner selbst. Leisler war vor sieben Jahren als Welpe zu mir gekommen, als ich nach Neukölln zog. Zu mir gekommen, weil er eigentlich Walter gehörte, meinem Kommilitonen, mit dem zusammen ich die Drei-Zimmer-Wohnung in der Hobrechtstraße gemietet hatte. Von hinten sah Leisler mit seinen Zotteln wie Alf aus, und genau so lief er auch. Walter war nach zwei Monaten, in denen er immer im Stehen gepisst und nie geputzt hatte, zu einer Frau nach Chemnitz gezogen, die keine Hunde mochte, und hatte Leisler bei mir gelassen. Ich war sieben Jahre lang morgens und abends mit ihm am Landwehrkanal spazieren gegangen, vorbei an der Lohmühle, über die Brücke am Görlitzer Park und am Paul-Lincke-Ufer zurück, wo ich eines Sonntagmorgens vor sechs Jahren, als ich den Boulespielern zusah und Leisler den Möwen (andere Hunde interessierten ihn nicht), Maria kennengelernt hatte.Ich wusste, dass Leisler das einzige Wesen auf dieser Erde war, das mich ohne Einschränkungen liebte und wahrscheinlich sein eigenes Leben opfern würde, wenn es darum ginge, mich zu retten. Bei Maria, obwohl ich mich ihr vom ersten Moment an für immer zugehörig gefühlt hatte, war ich mir dessen niemals ganz sicher gewesen - und hätte auch nicht gewagt, es zu erwarten. Ein Schelm, wer glaubte, Liebende gäben ihr Leben füreinander auf. Die menschliche Liebe, dessen war ich sicher, war immer an Bedingungen geknüpft, an die Fähigkeit, einen Tauschhandel zu beiderseitigem Gewinn zu betreiben. Wer nichts zum Tauschen hatte, brauchte auf Liebe nicht zu hoffen, Ebenso wenig, wer zu viel verlangte.Das Zusammensein mit Leisler war, anders als mit jedwedem Menschen, nie unerträglich geworden. Merkte er, dass ich litt, wegen Maria, wegen irgendwas, dann wurde er anschmiegsam, aufmerksam, zum einzigen Wesen, das ich in meiner Nähe ertrug. Dieses Frühjahr, wenige Wochen vor Ostern, war er gestorben. Ein halbes Jahr zuvor hatte er Zysten am Bauch entwickelt und war zweimal operiert worden. Er hatte gewartet, bis ich vom Institut nach Hause kam, hatte die Schnauze in meine Hand gelegt, mich aus seinen braunen Augen, in denen ich Erschöpfung, aber keine Angst und kein Aufbegehren lesen konnte, angesehen, hatte noch einen Atemzug getan und dann die Augen geschlossen. Ich weinte das ganze Wochenende hindurch. Ein Wochenende, an dem Maria nicht da war, weil sie es mit einem anderen Mann verbrachte.Maria. Es hatte mich nie gestört, wenn sie Sex mit anderen Männern hatte. Mir war klar, dass man Gefühle der Langzeitbindung für einen Menschen hegen, in einen anderen verliebt sein und einen dritten begehren konnte, all das zugleich. Ich wusste von mir selbst, wie unglücklich ich wurde, wenn ich meine Begierde oder mein Verliebtsein unterdrückte, und ich erwartete von Maria nicht, sich meinetwegen solchem Unglück auszusetzen. Zumindest hatte es mich, wenn sie Liebhaber hatte, immer in dem gleichen Maße erregt wie geängstigt. Wenn sie sich aber verliebte, wenn sie ernsthafte Anstalten machte, mich zu verlassen, wie dieses Mal - dann erwischte mich das wie eine Krankheit, die einem die Beine wegzog.Ich traf sie am Sonntag, eine Woche nach Leislers Tod, im Café am Engelbecken. Der Winter war nicht kalt gewesen, er hatte nur lange Phasen grauen Himmels gebracht, und die Pollen hatten in keinem Monat aufgehört zu fliegen. Heute schien die Sonne, es war so warm, dass wir im Freien am Wasser sitzen konnten. Maria trug Jeans, einen breiten, geflochtenen Ledergürtel lose um die Hüfte und ein enges, weißes T-Shirt. Ihre Jacke hatte sie ausgezogen. Ich sah sie zum ersten Mal seit drei Wochen. Ich begehrte sie so sehr, dass es mir schwer fiel zu sprechen. Seit Leislers Tod war ich von einer Unruhe erfüllt, die ich mir nur auf eine Weise erklären konnte: als Ungeduld eines Körpers, der wusste, dass er vergehen würde und der keinen Augenblick mehr zu verlieren hatte. Er musste andere anfassen, in ihnen sein, sich an ihnen festhalten - und sie festhalten. Auch Maria sagte nicht viel. Ich brauchte nicht zu fragen, um es zu wissen. Aber ich fragte trotzdem: "Und, wie ist es mit . Tommi?"Maria zog die Schultern hoch und sah mich mit einem traurigen Lächeln an.Sie hatte schon vor Monaten gesagt, dass sie mit Tommi, dem neuen Mitarbeiter in der Agentur, gerne ins Bett gehen wolle. Dass sie sich verliebt hatte, hatte sie nicht gesagt, aber es wurde klar, als sie sich tagelang nicht mehr bei mir gemeldet hatte."Hast du jetzt was mit ihm gehabt?"Maria nickte."Und?"Sie verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. Ich wusste, dass sie nicht meinte, der Sex sei schlecht gewesen. Der Sex war vermutlich sogar gut gewesen. Vielleicht sehr gut, was das Ganze für sie schlimmer machte. Und das war es, was sie meinte, als sie den Kopf schüttelte: das Ganze.Sie lehnte sich zu mir herüber und nahm meine Hand. Und ich stand auf und ging zahlen.Bei ihr zu Hause bat ich sie, den breiten Gürtel anzubehalten. Später hielt ich sie lange im Arm. Ihr Gewicht, ihre Haut, ihr Geruch, das war genau das, was gefehlt hatte - und doch empfand ich plötzlich etwas, was ich nie zuvor, in all den Jahren nicht, empfunden hatte, ein Gefühl, das so stark wurde, dass ich mich wegdrehen musste: Ohne sie könnte ein neues Leben beginnen. Ich könnte ein neues Leben beginnen.Die nächste Folge der Geschichte "Stephans neues Leben" erscheint morgen.------------------------------Eine Reise nach Rom als HauptpreisTobias Hülswitt hat die Liebesgeschichte "Stephans neues Leben" exklusiv für die Berliner Zeitung geschrieben. Bis Freitag erscheint täglich eine Folge, dann stellt sich die Frage - in wen verliebt sich Stephan? Kehrt er zurück zu seiner Ex, fängt er was mit der Ex seines Freundes an, oder mit einer anderen, oder mit einem Mann?Die Leserinnen und Leser der Berliner Zeitung dürfen Schicksal spielen und schreiben, wo die Liebe hinfallen soll - entweder per Mail [email protected] oder per Post an Berliner Zeitung "Neues Leben" Postfach 021289, 10124 Berlin. Einsendeschluss: Dienstag, 18. März, 12 Uhr.Gewinnen kann jeder, der mitmacht. Unter allen Einsendungen werden folgende Preise verlost:Der erste Preis ist eine siebentägige Flugreise nach Rom für zwei Personen.Der zweite Preis ist eine dreitägige Wellnessreise für zwei nach Usedom.Der dritte Preis ist ein Candlelight-Dinner für zwei Personen im Fernsehturm-Restaurant.4. bis 13. Preis: je ein Roman "Der kleine Herr Mister" von Tobias Hülswitt.14. bis 23. Preis: je ein Roman "Ich kann dir eine Wunde schminken" von Tobias Hülswitt.Die letzte Folge wird Tobias Hülswitt entsprechend der Leserwünsche aktuell schreiben. Sie erscheint am Donnerstag, 20. März. Dann werden auch die Namen der Gewinner veröffentlicht.Mitreden kann jeder - unter www.berliner-zeitung.de/neuesleben ist ein Blog geschaltet, in dem es um Stephans Flirtgeschick geht, darum ob er sich klug verhält oder alles ganz anders machen sollte.Alles zu "Stephans neues Leben" im Internet:www.berliner-zeitung.de/neuesleben
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]