Leiter des Museums am Checkpoint Charlie wehrt sich gegen neue Vorwürfe

Täuschte Hildebrandt die Lottostiftung?

Marijke Engel
5 Min

Gegen den Leiter des Hauses am Checkpoint Charlie, Rainer Hildebrandt, werden neue Vorwürfe laut. Nach einer umfangreichen Dokumentation, die der "Berliner Zeitung" und zwei Vorstandsmitgliedern des Trägervereins vorliegt, soll Rainer Hildebrandt, über Jahre hinweg für private Zwecke jeweils fünfstellige Beträge aus der Kasse des gemeinnützigen Vereins "Arbeitsgemeinschaft 13. August" (Arge) beansprucht haben. Der Vorstand habe die Beträge dann am Jahresende mit Vereinsmitteln wieder ausgeglichen. Außerdem behaupten die Verfasser der Dokumentation, die aus den Reihen ehemaliger Freunde des Museums stammen und der "Berliner Zeitung" bekannt sind, der Vorstand habe die Stiftung Deutsche Klassenlotterie getäuscht. Sie hatte dem Verein wiederholt Geld für Kunsteinkäufe gestiftet.Rainer Hildebrandt, ließ über seinen Anwalt Bernd Krziscik mitteilen, der Vorstand der "Arge" lasse die Vorwürfe überprüfen. Die Anschuldigung, er habe Fördermittel zweckentfremdet, weist Hildebrandt zurück. Die Lottostiftung bestätigte unterdessen, Justitiariat und Revision überprüften eben diesen Sachverhalt. Möglicherweise wird die Stiftung ihre Gelder zurückfordern.Die 150seitige Dokumentation belastet ausdrücklich auch die beiden Vorstandsmitglieder Hauke Jessen und Günter Irrgang. Der Jurist Jessen ist als Leiter der Gruppe eingesetzt, die die Vorwürfe hausintern untersuchen soll. Die Dokumentation listet die Vorgehensweise Rainer Hildebrandts und der Vereinsvorstände detailliert auf. Hildebrandt soll seine monatlichen Bezüge als Geschäftsführender Vorsitzender und Leiter des Museums regelmäßig durch Geld aus der Museumskasse aufgestockt haben. Er erhalte seit 1993 ein Gehalt von 8 300 Mark monatlich sowie einen Dienstwagen. Außerdem zahle die "Arge" ihm eine Miete von 1 900 Mark für das Privathaus im Grunewald, das er der "Arge" als Gästehaus zur Verfügung stelle. Die zusätzlichen Entnahmen, teilweise mehrere tausend Mark pro Monat, wurden laut den Unterlagen auf einem Verrechnungskonto "Dr. Hildebrandt" verbucht als zinslose Kredite. Jeweils am Jahresende war ein Saldo von mehreren zehntausend Mark aufgelaufen. Das Minus wurde jedesmal mit dem Geld der "Arge" beseitigt. Laut Auskunft der Oberfinanzdirektion kann in Fällen, bei denen Einkünfte eines gemeinnützigen Vereins für private Zwecke genutzt werden, die Gemeinnützigkeit entzogen werden.Die Dokumentation liefert Beispiele für den bisherigen Umgang mit dem Verrechnungskonto: Ende 1991 hätten 45 927 Mark gefehlt. In einem Brief an die Vorstandsmitglieder habe Rainer Hildebrandt im Jahr 1992 eine "Prämie für langjährige Dienste" beantragt, um den Fehlbetrag auszugleichen. Als Begründung schrieb Hildebrandt unter anderem: "Für mich darf ich in Anspruch nehmen, nahezu alle Exponate unserer Museen einschließlich der wandernden Schwester-Ausstellungen, beschafft zu haben (...), alle Objekte der Bildenden Kunst zumindest entdeckt zu haben (Freundschaft mit Künstlern, Entdeckungen in Literatur) und häufig auch geschenkt erhalten ". Hinzu, so der Museumsleiter, komme die größtenteils selbstverfaßte Literatur, die rund 90 Prozent des Verkaufserlöses an Büchern und Broschüren ausmache. Die beiden Vorstandsmitglieder Jessen und Irrgang hätten Hildebrandt am 23. und 24. Juli 1992 einen Betrag von 60 000 Mark bewilligt. Hildebrandt wiederum erwähnt in seinem Brief, er benötige, nach Abzug der Steuern, genau jene Summe. Laut den vorliegenden Dokumenten beläßt es Hildebrandt nicht bei dem einen Fall. 1992 sei das Konto der Vereins erneut mit 45 644, 96 Mark im Minus gewesen. Auch diesmal bat Hildebrandt den Vorstand schriftlich um Geld. Die Summe, so die Begründung, werde zur "Aufrechterhaltung des Gästehauses in der Höhmannstraße" benötigt. Der Vorstand bewilligte rückwirkend für die Jahre 1989 bis 1993 einen Betrag von 52 616 Mark zum Unterhalt des Hauses, das Hildebrandt selbst bewohnt. Fortan soll der Vereinsvorsitzende zusätzlich zu den Mieteinnahmen einen "Nebenkostenzuschuß" von 750 Mark im Monat bezogen haben.Hildebrandt ließ am Montag erklären, das Verrechnungskonto sei "mit Beginn des laufenden Geschäftsjahres abgeschafft". Mit den Zahlungen seien dem Museumsleiter lediglich seine, der "Arge" zur Verfügung gestellten Autorenrechte vergütet worden. Rechte, über deren "endgültige Berechnung erst nach längerer Geschäftspraxis entschieden werden sollte". Noch einen anderen Weg, das Konto auszugleichen, hatte Hildebrandt gefunden: Er verkaufte Teile seines Privatbesitzes an die "Arge". Oft, so belegen Kopien des Schriftverkehrs, handelte es sich um Geschenke von Künstlern, die auch im Gästehaus in der Höhmannstraße gewohnt hatten. Hildebrandts Anwalt bestätigt dies, fügt aber an, die Verkäufe seien "wie übliche Erwerbsgeschäfte" abgewickelt worden. Einen Computer, den die "Arge" Rainer Hildebrandt zu seinem 75. Geburtstag 1989 geschenkt hatte, habe Hildebrandt 1992 für 4 500 Mark zum Neupreis an den Verein verkauft. Das geht aus den Dokumenten hervor. Diesen Erlös als Gegenwert für die Anlage zu erwirtschaften, sei Hildebrandts gutes Recht, verteidigt dessen Anwalt den Vorgang.Ein weiterer Vorwurf, der sich aus den Schriftstücken ergibt, ist die Täuschung der Lottostiftung durch die "Arge". Seit 1987 waren rund 3,7 Millionen Mark Stiftungsgelder an den Verein geflossen. Beim Ankauf von Kunstwerken durch die Arbeitsgemeinschaft soll der Verein der Stiftung verschwiegen haben, daß bereits Anzahlungen auf bestimmte Objekte gemacht worden waren. Die Lotto-Stiftung soll die Kunstwerke jedoch zum vollen Preis gekauft haben, die "Arge" habe ihre Anzahlungen von den jeweiligen Künstlern zurückbekommen. Ein Beispiel: Den Unterlagen zufolge erhielt 1991 der Künstler Daniel Mitljanski 17 730 Mark von der "Arge" als Anzahlung. Die Lotto-Stiftung soll das Kunstwerk mit einer Zahlung von 35 000 Mark gefördert haben. Der Künstler erstattete, das beweist ein Beleg, einen Betrag von 17 300 Mark an die "Arge" zurück. Hildebrandts Anwalt erklärt nun, für den laufenden Museumsbetrieb seien nie öffentliche Mittel verwendet worden. Man werde die Vorwürfe entkräften.Das Schreiben ist den beiden Vorstandsmitgliedern Jessen und Irrgang vergangene Woche zugegangen. Sie bestätigten die Echtheit der Kopien. Jessen sagte nach Durchsicht der 150 Seiten: "Ich kann darin nichts Belastendes finden." Günter Irrgang bezweifelt zwar, daß Rainer Hildebrandt sich persönlich bereichert hat, räumt jedoch ein, daß in der Vergangenheit "einige Dinge nicht so gut gelaufen" seien. Im übrigen seien viele Schriftstücke allein von Jessen und Hildebrandt unterschrieben worden, so Irrgang. Auf einer Mitgliederversammlung am 19. Januar soll der Vorstand der "Arge" von drei auf fünf Mitglieder erweitert werden, ließ Hildebrandt noch mitteilen.

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