Der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen Jörg-F. Maas ist ein freundlicher Mann, der gern gute Botschaften verbreitet. Seine Organisation steht für so sympathische Initiativen wie den Bundesweiten Vorlesetag, für Buchgeschenke und Tipps zum Lesen in den Familien. Am Dienstagvormittag schlug er ungewohnt ernste Töne an: „Wir werden die Mahner und Mäkler sein. Wir werden permanent den Maßstab anlegen und sagen: Es muss mehr passieren.“ Denn die Lage sei ernst.
Der im Mai veröffentlichten Iglu-Studie zufolge ist ein Viertel der Kinder an deutschen Schulen zum Ende der vierten Klasse nicht in der Lage, Texte sinnentnehmend zu lesen. Weil schon vor zwanzig Jahren die erste Pisa-Untersuchung grobe Mängel zeigte und alle weiteren Studien Deutschland bestenfalls im Mittelfeld der Nationen einstuften, wurde im März 2021 der Nationale Lesepakt gegründet, in dem sich 180 verschiedene Institutionen zusammenschlossen. Am Dienstag luden die Lesepakt-Initiatoren Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Stiftung Lesen Vertreter aus Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Politik zum 2. Nationalen Lese-Summit in ein Berliner Hotel. Der Vormittag zeigte: Über das Problem wissen wir besser denn je Bescheid. Die Veränderung geschieht aber sehr langsam.
Experten: „Es gibt zu wenig Kinderbücher in den Sprachen, die hier gesprochen werden“
Das neue Programm der Ampelregierung
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung Bettina Stark-Watzinger hatte zwar die Schirmherrschaft übernommen, war aber wegen der deutsch-chinesischen Konsultationen verhindert und schickte den Parlamentarischen Staatssekretär Jens Brandenburg. Der informierte über ein paar Programme, die seit einiger Zeit laufen, etwa „Lesestart“ in Zusammenarbeit mit Kinderarztpraxen oder „BiSS-Transfer“, bei dem in Hamburg an jedem Tag im Unterricht zwanzig Minuten gelesen werde.
Ein neues Projekt heißt „Startchance“. Die Ampel-Regierung will damit Schulen in kritischer Lage unterstützen. 4000 Schulen sollen davon profitieren. Der Staatssekretär sagte ergreifend: „Das sind wir der jungen Generation schuldig.“ Er sagte aber nicht, wann das ursprünglich schon für dieses Jahr geplante Programm beginnt.
Leseförderung: Ein Pakt ist kein Plan
Jörg-F. Maas griff auf, dass einige Kommentare zur Iglu-Studie das Wort „schockierend“ enthielten. Schockierend sei für ihn vor allem, dass man sich anscheinend an die schlechten Werte in Deutschland gewöhnt habe, denn die Aufregung in den Medien sei kurz gewesen. Er fühlte sich an den Klimawandel erinnert: Weil die Erde sich schon lange schleichend erwärme, seien zu wenig Menschen besorgt. „Wir merken gar nicht, wie schlecht es um uns steht. Wir verspielen gerade den Bildungs-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland.“
Warum können Kinder in Deutschland so schlecht lesen: Berliner Experten haben Antworten
Der Lesepakt also trete zur Veränderung an, möchte neue Impulse setzen. Weil der Moderator von Hause aus Sportjournalist ist, wurden im Verlauf einige lustige Vergleiche aus dem Fußball gezogen. Das zentrale Sprachbild allerdings war schief: „Geld schießt keine Tore“, sagte man zur Forderung nach besserer Ausstattung des Bildungsbereichs. Das Beispiel des FC Bayern München zeigt, dass mit Geld auch im Fußball viel zu holen ist. Die andere Währung, die wiederholt auf dem Gipfeltreffen ins Feld geführt wurde, hängt vielfach mit den Finanzen zusammen: Zeit. Wenn Erzieher und Erzieherinnen, wenn Lehrerinnen und Lehrer sich mehr Zeit nehmen sollen, um mit den Kindern das Lesen zu üben, brauchen die Einrichtungen entsprechende personelle Unterstützung.
Das Vorlesen in den Familien verschwindet – und alle schauen zu
Den Hintergrund für den gegenwärtigen Zustand lieferte Michael Becker-Mrotzek, der Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, in einem Vortrag. Für Kinder mit Migrationsgeschichte habe inzwischen der Abstand zu Kindern aus Akademikerfamilien zugenommen. Deren Zuhörkompetenz sei sogar noch deutlicher zurückgegangen als die Lesekompetenz.
Er schlug Maßnahmen vor, die sich bundesweit einsetzen ließen: ein tägliches Lesetraining von zwanzig Minuten von der zweiten bis zur vierten Klasse. Es brauche nicht einfach netten Lesestoff, sondern vorgegebene Lernmaterialen und schließlich eine schulinterne Fortbildung, die auch bedeute, dass Schulnetzwerke die Fluktuation an den einzelnen Schulen auffangen. Das gesellschaftliche Ziel müsse sein, die Anzahl der Schüler, die die Mindeststandards verfehlen, zu halbieren.
Zu lange habe er sich anhören müssen, die Wissenschaft habe ein verengtes Bildungskonzept, das Interesse am Lesen entstünde durch Motivation. Die wachse aber erst, wenn man Erfolge sehe. Das 20-Minuten-Programm zeige schon nach drei bis vier Monaten der Regelmäßigkeit, dass die Kinder besser lesen können.
Die Jugendlichen von heute sind die nächsten Eltern
Als Mann der Praxis lenkte Stefan Spieker, der Vorstandsvorsitzende der Fröbel-Gruppe, den Blick auf die Kitas, die zu lange nur als Aufbewahrungsorte angesehen wurden. „Wir sind uns nicht dessen bewusst, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat“, sagte er. 30 Prozent der Kinder sprächen zu Hause nicht deutsch. Die Erstsprache müsse dringend wertgeschätzt werden. Und Simone C. Ehmig, die Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, tippte noch etwas kurz an: Man müsse auch auf die jungen Erwachsenen schauen. Diese Generation werde als Nächstes Eltern. Wenn die sich nicht für Bildung interessiere, das Lesen für überflüssig halte, gebe sie diese Haltung auch in den eigenen Familien weiter.
Als Mahner und Mäkler wollte sich Jörg-F. Maas in seinem Schlusswort darstellen, als er „eine systemische Veränderung“ forderte. Da war es an der Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Karin Schmidt-Friderichs, noch ein nettes Wort zu sagen: „Critical friends“ möchten sie sein, aufmerksame Begleiter.
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