Ich weiß nicht mehr genau, wann das losging mit der Alterssichtigkeit, aber ich fürchte, ich war erst Anfang 40. Damals kam ich erst mal noch ohne Lesebrille zurecht.
Diese Zeit dehnte ich aus bis es einfach nicht mehr ging und ich mir in einer Drogerie, die erste Brille kaufte, damals noch mit dem Wert +1 Dioptrie. Inzwischen bin ich bei +2,5. Ich könnte auch +3 nehmen, aber ich schiebe es vor mir her.
Jeder, der auf eine Lesebrille angewiesen ist, wird es aus eigener, leidvoller Erfahrung wissen: Man verlegt die Dinger ständig. Eine Zeitlang versuchte ich, diesem Missstand dadurch abzuhelfen, dass ich mir einfach Unmengen dieser Brillen anschaffte und überall auslegte.
Es half überraschenderweise wenig. Ich hatte trotzdem oft keine zur Hand, musste suchen, wühlen. „Isst du die?“, fragte ein Freund, der es sich genauso wenig erklären konnte wie ich.
Abends vor der Haustür: Der Gipfel der Demütigung
Ohne Lesehilfe gerät man in allerlei unangenehme Situationen mit hohem Demütigungspotenzial. Typisch Boomer, könnte man auch sagen. Ich musste schon in einem Bekleidungsgeschäft eine wildfremde Frau bitten, mir zu sagen, aus welchem Material die Bluse besteht, auf die ich ein Auge geworfen hatte.
Oder Freunde wie Familienmitglieder auffordern, mir im Restaurant die Speisekarte vorzulesen. Ob mich Fremde an den Tischen drumherum für eine Analphabetin halten?
Den Gipfel der Demütigung allerdings habe ich nun schon mehrfach abends vor einem Klingeltableau an einer Haustür erreicht: Es ist dunkel, meine Brille habe ich offenbar nicht eingesteckt, als guter Boomer habe ich auch mein Handy zu Hause gelassen, denn ich will mich mit den Freunden, bei denen ich eingeladen bin, ja unterhalten.
Und nun kann ich die Namen auf den Klingelschildern nicht lesen, sie auch nicht anleuchten, wodurch sie besser lesbar werden, und weiß nicht, wie ich mich bemerkbar machen soll.
Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie
Mehr
Einmal stand ich vor einem Klingeltableau aus Messing, die Namen waren in die einzelnen Schilder eingeritzt und fühlbar. Die Freunde hatten einen Doppelnamen. Ich tastete also die einzelnen Schilder ab, so als würde ich Brailleschrift lesen. Aber es half nichts.
Ich musste wieso oft warten, bis jemand anders ins Haus wollte und mir weiterhalf: „Entschuldigung, ich habe meine Brille nicht dabei.“
Psychiaterin: Warum für Boomer der Gang in die Rente so hart ist
Rentendebatte: Soziologe Heinz Bude findet, dass man den Boomern dankbar sein sollte
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]