Leseland ist abgebrannt

Detlef Friedrich
4 Min

Teppichland, Elektroland, Bäderland..., Leseland.Kein Stuhl mehr frei im Leseland. Die Leseland-Gemeinde Berlin-Hackescher Markt wartet in stiller Demut. Pastor Schorlemmer betritt die Buchhandlung mit Gefolge, wendet sich zur Seite, beugt sich genierlich in die Regalecke - leider gibt es hier keine Sakristei, wo sich ein Pastor umziehen kann - und wickelt sich ein Mikrofon mit Sendegerät um den Leib. Strafft sich, richtet sich auf, stellt sich drahtig hinter dem Tisch und vor den Regalen mit Ratgeberliteratur über schönes Wohnen und Pferdepflege auf. "Nicht Luther, Schorlemmer. Ich betreibe ihre irdische Sache", sagt Schorlemmer als Schorlemmer in Volker Brauns Hörspiel "Der Staub von Brandenburg", das kürzlich im Deutschlandfunk lief. Jetzt ist Schorlemmer der Praeceptor Germaniae aus Buchwesen, Presse und Funk, der neue Melanchthon aus Lutherstadt Wittenberg, der Deutschlandosterklärer von Sachsen-Anhalt, so wie man ihn seit den Tagesschau-Interviews zu Honeckers Zeiten kennt: Er ist mutig. Schon wieder mutig. Denn vieles ist auch heute einfach "falsch", er könne auch sagen "katholisch", witzelt Schorlemmer. Luther, Martin wird ebenfalls in die Schranken gewiesen. Luther sei "leider Antisemit" gewesen. Wie die "Mitte der Gesellschaft" heute rassistisch sei, vor allem die Mitte, die aus dem Osten kommt. Und überhaupt Freunde, ist es nicht komisch, dass "ausgerechnet die Karl-Marx-Städter" als erste "Helmut, hilf!" riefen? Die Karl-Marx-Städter! Geheimnisvolle Namenskräfte scheinen zu wirken. Einige Zuhörer glucksen. Und im regen Predigtplauderton, der von Freiheit handelt, wird allmählich fühlbar, dass vielleicht jemand das Fenster öffnen sollte.Die permanente Welterklärung ist wie die permanente Revolution vermutlich eine Veranlagung. Friedrich Schorlemmer blickt huldvoll in die Gesichter, zählt die Lieben. Eine ältere Dame, die sich verspätete, spricht er mit Namen an, und weist ihr den Stuhl direkt vor sich zu. Der Pastor schaut, tausendmal probiert, auf die zur Politikpredigt versammelte Gemeinde herab, obwohl er gar nicht erhöht steht. Er könnte noch Stunden so weiter reden. Das ist die große Kunst, wie sie protestantische Pastoren wundersam beherrschen, sich zu erhöhen, dass keiner es merkt. Wer es perfekt gelernt hat, geht in die Politik oder wird Bundesbeauftragter.Pastor Schorlemmer ist bereit zur politischen Verkündigung. Es ist sein Abend. Die Losung des Tages ist auf dem Umschlag des neuen Buches ausgegeben: "... der aufrechte Gang, das aufrichtige und aufrichtende Wort gehören zu unseren menschlichen Möglichkeiten und zu unserer Menschwerdung." Das neue Buch, das Friedrich Schorlemmer aus Wittenberg uns geschenkt hat, kommt im AufbauTaschenbuchverlag heraus, der gestrige Abend war die Buchpremiere. Es heißt "Absturz in die Freiheit", im Untertitel "Was uns die Demokratie abverlangt". Buchpremiere ist ein unbestimmter Begriff, und unbestimmte Sachen bestimmen Pastorenpolitiker lieber selber. Buchpremiere also geht so: Friedrich Schorlemmer steht und redet und improvisiert, liest ein paar Sätze aus seinem neuen Buch vor, improvisiert wieder, liest noch eine Stelle vor, und stutzt plötzlich an seinen eigenen Worten: "Gewaltvermeidung wurde zur kollektiven Weisheit des Volkes und auch zur Weisheit der ,kollektiven Führung ". Ein solcher Satz müsse Leuten von "anderswo" eigentlich übersetzt werden, sagt Schorlemmer, und verzichtete auf jegliche Übersetzung, denn er hat ein Gespür für seine Zuhörerschaft. So ergeben würde man im Westen nicht zuhören.Die DDR hat sich gern als Leseland bezeichnet. Statistiker und Kulturfunktionäre haben die Selbstdarstellung so oft wiederholt, bis es einige wirklich geglaubt haben. Erst kam über die DDR das Privatfernsehen und dann die Nostalgie und dann hat sich die Buchhandlung des Aufbau-Verlages "Leseland" genannt, weil sie Geld verdienen will. "Die Massengesellschaft ist inzwischen zu einer von Massen-Medien gesteuerten Gesellschaft geworden, in der die Jagd nach Einschaltquoten die schwierigen Wahrheiten und nötigen Differenzierungen, die Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbereitschaft, den Tiefgang und den guten Geschmack unter sich begräbt." Niemand stellte eine Frage. Schorlemmer sagt zum Schluss: "Kann nicht jemand ein Fenster aufmachen? Wenigstens die Freiheit zu atmen!"

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner