Es sind großartige Veranstaltungen des Dialogs, die Nirit Sommerfeld in ihrem kleinen Museumscafé im ArchäologieLandesmuseum smac in Chemnitz auf die Beine gestellt hat. Die umtriebige Künstlerin hat streitbare Geister auf ihr Goldenes Sofa gesetzt, will nach eigenem Bekunden den Dialog in der Stadt ihrer Vorfahren befördern – und immer auch über jüdisches Leben in der Stadt sprechen. Die jüdische Gemeinde der Stadt beäugt das Treiben der im israelischen Eilat geborenen Meinungsmacherin mit Skepsis, ja Ablehnung.
Der Grund: Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie das Handeln der israelischen Regierung im Gaza-Streifen nach dem terroristischen Überfall der palästinensischen Hamas am 7. Oktober 2023 mit rund 1200 getöteten Israelis als einen Genozid betrachtet. Diese Sichtweise brachte ihr den Vorwurf des Antisemitismus und eine Ausladung zum Chemnitzer Friedenstag ein. Seither sind die Fronten verhärtet.
Ihr Café „Julius“, benannt nach ihrem von den Nazis ermordeten Großvater, der zahlreichen Chemnitzer Juden die Flucht ermöglicht hatte, muss nun schließen. Das hänge damit zusammen, dass sie sich mit dem Vermieter, der stadteigenen GGG-Gebäudewirtschaft, nicht auf eine Fortführung einigen konnte. Es ging wohl um die Miethöhe, vor allem aber um einen angeblich geplanten Passus im Mietvertrag, der ihr quasi die Diskussionsveranstaltungen auf dem Goldenen Sofa verboten hätte, behauptet Nirit Sommerfeld. Die GGG hat zu diesem Thema bislang nicht auf die am 6. August gestellten Fragen unserer Redaktion geantwortet.
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Letztes Goldenes Sofa-Gespräch im „Julius“-Café
Die Folgen: Eine letzte Goldene Sofa-Veranstaltung wird es am 27. August um 19 Uhr geben – mit der amerikanisch-deutsch-israelischen, als linksliberal geltenden, Philosophin Susan Neimann, der Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums. Dies ist auch gleichzeitig das Ende des „Julius“-Cafés im smac. Danach bleibt die Einrichtung erst einmal geschlossen. Nach dem Tacheles-Gespräch am Donnerstag ist ein kleines Abschiedsfest geplant, schreibt die Gastronomin und Künstlerin auf ihrer Internetseite.
Besonders leid tut ihr die Schließung für ihre Mitarbeiter. „Von meinen vier Kolleginnen sind drei im Asylverfahren, einige fühlen sich durch den Job-Verlust noch mehr von der Ausweisung bedroht. Die brauchen den Job und haben bei uns die Chance gehabt als selbstständige Frauen mit Kopftuch ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen“, ärgert sich Nirit Sommerfeld, dass es bislang nicht gelungen ist, sie sozial abzusichern.
Man habe – auch aufgrund diverser Catering-Aufträge - bis zu zwanzig Leuten Lohn und Brot gegeben. Heute stehen zehn Menschen auf der Lohnliste - neben den Festangestellten auch einige Aushilfen. Das größte Problem sei, dass das Café nur sechs Stunden täglich öffnen könne, zu den Zeiten, zu denen auch das vom Freistaat Sachsen betriebene Landesmuseum smac die Besucher empfängt.
Das ehemalige Kaufhaus Schocken ist Chemnitz ist heute das Staatliches Museum für Archäologie - im Erdgeschoss befindet sich das beliebte Café „Julius“.
© Gabriele Hanke via www.imago-images.de
Café war wichtiger Anlaufpunkt im Kulturhauptstadtjahr
Dem gegenüber stünden recht hohe Mietkosten, die nach dem Auslaufen der „Pop up-Mietphase“ aufgerufen wurden. „Wir sind ein gefragter Anlaufpunkt im Kulturhauptstadtjahr gewesen, mit vielen internationalen Medienschaffenden, die über uns und Chemnitz berichteten. Und wir wären gern weiterhin hier im Museum geblieben“, sinniert Nirit Sommerfeld im Gespräch mit unserer Redaktion.
Anfangs sei sogar eine Förderung der „Tacheles-Gespräche“ durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zugesagt gewesen, diese sei dann zurückgezogen worden. Ob es eine konkrete Einflussnahme interessierter Kreise gegeben habe, darüber mag Nirit Sommerfeld nicht spekulieren. „Ich will mit den Gesprächen auf dem Goldenen Sofa inspirieren und eine differenzierte Sicht auf den Nahostkonflikt ermöglichen“, erläutert die Deutsch-Israelin.
Sie verweigere auch und gerade in Chemnitz den Schutz durch Sicherheitsdienste. „Ich lehne die prinzipielle Sicht, Opfer zu sein ab. Man muss den Staat Israel von der jüdischen Kultur und Religion trennen. Letztere Traditionen müssen von den jüdischen Gemeinden vertreten werden und nicht der Staat Israel, der Verbrechen begeht. Ich finde es schade, dass die jüdische Gemeinde hier jeden Dialog entzieht“, sagt Nirit Sommerfeld. Auf die Bitte unserer Redaktion sich bei uns zu Wort zu melden, gab es aus der jüdischen Gemeinde Chemnitz leider ebenfalls keine Reaktion.
Differenzierte Haltung zum Nahostkonflikt
Es sei für sie nicht einfach in Chemnitz, aber sie wolle weiter kämpfen, kündigt Nirit Sommerfeld an. Es gäbe durchaus Menschen, die den Dialog mit ihr suchen. „Manche Leute treffen sich mit mir aber lieber im Büro, weil sie nicht mit mir hier im Café gesehen werden wollen“, erzählt die Chemnitzer Jüdin von einem Nebeneffekt der in der Stadt praktizierten „cancel culture“.
Sie wolle mit ihrer Haltung verdeutlichen, dass das tägliche Blutvergießen in Nahost nicht in ihrem Sinne und ihrem Namen stattfinde. „Darüber muss man offen sprechen. Ein offener Austausch ist für das Judentum in Deutschland so unfassbar wichtig. Dort in Gaza passieren immer noch schlimme Massaker und aus meiner Sicht auch Menschheitsverbrechen. Die Bevölkerung soll gezielt geschädigt werden. Es wird berichtet von Amputationen ohne Narkosemittel bei Kindern, weil diese fehlen“, erzählt Nirit Sommerfeld fast unter Tränen.
100.000 Zivilisten, darunter 20.000 Kinder seien getötet worden. In Gaza seien achtzig Prozent der Gebäude zerstört, darunter auch alte christliche Kirchen und historische Moscheen. „Dort wird Schutt weggeschafft, an dem DNA klebt. Deutschland muss sich entscheiden. Klar gibt es die Schuld am Holocaust, es gibt aber auch eine Menschenrechtscharta, es gibt deutsche Gesetze, die keine Waffenexporte in Kriegsgebiete erlauben und die Genfer Konvention, die vorschreibt, der Zivilbevölkerung einen sicheren Korridor zu bieten. Das ist Gesetzeslage in Deutschland und der EU“, ist Nirit Sommerfeld aus humanitären Gründen sichtlich aufgewühlt.
Zugesagte Förderung wurde gestrichen
Doch zurück zum Café „Julius“ und den Tacheles-Gesprächen: Nach Ende der Kulturhauptstadt kündigte die GGG an, andere Mietkonditionen vereinbaren zu wollen. Und man wollte einen Weg verhandeln, wie es weiter gehen könnte. „Der Jahresstart 2026 war extrem schwierig, das ist ja meistens in der Gastronomie so. Umso froher war ich, dass für die neun Tacheles-Gespräche eine Förderung von 14.500 Euro zugesagt wurde“, erinnert sich Nirit Sommerfeld.
Im April habe sie dann erfahren, dass Verantwortliche bearbeitet wurden, ihr doch das Leben schwer zu machen – mit ihrem kritisch beäugten Dialog-Format. Das hatte Einfluss auf die Mietgespräche mit der GGG, mit der sie gern ein Zurückgehen auf die Preise der Pop-up-Phase verhandelt hätte. Dann kam aber irgendwann von den GGG-Vertretern, dass man einen neuen Passus einbauen wolle.
„Der Bitte, mir den Passus schriftlich zuzusenden, wurde nicht entsprochen. Es wurde kolportiert, ich dürfe keine Veranstaltungen machen, die extremistisch, antisemitisch und politisch sind. Wissen Sie, ich bin mit der Geschichte meines Großvaters hergekommen, bin die Einzige, die aus Israel zurückkam und hier lebt. Ich verbitte mir so eine Bevormundung. Wer ist denn die Instanz, zu prüfen, ob eine Diskussion politisch ist“, fragt sich Nirit Sommerfeld, die süffisant anmerkt, dass der Vorwurf des Antisemitismus gegenüber einer Jüdin ja wohl der Hohn sei.
Sommerfeld will Standort Chemnitz beibehalten
Sie stehe zu dem Slogan „Für niemanden, niemals ein wieder so“. Und sie sagt etwas, das Deutsche ohne jüdische Verbindung aufhorchen lässt: „Mit toten Juden kann man in Deutschland gut leben, mit lebenden Juden tut man sich schwer in dieser Stadt. Man hat mich nicht zu maßregeln, wie ich zu leben habe. Ich habe hier ein ganz normales Museumscafé zu betreiben. Meine Herkunft geht niemanden was an. Als Künstlerin erzähle ich Geschichten. Es ist umso trauriger, dass in Chemnitz Leute ihren Einfluss geltend machen, um diesem Ort und mir zu schaden“, ist die Künstlerin nachdenklich.
Auch wenn sie am 27. August nach dem letzten Goldenen Sofa-Tacheles-Gespräch ihr Café abschließt, tut sie Gleiches nicht mit dem smac-Museum. Denn es werde mit dem Landesmuseum auch künftig eine Kooperation geben, berichtet Sommerfeld mit einem Lächeln. Denn schon steht ihr neues Projekt, eine Experimentierküche, von der aus sie Caterings realisieren will.
Auf dem Sonnenberg wolle sie zweimal die Woche ein großes Menü anbieten und den stets gut besuchten Sonntagsbrunch neu auflegen. Und auch für die Tacheles-Reihe werde sie eine Location finden, ist sie sich sicher. „Ich gebe nicht auf und kehre Chemnitz nicht den Rücken, das bin ich der Geschichte meines Opas schuldig“, gibt sie sich kämpferisch.
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