Einheit

Das letzte Brot der DDR: Das Deutschlandmuseum lädt zur Verkostung

Ein Mann fror 1990 ein Mischbrot ein und hat es nun dem Deutschlandmuseum geschenkt. Wir haben Erinnerungen aufgetaut und erzählen, was dahinterstecken könnte.

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Mehl, Wasser, Salz. Ein DDR-Mischbrot von 1990 wurde zum Museumsexponat. (Symbolbild)

Mehl, Wasser, Salz. Ein DDR-Mischbrot von 1990 wurde zum Museumsexponat. (Symbolbild)

© Jan Woitas/dpa

Das Deutschlandmuseum am Leipziger Platz hat ein neues Exponat erworben, zu dessen Besichtigung die Presse eingeladen wird. Es handelt sich um einen Brotlaib, annonciert als „das letzte Brot der DDR“. Michael Hagedorn hat es dem Museum übergeben, viel mehr wird nicht verraten, aber dennoch geht sofort ein innerer Film los, der die Andeutungen aus der Mitteilung ergänzt.

Dienstag, Ende Juni 1990

So könnte es gewesen sein: Wir schreiben den Dienstag vor der deutschen Währungsunion, also vor 36 Jahren. Ein junger Mann sitzt am Küchentisch, seine Gedanken kreisen, die Zeit ist wirr. Im letzten Herbst ist die Mauer gefallen, den einen oder anderen erfasst Katerstimmung, während die neue Freiheit in geordnete Bahnen gelenkt wird. Der Systemwechsel steht vor der Vollendung: Am kommenden Sonntag ist die D-Mark da. Was dann noch kommt, ist Formsache.

Der junge Mann studiert, aber er ist auch Familienvater, seine Freundin stillt das Kind, das glucksende Laute von sich gibt und damit sein Urvertrauen ins Dasein auf der Welt bekundet. Ein Urvertrauen, für das der junge Mann Verantwortung trägt. Er hat gute Gründe, sich Gedanken über seine wirtschaftliche Existenz zu machen. Gedanken, die man sich in der DDR nicht zu machen brauchte. Sein Blick streift über die vom Ehekredit finanzierten Küchenmöbel, die DKK-Kühlkombination, den Tisch, darauf das Brot. Wahrscheinlich ein klassisches Dreipfundmischbrot für 78 Alu-Pfennig, weil die anderen schon wieder ausverkauft waren.

Umtauschkurs Urvertrauen

Ab der nächsten Woche wird es sehr viele Brotsorten geben, manche eingepackt und in Scheiben geschnitten – aber eben für Westgeld. Eigenes Gespartes hat er nicht, nur das Geld, das seine Eltern auf seinem Konto gebunkert haben, damit es eins zu eins umgetauscht werden kann. Ist er Bafög-berechtigt? Wird er nach dem Studium einen Job finden? Wie lange kann man ein Kind eigentlich stillen? Der junge Mann erhebt sich langsam, nimmt das Brot und schiebt es in das Gefrierfach.

Platz für Capri und Flutschfinger

Die Zeiten wurden dann offenbar doch nicht so schlecht. Das Brot kam nicht zum Einsatz, die Küchenmöbel flogen auf den Sperrmüll, der gefrorene Laib aber wechselte in eine etwas geräumigere Kühltruhe von Bosch, bis der junge Mann, der inzwischen vermutlich Großvater geworden ist, den Platz für je eine Familienpackung mit Capri- und Flutschfinger-Eis frei machen musste, weil die Enkel zu Besuch kommen.

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Wie gesagt, alles Konjunktiv. So könnte es gewesen sein. Die wahre Geschichte wird Hagedorn erzählen, ein Dresdner Bäckermeister wird Brot nach traditioneller DDR-Rezeptur backen und zur Verkostung anbieten. Mehl, Salz, Wasser – viel anders dürften die heutigen Westmischbrote eigentlich nicht schmecken. Aber vielleicht will man es so genau gar nicht wissen. Und was die Erinnerungen angeht, wer weiß, ob die noch gut sind, wenn sie auftauen.

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