SINGAPUR. Zum ersten Mal in 58 Jahren Formel 1 mussten die Piloten der Finsternis trotzen. Die Reise ins Ungewisse geriet zum erhofften (Fernseh-)Spektakel. "Das mit dem Licht ist das kleinste Problem, nach ein paar Runden fällt es nicht mehr auf", sagt BMW-Pilot Nick Heidfeld. Rumms! Nach einer halben Stunde der ersten Trainingssession beim Großen Preis von Singapur musste zum ersten Mal der Bergungskran unter Flutlicht ausrücken. Von dem Unfall Mark Webbers im Red-Bull-Rennwagen darf sich niemand täuschen: Was die Wirkung des Neon-Spektakels angeht, blieb der Abend schrammenfrei.Wie die Radfahrer bei einem Sechstagerennen kreiselten die Piloten - und die Kameras lieferten faszinierende Bilder von einer surrealen Stadtrundfahrt. Rund um die Piste war kein Durchkommen mehr, die Zuschauer ohne Eintrittskarten säumten an vielen ohne Tickets zugänglichen Stellen die Drahtzäune, zum Teil huckepack. "Bringt den Lärm in die Stadt", forderten die Morgenzeitungen, und als die blaue Stunde über der Marina Bay anbrach, stieg der Geräuschpegel im City-Dschungel gewaltig.Für Bedürftige wurden in den Shopping Malls direkt an der Piste Hörgeräte im trendigen Zielflaggen-Look angepriesen. Aber der eigentliche Sinn, der beim PS-Spektakel angesprochen wird, ist der Seh-Sinn. Das taghelle, aber nicht grelle Kunstlicht sorgte sogar dafür, dass erstmals während der Fahrt das Weiße in den Augen der Rennfahrer zu sehen war, die Bordkameras durchleuchteten die Spezialvisiere. Aber noch faszinierender wirkten die Schwenks durch die Innenstadt. Die Kurs-Ausleuchtung wirkt wie eine Lichtorgel: Von ganz oben bläulich, von der Seite grünlich - und vom Cockpit aus grellweiß. Der Bild-Mix aus Riesenrad, Hochhäusern und angestrahlten Kolonialbauten machte glaubhaft, dass es sich bei den Rennbildern nicht um die Aufzeichnung eines Videospiels handelte. Aber dennoch: Die Premierennacht hatte ein bisschen was von Monte Carlo, Galopprennen und Disneyland.Gefahr für EcclestoneRenault-Teamchef Flavio Briatore inszenierte sich mit einer blauen Sonnenbrille und silbernen Ornamenten auf seinen Slippern, und die BMW-Mannschaft hatte bei der Glanzvorstellung reflektierende Motivationsbotschaften ("Alle für Eins") auf dem Hemdrücken. Diese Maßnahmen dienen durchaus der Verkehrssicherheit, fast wäre Bernie Ecclestone bei einem Boxenstopp unter die Räder geraten. Vor der Schrecksekunde hatte der Vermarkter bereits eine erste Bilanz gezogen: "Ich bin beeindruckt, was in Singapur für ein Superjob gemacht wurde." Sogar ein Blackout auf der Strecke war noch geprobt worden.In der Stadt des Meer-Löwen giert man nach einem "fabelhaften und schnellen September", die Formel-1-Piloten gelten als "Dämonen der Geschwindigkeit", auch wenn sie beim Warmfahren bei 28 Grad Außentemperatur die 300-Stundenkilometer-Marke noch verfehlten. Der Fahrbahnbelag war nach dem morgendlichen Dauerregen rutschig genug, um für Kapriolen zu sorgen. An manchen Stellen der Ideallinie schütteln Bodenwellen die Piloten durch, an den Brücken soll Füllmaterial tückische Rillen ausgleichen. Immerhin wurden bereits einige der Plastikbordsteine abgeschliffen, um die Fahrwerke nicht zu ruinieren. Die Antwort auf die Frage, wie gut und ob überhaupt überholt werden kann, muss auf Sonntag vertagt werden."Ein guter Auftakt in einem spektakulären Umfeld", schwärmte BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen, "die Straße hat mehr Grip, als bei einem neuen Belag zu erwarten war. Allerdings ist es sehr eng. Das Überholen wird enorm schwierig sein." Die Veranstaltung dient schließlich nicht nur der puren Unterhaltung, es ist der viertletzte Lauf einer sich zuspitzenden Weltmeisterschaft: Silberpfeil-Pilot Lewis Hamilton führt vor dem Rennen am Sonntag (14 Uhr MESZ, RTL) nur mit einem Pünktchen vor Felipe Massa (Ferrari) und 13 Zählern vor Robert Kubica im BMW. Lewis Hamilton legte mit weniger als einer Zehntelsekunde Vorsprung auf Massa die erste Nacht-Bestzeit vor. Nico Rosberg war als Sechster zunächst der beste Deutsche. Im zweiten Anlauf stand Fernando Alonso im Renault ganz vorn, es folgten Hamilton und Massa.------------------------------Foto : Schnell zu jeder Tageszeit: Lewis Hamilton hat kein Auge für die Stadtkulisse von Singapur.
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