Meinung

Jetzt ist sogar die Freiheit „nazi“: Libertäres Ludwig-von-Mises-Institut gecancelt

Ein Münchner Nobelhotel setzt das libertäre Mises-Institut vor die Tür. Presse-Aktivisten missfällt, wie dort über Freiheit diskutiert wird. Ein Kommentar.

4 Min
Freiheit als existenzielles Risiko für Tier und Mensch: Luchsweibchen Lotta wird im Erzgebirge ausgewildert.

Freiheit als existenzielles Risiko für Tier und Mensch: Luchsweibchen Lotta wird im Erzgebirge ausgewildert.

© Hendrik Schmidt/dpa

München, die Hauptstadt der Bewegung im Kampf gegen rechts? Unter dem grünen Oberbürgermeister Dominik Krause spüren die weiß-blauen Antifanten Auf- und Rückenwind. Den Aktivisten ist keine Klinge zu stumpf. Und sie haben Blut gerochen. Das westdeutsche Bückbürgertum (© Ulf Poschardt) – konkret in Gestalt des Nobelhotels Bayerischer Hof – knickt ein wie anno dunnemals der preußische Generalstab vor Adolf Hitler.

Jetzt hat das Schicksal die Gralshüter der größtmöglichen Freiheit ereilt – die Libertären der österreichischen Schule der Nationalökonomie. Jetzt ist sogar die Freiheit nazi. Das 2012 als Verein gegründete Ludwig-von-Mises-Institut Deutschland, benannt nach dem herausragenden liberalen Ökonomen Ludwig Heinrich von Mises, darf zu seiner Jahreskonferenz ab 2027 nicht mehr in den Bayerischen Hof einladen.

Mises gecancelt – ein Sieg für die Demokratie? Kleine grüne Seelchen mögen das glauben. Was sie verstört, ist das abgrundtiefe Misstrauen des österreichisch-amerikanischen Ökonomen allem Staatlichen gegenüber. Ebenso die Überzeugung, dass Fortschritt und Innovation nicht im Wirken eines bürokratischen Apparats wurzeln, sondern im freien Engagement des Einzelnen, in der Risikobereitschaft des Unternehmertums und im wertfreien wissenschaftlichen Forschen.

Die Demokratie infrage stellen

Mit dem erfolgreichen „Deplatforming“ der staatskritischen und staatskeptischen Mises-Gesellschaft schmückt sich die Münchner Abendzeitung (AZ). „Münchens dunkler rechtsextremer Kosmos“ steht dort geschrieben, von „Demokratiefeinden“ ist die Rede und von einem Netzwerk, das „die Demokratie infrage stellt“.

Die Demokratie infrage stellen, am Ende sogar „unsere“ Demokratie – das klingt gefährlich nach Hoch- und Landesverrat. Und es kommt noch dicker. Die „antidemokratische Gemeinschaft“, das hat die Abendzeitung ebenfalls recherchiert, sei „bis in die USA vernetzt“. Bis in die USA!

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Den argentinischen Präsidenten Javier Milei hat das Mises-Institut sogar mit einem Preis geehrt. Ausgerechnet den Kettensägen-Libertären und Gottseibeiuns der deutschen Jünger des großen, guten und gerechten Staats.

Damit war das Schicksal der Misesianer besiegelt. Laut AZ begründet der Bayerische Hof seine Absage mit der „Vielzahl der inzwischen dokumentierten öffentlichen Äußerungen“ von Repräsentanten des Vereins.

Nun, Äußerungen, die man nicht gern hört, sind der Preis der Meinungsfreiheit. Ein „langjähriges Mitglied des ‚wissenschaftlichen Beirats‘“ hat laut AZ Demokraten, Kommunisten und Homosexuelle diskriminiert. Der Vereinspräsident habe Texte über die „Illusion der Demokratie“ verfasst, und ein Funktionär „hält fest, staatliche Corona- und Klimamaßnahmen ließen sich ‚wissenschaftlich nicht begründen‘“.

In der Tat vertreten die Misesianer keinen weichgespülten Westerwelle-Liberalismus. Dort werden anarchokapitalistische Positionen diskutiert, auch die Thesen der amerikanischen Tech-Milliardäre um Peter Thiel, dort wird die reale Demokratie einer ebenso scharfen Kritik unterzogen wie der reale Sozialismus gegen Ende der DDR.

Die gleiche Debatte wird in den USA, in Großbritannien, in der ganzen westlichen Welt geführt. Nur in Deutschland, so die Meinungswächter, soll es sie nicht geben.

Einsicht in die Notwendigkeit

Der deutsche Freiheitsbegriff ist der des Bienenschwarms. Königin, Arbeiterinnen und Drohnen, ein jedes Tier nach seiner Bestimmung. Damit schließt sich der Kreis. Unsere Bestimmung als Mensch ist die Vernunft, unsere Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.

Corona brachte es an den Tag. Impfen war vernünftig, Maske tragen war vernünftig, 3G war vernünftig. Beim Klimaschutz ist es nicht viel anders. Verzicht, auch durch Verbote erzwungener, ist vernünftig und damit gelebte Freiheit.

Dass sich die Diktatur der Vernunft von derjenigen des Proletariats in der Praxis immer weniger unterscheidet, bemerken die Menschen im Osten. Dort sind die Instinkte wach; auf dem Boden von 56 Jahren Diktatur wächst so rasch keine Staatsgläubigkeit mehr.

Keine Schlagzeile wert

Im Westen war der Rausschmiss der Misesianer durch das Nobelhotel kaum jemandem eine Schlagzeile wert. Die Parteien, die sich als demokratisch bezeichnen, schlagen eher schärfere Töne an. Münchens grüner OB fordert, der Staat dürfe in der Causa nicht untätig bleiben. Dito die SPD. Selbst die Liberalen reihen sich ein. Bayerns FDP-Chef Matthias Fischbach kommentiert: „Ludwig von Mises würde sich wohl im Grabe umdrehen, sähe er, was heute unter seinem Namen geschieht.“

Das darf bezweifelt werden. In den 1920ern und 1930ern, als der Zeitgeist quer durch Europa dem immer stärkeren Staat huldigte, hielt Mises konsequent am Ideal (und Nutzen) des Gegenteils fest. Ab 1934 lebte der jüdischstämmige Wissenschaftler in der Schweiz, 1940 emigrierte er in die USA, wo er bis ins Alter von 88 Jahren als Hochschullehrer tätig war.

Im Grabe umdrehen würde er sich, wenn er wüsste, dass man die Diskussion über Freiheit in Deutschland heute wieder verhindern will. Und das auch noch als Schutz von Freiheit und Demokratie verkauft.

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