Herr von Tschischwitz, sind Sie als Chef des größten deutschen Ökostromanbieters in erster Linie Geschäftsmann oder Öko-Missionar?Ganz klare Antwort: Geschäftsmann. Die Gründung von Lichtblick 1998 war eine kaufmännische Entscheidung. Allerdings spielte unsere ökologische Positionierung dabei eine ganz zentrale Rolle, weil wir fest davon überzeugt sind, dass man heutzutage nur noch mit nachhaltigen Geschäftskonzepten langfristig wirtschaftlich erfolgreich sein kann.Und, verdienen Sie damit Geld? Ihr Marktstart war katastrophal, im Jahr 2000 hatten sie nur 12 000 statt der erhofften 200 000 Kunden.Wir hatten tatsächlich eine lange Anlaufphase, die wir nur aber endgültig überstanden haben. Inzwischen haben wir mehr als 300 000 Kunden, machen rund 200 Millionen Euro Umsatz pro Jahr und seit 2006 auch Gewinn.Alle kleineren Stromanbieter berichten über einen Boom in den vergangenen Monaten. Sie auch?In der Tat. Wir gewinnen pro Tag mehr als 1 000 Kunden. Das sind mehr als drei Mal so viele wie im Vorjahr - dabei haben wir weder etwas an unserem Produkt noch an den Vertriebswegen geändert. Grund dafür sind im wesentlichen drei Dinge: Den ersten Schub gab es im Februar, als die Klimadebatte nach dem UN-Bericht aufflammte. Dann kamen viele Kunden zur Jahresmitte, wegen der zahlreichen Strompreiserhöhungen durch die Ex-Monopolisten. Und drittens spüren wir sehr unmittelbar die Vorfälle in den Atomkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel, die uns noch mehr Zustrom gebracht haben.Von wem werben sie die meisten Kunden ab? Von Vattenfall, dem Betreiber der beiden AKW?Ja, in dessen Versorgungsbereich Berlin und Hamburg sind wir besonders erfolgreich. Von unseren inzwischen 300 000 Kunden stammt mehr als ein Drittel aus den beiden Städten, obwohl wir deutschlandweit unseren Strom anbieten. Und jeden Tag kommen über 300 weitere Vattenfall-Kunden zu uns, seit Anfang Juni mehr als 20 000. Allerdings stellen wir fest, dass die Klimadiskussion und die jüngsten AKW-Störfälle bundesweit das Fass zum Überlaufen gebracht haben und sich die Wechselbereitschaft stark erhöht hat. Zum ersten Mal seit der Strommarktliberalisierung im Jahr 1998 nehmen die Verbraucher massiv ihre Wahlchance war.Billiger sind viele kleine Anbieter ja tatsächlich als die lokalen Platzhirsche. Aber warum sollte man ausgerechnet teuren Ökostrom wählen?Zunächst einmal, Ökostrom ist überhaupt nicht grundsätzlich teurer als normaler Strom, das ist ein Märchen, das immer wieder von der etablierten Energiewirtschaft verbreitet wird. Wir sind meist nur ein paar Euro pro Jahr teurer als die Normaltarife der großen Anbieter, in manchen Gebieten sogar günstiger. Wer zu einem Ökostromanbieter wechselt, tut dies, weil er die Geschäftsstrategie seines bisherigen Versorgers, also insbesondere die Kohle- und Atomstromerzeugung, nicht weiter unterstützen möchte.Warum können Sie so günstig anbieten?Weil wir im Gegensatz zu den etablierten Versorgern keine aufgeblasenen Verwaltungsapparate haben und weil wir wahrscheinlich mit geringeren Renditen zufrieden sind.Wie kann der Kunde sicher sein, dass er auch Ökostrom von Ihnen bekommt? Bei seinem Nachbarn kommen ja die gleichen Elektronen aus der Steckdose.Tatsächlich können wir keinen Einfluss auf den physischen Ursprung des Stroms unserer Kunden nehmen - in der Nähe eines Kernkraftwerks bekommt jeder Kunde Atomstrom, daran lässt sich überhaupt nichts ändern. Trotzdem trägt jeder unserer Kunden maßgeblich dazu bei, dass der Strommix insgesamt sauberer wird, wenn er zu uns wechselt.Das müssen Sie genauer erklären.Man muss sich das Stromnetz in Deutschland wie einen großen See vorstellen. Wenn Sie Strom verbrauchen, nehmen sie einen Eimer Wasser aus dem Stromsee. Und ihr Stromanbieter ist verpflichtet, diesen Eimer sofort - wenn auch an anderer Stelle - wieder nachzufüllen, denn das Niveau des Sees darf sich nicht verändern. Das tun wir für unsere Kunden mit unseren umweltschonenden Kraftwerken, wir füllen einen sauberen Eimer Wasser nach. Jeder Lichtblick-Kunde sorgt also dafür, dass der See etwas sauberer wird. Würden alle Kunden Ökostrom buchen, dann gäbe es auch keinen Atomstrom mehr in diesem See und die Meiler würden abgeschaltet.Handelt es sich bei Lichtblick um echten Ökostrom oder eine Mogelpackung? In ihren Verträgen heißt es, dass die Hälfte ihres Stroms aus Gaskraftwerken kommen darf.Korrektur: Nur aus Gaskraftwerken in Kraft-Wärme-Kopplung, die besonders effizient Energie verwerten. Alle Ökostrom-Zertifikate akzeptieren diesen Anteil, auch das sehr strenge o.k.-Power Label, von dem wir zertifiziert werden. Weil Gas in Kraft-Wärme-Kopplung nur etwa ein Drittel des CO2 eines Kohlekraftwerks erzeugt. Darüber hinaus machen wir von dieser Möglichkeit aber gar nicht gebrauch. Unser Strom kommt seit fünf Jahren zu hundert Prozent aus regenerativen Energien. Hauptsächlich aus einer Biomasse-Anlage in Sachsen-Anhalt und einem Wasserkraftwerk an der österreichischen Donau. Lichtblick ist keine Mogelpackung, sondern echter Ökostrom, mit dem ein durchschnittlicher Haushalt etwa zwei Tonnen Kohlendioxid pro Jahr vermeidet.Die Kapazitäten von regenerativen Energien sind noch klein. Ist es nicht ein Trugschluss, zu glauben, dass Ökostrom fundamental etwas an unserem Energiemix ändert? Gerade Wasserkraft und Biomasse können nicht unbegrenzt wachsen.Sicher könnte man den Bedarf nicht decken, wenn alle Deutschen mit einem Schlag zu Ökostrom wechselten. Das wird aber nicht passieren. Wenn die Kundenzahlen - wie derzeit - stetig nach oben gehen, dann schafft das Nachfrage nach Ökostrom, und das wiederum bedeutet, dass auch in diesem Bereich investiert wird. Ganz konkret gibt es Biomasse-Projekte, die nur realisiert werden, weil wir oder andere Ökostrom-Anbieter zusagen, dass wir den Strom kaufen werden. Das lenkt den Energiemarkt genau in die Richtung, die unsere Kunden und auch wir wollen.Gespräch: Jakob Schlandt------------------------------Zur PersonFoto: Heiko von Tschischwitz ist als Mitgründer und Geschäftsführer seit 1998 bei dem Stromhändler Lichtblick. Der 39-Jährige wurde als Maschinenbau-Ingenieur ausgebildet. 2006 wurde er als Ökomanager des Jahres in der Kategorie Mittelstand ausgezeichnet.Die Firma Lichtblick aus Hamburg gehört mit derzeit 300 000 Kunden zu den größten Ökostrom-Anbietern Deutschlands. Lichtblick gehört mit Greenpeace Energy und den Elektrizitätswerken Schönau zu den bekanntesten Öko-Herausforderern der etablierten Stromkonzerne.------------------------------Foto: Produziert keinen radioaktiven Abfall und keine Klimagase: Donau-Wasserkraftwerk Jochenstein in Bayern.
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