Irgendwann wird auch Norbert Selbiger seinen Laden für immer schließen. So wie die Musikalien-Handlung nebenan und andere Traditionsgeschäfte in der Weitlingstraße schon geschlossen wurden. „Ich bin 59 Jahre alt, allzu lange werde ich nicht mehr weitermachen“, sagt der Goldschmied. „Und einen Nachfolger werde ich nicht finden, hier will sich doch niemand niederlassen.“
Seit mehr als 26 Jahren verkauft Norbert Selbiger nun schon Schmuck im Weitlingkiez. Viele dürften an dieses Viertel denken, wenn von Lichtenberg die Rede ist. Vielleicht wegen des gleichnamigen Bahnhofs in unmittelbarer Nähe von Selbigers Geschäft. Vielleicht aber auch wegen der Schlagzeilen der vergangenen Jahrzehnte, die für Aufsehen sorgten und mal von Neonazis handelten, mal von Verwahrlosung, von Obdachlosen.
Selbiger hat all die Veränderungen hautnah miterlebt. „Immer wenn ein Geschäft dichtmacht, wird das Niveau der Straße schlechter“, sagt er. „Das zieht entsprechendes Publikum an.“
Lichtenberg: Einer der am stärksten wachsenden Bezirke Berlins
Der Kiez steht auf seine Art für den ganzen Bezirk. Er befindet sich im stetigen Wandel, so wie andere Ortsteile auch. Manche erleben einen schleichenden Abstieg, andere einen Aufschwung. Allen gemeinsam ist ein Zustrom an Menschen.
Lichtenberg ist einer der am stärksten wachsenden Bezirke der Hauptstadt und hat inzwischen rund 318.000 Einwohner. Nur Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf legten in den vergangenen fünf Jahren stärker zu. Prognosen zufolge wird Lichtenberg 2040 etwa so groß sein wie derzeit Bielefeld.
Die Bevölkerung ist ungleich verteilt: Rund 5000 Menschen sind in der Rummelsburger Bucht gemeldet, dagegen 36.700 in Alt-Hohenschönhausen Süd. Der Weitlingkiez liegt in der Statistik irgendwo dazwischen – und die Weitlingstraße Norbert Selbiger trotz allem immer noch am Herzen. Auch wenn er die Hoffnung aufgegeben hat, dass sich etwas ändern wird. Er hat sich damit abgefunden, dass die Infrastruktur nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hält. In seinem Kiez jedenfalls nicht so, wie er sich das wünschen würde.
„Ich habe mit Regionalpolitikern schon vor zehn Jahren gesprochen, aber es ändert sich nichts“, sagt der Goldschmied. „Zu DDR-Zeiten gab es eine Gewerbelenkung.“ Jetzt sei das Gewerbe frei. „Wenn in einer Straße ein Nagelstudio neben vier anderen Nagelstudios aufmacht, greift niemand regulierend ein.“ In Selbigers Nachbarschaft reihen sich vor allem gastronomische Betriebe aneinander, Imbissbuden und Spätis.
Neulich war Selbiger in Lichterfelde-West verabredet. Als er aus dem S-Bahnhof auf den Vorplatz trat, wähnte er sich in einer anderen Welt. „Da gibt es im Umfeld vier Goldschmiede, die alle ihr Auskommen haben. Und die Klientel auf dem Platz sieht entsprechend aus.“
Es klingelt an der Tür zu Selbigers Geschäft, sie ist auch während der Öffnungszeiten abgeschlossen. Der Goldschmied lässt eine Kundin herein. Sie möchte eine neue Batterie in ihre Uhr eingesetzt haben. Selbiger verschwindet in seiner Werkstatt. Die Frau studiert die Vitrinen: Ringe, Ketten, Anhänger glitzern in Gold und Silber hinter Glas. Die Auslagen im Schaufenster stehen im Kontrast zu dem Grau, draußen unter einem wolkenverhangenen Himmel. Passanten gehen vorbei, den Blick gesenkt oder stur geradeaus gerichtet.
Batterien wechseln ist für den Goldschmied „ein Service so nebenbei“, sagt er später, als die Kundin bezahlt hat und gegangen ist. „Die Aufträge, die aus dem Kiez kommen, liegen bei maximal 20, 25 Euro. Davon kann ich nicht leben.“
Der Eingang zum Bahnhof Lichtenberg: Der Bezirk könnte bald schon so groß sein wie Bielefeld.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Berlin-Wahl 2026: Wie Furzipups den Straßenwahlkampf aufmischt
Leben kann er von den Aufträgen aus Mahlsdorf, Kaulsdorf, aus Gegenden mit Einfamilienhäusern, die einige Kilometer entfernt liegen. Etliche Kunden kommen mit dem Auto. Einige wohnten früher im Weitlingkiez, sind jedoch irgendwann weggezogen. Geflüchtet, so fühlt sich das für Selbiger an.
Die Kundschaft von außerhalb muss irgendwo in der Nähe seines Ladens parken. „Von daher ist das mit diesen Kiezblocks totaler Quatsch.“ Das mit den Pollern, den abgesperrten Durchfahrten. Das scheinen allerdings nicht alle Parteien in Berlin zu begreifen, sagt der Unternehmer.
Früher, vor Corona, gab es in Lichtenberg Ausstellungen für Schmuck und Kunstgewerbe, zu denen auch Kommunalpolitiker erschienen. Man kam ins Gespräch. „Mit dem Mann von der CDU konnte man vernünftig reden, mit dem von der SPD auch“, sagt der Goldschmied. „Der von der Linken hatte kein Verständnis für meine Anliegen, wahrscheinlich weil mein Schmuck relativ teuer ist und meine Kundschaft nicht zu seiner Kundschaft zählt.“
Die Linke ist in der Lichtenberger Kommunalpolitik stark vertreten. Nach der Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV) im Februar 2023 kam sie auf 14 Sitze und hatte damit nur einen Sitz weniger als die CDU. Es folgten SPD (9), AfD (8), Grüne (7) und die Tierschutzpartei (2).
Jogi Cappell blickt auf die Rummelsburger Bucht: „Wer hier wohnt, wohnt sehr privilegiert.“
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Rummelsburger Bucht: CDU, Volt und Grüne werben
Wenn Jogi Cappell sich in seinem Lichtenberger Kiez die Wahlwerbung ansieht, kann er sich ungefähr vorstellen, wer hier wen zur Stimmabgabe mobilisieren wird. Cappell ist Produktionsleiter bei Festivals, Konzerten und Messen und wohnt an der Rummelsburger Bucht. „Volt und die Grünen plakatieren in unserem Viertel viel, auch die CDU“, sagt der Soloselbstständige. „Die Linke eher weniger.“
Cappell steht auf einer hölzernen Aussichtsplattform, die zwischen Bäumen an die Bucht heranragt. Am anderen Ufer liegt Alt-Stralau mit seinem markanten schiefen Kirchturm. Cappell zeigt hinüber zur sogenannten Spreepublik. „Die Leute dort verfolgen ein alternatives Wohnkonzept und machen das ganz ordentlich“, sagt er. „Aber es gibt in der Bucht auch einige merkwürdige Konstruktionen, nennen wir sie Wasserwohnstätten, denn Boote kann man sie kaum nennen.“
In Ufernähe dümpeln Kähne vor sich hin, sie sind offenbar miteinander zu einer schwimmenden Insel vertäut. „Zwei solcher Einheiten sind schon abgebrannt“, sagt Cappell. Gelbe Bojen ragen aus dem Wasser. „Die werden von Jahr zu Jahr mehr.“ Die Bojen markieren Stellen, an denen Wrackteile auf dem Grund liegen. „Das führt die Sanierung des oberen Uferabschnitts völlig ad absurdum und verärgert viele Anwohner.“
Auch an diesem südlichen Ende Lichtenbergs wächst die Stadt, auf dem Wasser, auch in diesem Bereich der Bucht unkontrolliert: in dem Dreiländereck, so nennt Cappell die Schnittstelle von Lichtenberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick. Die Bezirke sind für die Ufer zuständig, für die Spree wiederum die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Und da, wo Kompetenzen sich überlagern, hat es Wildwuchs leicht.
Monika und Hermann Kadner aus Karlshorst: „In unserem Haus wohnen viele vietnamesische Familien, mit denen wir einen sehr guten Kontakt pflegen.“
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Das ist an Land nicht anders. Die Baustellen seien dafür ein Beispiel, sagt der Produktionsmanager: „In den 15 Jahren, die ich hier wohne, habe ich selten erlebt, dass ich vom Ostkreuz bis zur Edisonstraße alle Spuren hätte benutzen können. Das erzeugt natürlich Unmut bei den Anwohnern.“
Auch bei den Straßen der Hauptstadt sind die Zuständigkeiten auf Bezirke, Land und Bund verteilt. „Ich habe zwischenzeitlich in Köln gelebt, da funktionierte die Koordination deutlich effizienter“, sagt Cappell. Immerhin gebe es inzwischen einen Baustellenkoordinator, ein Anfang sei gemacht. „Aber Berlin muss deutlich schneller werden.“
Club Sisyphos und die E-Scooter
Cappell ist die Uferpromenade entlanggegangen und biegt jetzt in die Georg-Löwenstein-Straße ein. Auf der linken Seite stehen Häuserblocks, dazwischen erstrecken sich Freiflächen. Das Viertel wurde zur Expo 2000 konzipiert. Das Thema: Wasser in der Stadt. Die Siedlung ist eine Schwammstadt, für die Stadtplanung könnte sie ein Vorbild sein.
Rechts von Cappell öffnet sich eine große Freifläche. Eine Grundschule wird darauf entstehen. Auch sie ist dem Wachstum geschuldet. Kinder aus dem Viertel und angrenzenden Bereichen sollen in drei Klassenzügen unterrichtet werden. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Hauptstraße, liegt der Club Sisyphos. Cappell sagt: „Die Betreiber haben mittlerweile hervorragende Maßnahmen zum Schallschutz umgesetzt.“
Man lebt in friedlicher Koexistenz. Wobei die Bewohner des Viertels nach den Wochenenden an den scharenweise auf Gehwegen abgestellten E-Scootern ablesen können, wie beliebt der Club beim Berliner Partyvolk ist. Wild geparkte Elektroroller und E-Bikes – noch so ein Problem, dem sich die Politik für ganz Berlin annehmen müsste. Das hört Cappell immer wieder, wenn er sich mit Nachbarn unterhält.
„Jammern auf hohem Niveau.“ Cappell sagt das, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen angesichts der Probleme, die nicht nur in seinem Viertel bestehen. „Wer hier wohnt, wohnt sehr privilegiert, meist ja auch in Eigentum.“ Und wenn sich Menschen rücksichtslos benehmen, könne man nicht Politiker dafür verantwortlich machen. „Egal, in welchem Kiez.“
Der Laden von Goldschmied Norbert Selbiger: „Einen Nachfolger werde ich nicht finden.“
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Im Kiez von Luca zum Beispiel. Er arbeitet als Kellner in einem Restaurant in Pankow, wohnt aber in Alt-Hohenschönhausen. Vor einiger Zeit hat er beobachtet, wie ein Nachbar vom Balkon nebenan eine gut gefüllte Mülltüte in den Hof warf. „Ich habe ihn zur Rede gestellt und ihm gesagt, dass man bei uns immer noch den Müll nach unten bringt und in die Mülltonne schmeißt“, erzählt Luca, der es bei seinem Vornamen belassen möchte.
Der Kampf gegen eine vermüllte Stadt ist eines der zentralen Wahlkampfthemen in Berlin. CDU, SPD, Grüne, Linke, AfD – kaum eine Partei, die sich nicht der Sauberkeit verschrieben hat und verspricht, sich dafür einzusetzen. „Das sind schöne Worte, aber wenn ich durch die Straßen gehe, habe ich so meine Zweifel, dass der illegale Abfall bald verschwindet.“ Luca selbst fährt seinen Sperrmüll zum nächstgelegenen Recyclinghof.
Hohe Strafen seien sinnlos, wenn die Verursacher nicht erwischt würden, sagt der gebürtige Italiener, der seit 40 Jahren in Berlin lebt. „Das ist vor allem eine Frage der Erziehung.“ Jährlich an die 55.000 Kubikmeter illegal entsorgten Müll muss die Berliner Stadtreinigung (BSR) entsorgen. Charaktere wie den nachbarschaftlichen Müllwerfer gibt es offensichtlich überall.
Das dürfte an der Rummelsburger Bucht nicht anders sein als in Hohenschönhausen mit seinem Mix aus Siedlungen der 1920er-Jahre, Einfamilienhäusern und Plattenbauten. Und auch in Karlshorst verhält es sich vermutlich so. Monika Kadner ist in dem Lichtenberger Ortsteil geboren und lebt noch immer dort.
Vietnam-Urlauber plaudern mit Vietnamesin
An diesem Tag um die Mittagszeit beschäftigt die Rentnerin allerdings ein anderes Thema: Vietnam. Mit ihrem Mann ruht sie sich am Rand des Heinrich-Dathe-Platzes auf einer Bank aus. Vor sich haben sie ihre Fahrräder abgestellt. Sie sind mit einer Frau ins Gespräch gekommen. „Wir waren zweimal in Vietnam, und stellen Sie sich vor: Die Dame hier kommt ausgerechnet aus dem Ort bei Saigon, in dem wir Urlaub gemacht haben“, sagt Monika Kadner. „Zufälle gibt’s.“
Kein Wunder, dass die Unterhaltung der drei rasch in Gang gekommen ist. Die Frau aus der Nähe von Saigon erzählt gerade, dass sie im fünften Stock eines der Hochhäuser am Platz wohnt. Sie lobt die Einkaufsmöglichkeiten und die Lage am Tierpark, der drüben auf der anderen Seite der Straße liegt. Das blaue Schild über dem Eingang zur U-Bahn mit der Aufschrift „Tierpark“ können sie von der Bank aus sehen.
Der Heinrich-Dathe-Platz am Tierpark
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Die Frau verabschiedet sich. Monika Kadner und ihr Mann wollen auch langsam wieder weiter. Sie unternehmen regelmäßig Radtouren, zum Beispiel nach Köpenick. „Bei uns in Karlshorst haben wir jetzt eine Fahrradstraße vom Römerweg zum S-Bahnhof. Das ist sehr günstig für uns“, sagt Monika Kadner. „Hier gibt es allerdings nur einen schmalen Radweg, auf dem viele dieser E-Bikes und Roller stehen, von denen einige auch noch umgekippt sind.“ Wie die Probleme sich doch gleichen. „Aber in Saigon waren wir in einer Rikscha unterwegs, dagegen ist das hier harmlos“, sagt die Rentnerin und lacht.
Manchmal hilft es, sich auf die positiven Seiten des Lebens zu fokussieren. Positiv findet Monika Kadner, dass viele junge Menschen nach Lichtenberg ziehen. „In unserem Haus wohnen viele vietnamesische Familien, mit denen wir einen sehr guten Kontakt pflegen“, sagt die Rentnerin.
Die Zahl der Einwohner des Bezirks im Alter zwischen 25 und 44 ist in den zurückliegenden fünf Jahren um acht Prozent gestiegen. Jede sechste gemeldete Person ist ein Kind oder ein Jugendlicher.
Das Bevölkerungswachstum stellt alle Bereiche des öffentlichen Lebens vor Herausforderungen. Neben Treptow-Köpenick und Marzahn-Hellersdorf hat auch Lichtenberg eine KV-Praxis, mit der die Kassenärztliche Vereinigung dem Mangel an niedergelassenen Hausärzten entgegenwirken will. Die Praxis befindet sich in Karlshorst.
Die Bibliothek am Heinrich-Dathe-Platz
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Ze
Auf dem Gehweg der Weitlingstraße haben Regenschauer ihre Spuren hinterlassen. Norbert Selbiger geht in seine Werkstatt. Er setzt seine Uhrmacher-Lupenbrille auf. Gleich wird er sich das nächste Werkstück vornehmen. Für einen Kunden in Mahlsdorf vielleicht, in Kaulsdorf oder einer anderen Gegend der Stadt. Bevor er sich verabschiedet, sagt er: „Ich komme hier finanziell gut zurecht durch meine langjährige Präsenz.“ Das klingt versöhnlich, für den Moment jedenfalls.
Draußen vor dem Schaufenster steht ein Vater mit seinem Sohn. Sie schauen sich die Auslagen an, den im Licht der Lampen leuchtenden Schmuck. Eine ganze Weile verharren die beiden da, andächtig und stumm. Dann gehen sie weiter, wie auf ein Zeichen, und verschwinden im Bahnhof nebenan.
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