Pfiffe und Buhrufe gehören nicht unbedingt zu den Publikumsreaktionen, die man erwartet, wenn die größte Metalband der Welt auf einer Bühne ihre erfolgreichsten Songs spielt und dazu nach Leibeskräften die Köpfe schüttelt. Und doch schlug Metallica beim ausverkauften Konzert am Mittwoch abend in der Waldbühne von den rund 22 000 Zuschauern vor allem lautstarker Protest entgegen.Wie kommt es, daß sich mitten im Konzert der Kalifornier die Empörung derart heftig entlädt? Eigentlich zeichnen sich Metallica-Fans durch hingebungsvolle Treue aus und kaufen mit ritueller Selbstverständlichkeit alles, was die Band veröffentlicht, sogar die zuletzt erschienene Doppel-CD "Garage Inc.", obwohl Metallica auf ihr nichts anderes tun, als die Lieder ihrer Lieblingsbands nachzuspielen. Aber die Frage nach Innovation ist längst nicht mehr entscheidend, es ist das Warenzeichen Metallica, das sich glänzend verkauft.So reichte es bei den letzten beiden Studioalben "Load" und "Reload" aus, daß sich James Hetfield (Gitarre, Gesang), Kirk Hammett (Gitarre), Jason Newstead (Bass) und Lars Ulrich (Drums) weitgehend selbst zitierten und die prototypischen Elemente ihrer Musik in jeweils leicht veränderten Konstellationen neu zusammensetzten: Hetfields rauhe Stimme, die Kunde gibt von der Einsamkeit des Kämpfers und Jägers, wie sie scheinbar nur ein Mann empfinden kann; Gitarren, die durch furiuose Soli hetzen, um alsbald mit Wucht auf das Schlagzeug zu prallen. Wenn Metallica rokken, dann tun sie s mit viel Einsatz und Schweiß.Wenn sie Balladen spielen, dann mit einer Dramatik, als stünde die Welt kurz vor ihrem Untergang. Diesen Sound haben Metallica spätestens mit ihrem Meilenstein, dem 1991 erschienenen, nach der Cover-Farbe "Black" benannten Album definiert. Auf ihm brachten sie die Energie der Anfangsjahre in eine wuchtige, aber filigran ausgearbeitete Form. Insbesondere dank der Breitwand-Balladen "The Unforgiven" und "Nothing Else Matters" gebührt ihnen das Verdienst, die einstige Außenseitermusik Heavy Metal für ein Mainstream-Publikum salonfähig gemacht zu haben.Seit sie diese Erfolgs-Formel entdeckte, kann die Band nichts mehr falsch machen. Und so verläuft auch in der Waldbühne zunächst alles zum beiderseitigen Wohlgefallen: Metallica reihen Hit an Hit, greifen auf die rohen Songs des ersten Albums "Kill Em All" von 1983 ebenso zurück wie auf den letzten Hit "Memory Remains". Die Gitarren sind verzerrt, laut und schnell. Verzerrt sind auch die Gesichter der Musiker, denn Heavy Metal ist ein harter, ein männlicher Job, der rüde Gesten und häufiges Ausspucken erfordert daran hat sich in beinahe 20 Bandjahren nichts geändert. Damals wie heute besteht die Arbeitskleidung vorwiegend aus Jeans (schwarz), T-Shirts (schwarz), Turnschuhen (schwarz) und Schweißbändern an den Handgelenken (ebenfalls schwarz). Diese Kleidung behindert nicht beim Leistungssport Musik und vermittelt dem Publikum, daß da oben "vier von uns" stehen, die sich nur durch die Höhe ihres Bankkontos von den Fans unterscheiden. Hetfield gibt sich kollegial als Kumpelrocker, der die Anrede an seine 22 000 Zuhörer mit so liebevollen Worten wie "Motherfucker", "Shit", "Damn" oder "Damned motherfuckin shit" dekoriert. Die Fans reagieren mit kollektivem Jubel, zeigen Hetfield in aller Freundschaft den Mittelfinger oder singen jedes Wort mit.Doch nach einer Stunde ist es vorbei mit der Metal-Herrlichkeit: Die Lebensader der Musik wird pünktlich um 22 Uhr eingeschnürt, als der Soundmann die Lautstärke herunterfahren muß. Zwar hört man jetzt zum ersten Mal die einzelnen Instrumente klar heraus aus dem, was zuvor nur Soundbrei war. Doch die deutlichen Unmutsbekundungen zeigen, daß es darauf nicht ankommt. Man lernt: Im Zweifelsfall muß Metal laut, aber nicht unbedingt schön sein. Obwohl die Pfiffe und Buhrufe sogar die Musik übertönen, werden sie von der Band nicht kommentiert. Die zuvor so plakativ ausgestellte Kommunikation mit dem Publikum versagt in genau dem Moment, in dem die professionelle Routine der Show gestört wird. Aber das ist symptomatisch, denn für spontane Reaktionen ist bei Metallica schon seit Jahren kein Platz mehr der Preis, den man zahlen muß als größte Metalband der Welt.
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