Was erwartet Ihr von uns? Das wollen Janika Gelinek und Sonja Longolius von den drei Leuten auf dem Podium wissen, die zuvor über die Literaturlandschaft von vor vierzig Jahren, von heute und der Zukunft gesprochen haben. Sie wollen wissen, wie sie gern Literatur präsentiert sähen – ob es noch unentdeckte Formen gibt. Ein Elefant steht mitten auf der Bühne. Von ihm, dem Elefanten im Raum, wird noch die Rede sein.
Das war am ersten Abend der dreitägigen Feierlichkeiten zum 40. Geburtstag des Literaturhauses in der Fasanenstraße in Charlottenburg. Gefeiert wurde auch die Rückkehr nach Schließung.
Janika Gelinek und Sonja Longolius übernahmen die Leitung des Hauses 2018 als Doppelspitze. Zwei tiefe Einschnitte in ihre Arbeit in diesem Zeitraum haben sie ins Positive umgemünzt. Während der Corona-Pandemie haben sie nicht nur die Technik aufgerüstet und Lesungen gestreamt, aus denen die Plattform literaturkanal.tv entstand, sondern auch vom Balkon singen und lesen lassen. Als das Haus im Juli 2024 für die ersehnte Strangsanierung und zwecks künftiger Barrierefreiheit schloss, zogen sie samt Team durch alle Stadtteile Berlins, nahmen altes Publikum mit und fanden neues.
Buchhandlung ist wieder auf, Café noch zu
Jetzt aber. Schon auf der Straße stehen Menschen am Donnerstagnachmittag mit Sektgläsern, im Garten herrscht Gedränge, der Freundeskreis des Hauses schenkt aus, die Buchhandlung Kohlhaas im Souterrain lockt endlich wieder in ihre Räume. Das Café Wintergarten aber bleibt noch bis November zu. Die Leute bestaunen den Fahrstuhl im Innenhof der Villa, wo sogar Wasser aus einem im Zuge der Sanierung freigelegten Brunnen aus der Wand plätschert.
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„Homecoming & Jubiläum“ – Blick auf die Villa und den Garten
© Phil_Dera
In der oberen Etage erzählt eine Ausstellung in Objekten die Geschichte des Hauses, im großen Saal werden Festreden gehalten. Die Plätze reichen bei weitem nicht für alle Zuhörer, durch die geöffneten Fenster klingt das Stimmengewirr aus dem Garten, bevor vier Celli es übertönen. Alexander Straßmeir, Staatssekretär für Gesellschaftlichen Zusammenhalt, erinnert an die Nachbarschaft von einst: Heinrich Mann wohnte ein paar Häuser weiter, Erich Kästner und Robert Musil auch. Die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey lobt zunächst die Nützlichkeit der Literatur: 17.000 Menschen arbeiten in den 3800 Berliner Unternehmen der Branche. Sie strahlt, als sie von der Poesie spricht, die für das Vertiefen stehe und nicht das Verkürzen, für das gute Gefühl, für Gemeinschaft und „für das, was bleibt“.
Die Gegend in Charlottenburg war verrufen
Janika Gelinek und Sonja Longolius treten elegant gekleidet ans Podium, das ein kunstsinniges Unternehmen aus der Nachbarschaft gespendet habe, und führen vor, wie sie in zwei Jahren auch die Sprache von Bauunternehmern gelernt haben. Sie rattern Verordnungen und Kennziffern runter, preisen die Gewerke, die statt ihrer im Haus unterwegs waren, wie Fliesenleger, Metallbauer, Tischler und Installateure, und erklären, eine Formulierung erst gehasst, inzwischen aber liebgewonnen zu haben: „parallele Restarbeiten“. Eine Baustelle mag man das Haus nicht mehr nennen, fertig ist es noch nicht. Etwas flapsig grüßen die Chefinnen den anwesenden Gründungsdirektor Herbert Wiesner, der das Literaturhaus bis 2003 führte: „Hallo, lieber Herbert!“
Der hat gleich seinen Auftritt als Zeitzeuge in einem Film zur Geschichte. Das Viertel, das heute so nach großbürgerlichem West-Berlin aussieht, war in den 1970ern verrufen und verschmuddelt, erzählt er, in der Villa regnete es durchs Dach. Der Senat rettete sie durch Kauf vorm Abriss, stellte sie der Literatur zur Verfügung.
Als würden sie dem Film entsteigen
Durch den Film wird wiederholt ein kuhgroßer weißer Elefant getragen. Den haben Gelinek und Longolius aus Styropor herstellen lassen, in Erinnerung an den Baby-Elefanten Berolina, der hier 1965 im Nachtlokal „Dolce Vita“ auftreten musste. Das Tier wurde in der Fasanenstraße 23 im Keller gehalten, starb an einer Lungenentzündung.
Nach dem Abspann erscheinen die beiden Chefinnen wieder im Saal, nun genau so gekleidet, wie gerade zu sehen – als würden sie dem Film entsteigen. Sie tragen den weißen Elefanten und rufen: „Berolina ist wieder zu Hause.“ Ulkig ist das. Aber viel besser als ein Festakt nur mit Reden.
Getanzt wurde auch noch, am Sonnabend gehörte erst Kindern die Villa, abends und Sonntag ging es um Literatur und Gesellschaft.
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In dem Gespräch über die Zukunft stellte die Schriftstellerin Nora Haddada ein Szenario vor, wie das Haus an Attraktivität gewönne, wenn es künftig Arbeitsräume für die durch die Mietpreise vertriebenen Autorinnen und Autoren bereitstelle und kostenlose Getränke an der Bar. „Berliner Zeitung titelt: ,Dichter und Denker vor allem dichter‘“, sagt sie unter Lachen. Die Lesequote bei jungen Männern steige auf 300 Prozent.
An die Literaturstars der Zukunft ist in der sanierten Villa schon gedacht. Der Raum im unteren Geschoss heißt jetzt „Kamins Zimmer“ und will neuen Stimmen, die noch keine Bücher veröffentlicht haben, eine Auftrittsmöglichkeit bieten.
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