Lob den Akten

Brigitte Fehrle
4 Min

Gestern wurde das vorerst letzte Kapitel in der Geschichte der juristischen Aufarbeitung der DDR-Geschichte geschrieben. Zwei Mitglieder des Politbüros wurden zu Bewährungsstrafen wegen der Todesschüsse an der Mauer verurteilt. Es war keine Siegerjustiz. Die Urteile sind milde. Man kann hoffen und wünschen, dass die Angehörigen der Opfer damit ihren Frieden machen können. Vielleicht ist ja auch ihnen die Höhe der Strafe nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist nämlich, dass die geistigen Mittäter verurteilt wurden. Dass es Konsequenzen hatte, dass sie Unrecht zuließen. Die Verurteilung der Verantwortlichen im Politbüro heisst: Es ist nicht gleichgültig, was jemand tut oder nicht tut. Es wird bemerkt und bewertet und keiner kann sich einfach davon stehlen und behaupten er habe nichts gewusst oder es nicht gewollt.Anfang der 90er Jahre stellte einmal ein Journalist die Forderung auf "Akten in die Spree". Der Autor plädierte für die Vernichtung der Hinterlassenschaften der DDR-Staatssicherheit und sah darin eine Chance zum inneren Frieden in Deutschland. Die Politik entschied damals anders. Die Akten wurden geöffnet. Für Betroffene, für Historiker, und unter bestimmten Bedingungen auch für Journalisten, also für die Öffentlichkeit. Vor allem aber wurden und sind sie für die Justiz zugänglich und verwertbar. Sie spielten auch in allen großen Prozessen gegen Verantwortliche des DDR-Regimes eine Rolle. Urteile wären ohne das Wissen aus diese Akten in vielen Fällen nicht möglich gewesen. Wir haben aus diesen Akten viel gelernt. Auch wenn sie nicht "die Wahrheit" sagen, weil es die Wahrheit nicht gibt. Die Akten sagen stets Teile einer Wahrheit. Sie sind Puzzlestücke. Ohne die Akten hätten wir nicht belegt bekommen, dass man sich tatsächlich wehren konnte gegen die Einflussnahme der Stasi. Dass man kein Spitzel werden musste. Wir hätten nicht erfahren, dass selbst im Politbüro Widerspruch möglich war. Ohne die Akten hätten wir womöglich den Opfern nicht geglaubt, die von unvorstellbaren Machenschaften berichteten. Männer, die ihre Frauen bespitzelten, verwanzte Schlafzimmer, Kinder, die ausgehorcht und angeworben wurden. Wir hätten nicht erfahren, wie verzweigt das System der Stasi tatsächlich war. Selbstverständlich hätte man sich Aufarbeitung auch anders vorstellen können. Zum Beispiel dann, wenn die Täter geredet und ihren Teil der Wahrheit in die öffentliche Debatte eingebracht hätten. Doch die wenigen Versuche von Gesprächen zwischen Opfern und Tätern waren meist quälend und wenig ergiebig. Und von den hochrangigen Verantwortlichen der DDR hat bis heute keiner offen gelegt, was er weiss oder wusste. Angeblich aus Angst vor Strafverfolgung eher wohl aus notorischer Überzeugung nunmehr im System des Klassenfeindes zu leben. Markus Wolf beispielsweise, der ehemalige Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR, schweigt noch immer.Heute ist die Auseinandersetzung mit der Stasi und der DDR-Vergangenheit in den Hintergrund gerückt. Sie konnte es, weil jeder, der wissen wollte oder will, die Möglichkeit dazu hat. Sie konnte es auch, weil Richter Recht gesprochen haben, wo es möglich war. Dass sich die Menschen diesen Wahrheiten stellten und dass sie es friedlich taten, ist eine oft unterschätzte Leistung dieser Jahre. Sie haben damit die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Kinder und Jugendliche heute aufwachsen können, ohne das Stigma der DDR-Vergangenheit mit sich herumzutragen. Keiner kann heute Richtung Osten zeigen und sagen - ihr habt doch alle Leichen im Keller. Das heisst nicht, dass wir mit der zweiten deutschen Diktatur abgeschlossen haben. Das dürfen wir nicht und selbst wenn wir es versuchten, würde es nicht gelingen. Solange Täter und Opfer, Verantwortliche und Betroffene noch leben, wird es sie beschäftigen. Nach ihnen werden ihre Kinder fragen und dann die Enkel.Zurzeit aber sind die Deutschen in Ost und West mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Die sind ausschließlich heutiger Natur. Es sind Probleme, die sie einen, nicht trennen. Zumindest könnte es so sein. Hüben wie Drüben sorgen sich Menschen um ihre Zukunft, ihre Arbeitsplätze. Sie versuchen zu verstehen, warum der Wohlstand in Deutschland in Gefahr ist. Die Westdeutschen, weil sie seit Jahrzehnten an ihn gewöhnt waren. Die Ostdeutschen, weil sie mit der deutschen Einheit und der Freiheit auch den Wohlstand wollten. Wie sehr, versteht mancher vielleicht erst jetzt.------------------------------Selbstverständlich hätte man sich Aufarbeitung auch anders vorstellen können. Zum Beispiel, dass die Täter geredet und ihren Teil der Wahrheit in die Debatte eingebracht hätten.

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