Löwe und Bettvorleger

Martina Doering
4 Min

Saddam Hussein hat die Notbremse gezogen und eingelenkt. Die Gefahr von Luftangriffen ist damit gebannt. Offenbar will sich Washington, wenn auch widerstrebend, auf die Vorschläge Iraks einlassen und damit wahrscheinlich auch auf die damit verknüpften Wünsche Bagdads. Es sind vor allem die USA, nicht die UNO, die über ein Ende der Krise entscheiden. Bis vor kurzem war die Situation für die Amerikaner recht übersichtlich. Die Iraker hatten die Kooperation mit Unscom-Mitarbeitern zum dritten Mal in diesem Jahr aufgekündigt und damit bestehende Abmachungen gebrochen. Die Fürsprache der Weltgemeinschaft für eine Strafmaßnahme war zwar nicht besonders groß, doch die Erkenntnis, daß man sich nicht länger an der Nase herumführen lasse könne, gewann zunehmend Raum. Also erteilte US-Präsident Clinton den Angriffsbefehl. Inzwischen ist dieser Befehl, so verlautete aus Washington, wieder zurückgezogen worden. Mit einem Schlag ist die Lage nun wieder vollkommen unklar und das Dilemma, in dem die USA stecken, könnte nicht größer sein. Nicht die Weltmacht USA bestimmen den Lauf der Dinge, so demonstrieren die Ereignisse der letzten Stunden, sondern Saddam Hussein, ein kleiner, abgewirtschafteter Diktator im fernen Bagdad. Es wäre nicht zum ersten Mal in dieser Dauerkrise mit Irak, daß die US-Regierung als Löwe springt und als Bettvorleger landet. Nur dieses Mal steht für die Amerikaner mehr auf dem Spiel. Zum einen geht es Washington um den Respekt vor den Vereinigten Staaten als globaler Ordnungsmacht. Er ist in diesem Jahr erheblich geschwunden: Durch allzu langes zögerliches Verhalten der USA im nahöstlichen Friedensprozeß. Durch Zugeständnisse an den Balkan-Fürsten Milosevic. Durch befremdende Reaktionen auf die Terroranschläge in Nairobi und Daressalam. Für die Bombardements in Afghanistan und Sudan steht bis heute eine schlüssige Beweisführung aus. Gleichzeitig aber steckt die US-Politik gegenüber Bagdad in einer Sackgasse. Das militärische Angriffspotential des Aggressors, der Kuweit überfiel und seine Nachbarstaaten bedrohte, ist nachhaltig beschnitten worden. Experten sind überzeugt davon, daß Irak heute nicht mehr über nukleare Waffen verfügt. Vermutet wird zwar, daß noch Restbestände an chemischen und biologischen Kampfstoffen existieren - aber keinesfalls verfüge Irak über Trägersysteme, diese einzusetzen. Sie erneut zu bauen, könnte durch ein striktes Kontrollregime verhindert werden. Also wird von diesen Experten schon seit längerem vorgeschlagen, die Sanktionen gegenüber Irak Zug um Zug zu lokkern. Genau in dem Punkt aber waren die USA vor allem aus innenpolitischen Erwägungen heraus bislang anderer Ansicht. Mag man sich in Washington regierungsintern mittlerweile auch eingestehen, daß man sich verrannt hat offiziell galt bis heute: Erst muß der Abschlußbericht der Unscom die vollständige Abrüstung attestieren, dann sind Erleichterungen möglich. Aus Angst, Schwäche zu zeigen, verhielten sich die USA schwach und ließen Möglichkeiten für eine Kurskorrektur ungenutzt verstreichen.Es folgte Krise auf Krise, marschierten Truppen auf und zogen wieder ab. So geschah es dieses Mal. Jetzt werden es wieder die USA sein, die entscheiden müssen, ob sich dieses riskante Spiel nach altem Muster auch künftig wiederholen soll oder ob man den Mut findet, es zu beenden. Das aber kann nicht heißen, Saddam Hussein physisch zu treffen oder ihn zu entmachten. Vielleicht wären die USA dazu in der Lage, doch den politischen Willen dazu haben sie nicht: Denn wie beim Ende des Krieges um die Befreiung Kuweits gilt auch heute, daß ein auseinanderfallender Irak ohne Saddam die Stabilität der Region weitaus mehr gefährden würde, als ein Irak mit einem Diktator, der einer strikten Kontrolle unterworfen ist. Die Lösung kann jetzt nur in einem geordneten Rückzug liegen. Nach dem Einlenken Saddams muß über die Lockerung der Sanktionen und ihre schrittweise Aufhebung debattiert werden. Damit macht man aus Saddam noch lange keinen Partner, aber eine berechenbarere Größe. Andernfalls muß sich die Welt auf eine weitere Krise einstellen, der Löwe wird einen neuen Angriffsbefehl erteilen müssen und wieder als Bettvorleger landen.

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