Landtagswahl

Lutz und Nora bangen um Deutschland: „Wenn das noch fünf Jahre so weitergeht, gibt es richtig Knall“

Sie halten viele AfD-Aussagen für gefährlich. Trotzdem glauben zwei Sachsen, dass es vielleicht einen politischen Bruch braucht. Ein Gespräch in Wittenberg.

6 Min
Blick auf Wittenberg: Lutz und Nora wollten für das Interview nicht fotografiert werden.

Blick auf Wittenberg: Lutz und Nora wollten für das Interview nicht fotografiert werden.

© Michael Weber/Imago

In Sachsen-Anhalt wird gewählt. Die AfD steht bei 42 Prozent, Ulrich Siegmund hämmert regelrecht an die Tür der Staatskanzlei. Was sagen die Menschen in Wittenberg über ihren Alltag, und wie blicken sie auf die Wahl?

Unter ihnen sind auch Lutz, 61, und Nora, 58. Die beiden Sachsen kommen seit Jahrzehnten regelmäßig nach Wittenberg, früher vor allem zum Einkaufen. Auf ihr Nachbarland blicken sie heute mit Sorge.

Was ist Ihre größte Sorge im Alltag?

LUTZ: Gesundheit. Die Versorgung lässt in Deutschland zum Teil zu wünschen übrig. Gerade bei Fachärzten sind die Wartezeiten teilweise nicht tragbar. Wenn man beim Arzt nicht auf Dringlichkeit macht und sagt, dass man unbedingt zeitnah einen Termin für eine Untersuchung braucht, hat man kaum eine Chance. Da kann es passieren, dass man eher tot ist, als dass man drankommt.

Glauben Sie, dass sich daran noch etwas verbessert?

LUTZ: Wahrscheinlich nicht. Aber es versprechen alle.

Haben Sie trotzdem noch Hoffnung?

LUTZ: Ich glaube nicht. Wenn das politisch so weitergeht und wir weiter nach rechts rutschen, kann es passieren, dass ein großer Teil der Ärzte, die aus dem Ausland gekommen sind und hier arbeiten, wieder weggeht. Die müssen ja nicht weit weg, vielleicht nach Frankreich oder sonst wohin. Wer sich hier zurechtgefunden hat, findet sich auch in einem anderen Land zurecht. Und wenn es noch weniger Ärzte werden, wird es natürlich schwierig. Nachwuchs bekommt man nicht so schnell. Allein die Ausbildung dauert.

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Sind das Themen, über die Sie abends auch mit der Familie oder Freunden sprechen?

LUTZ: Zum Teil, ja. Kommt darauf an. Wenn man beschäftigt ist und genug zu tun hat, hat man auch nicht jeden Abend Zeit, sich darüber zu unterhalten.

NORA: Das kommt eher bei den Nachrichten auf, je nachdem, was gerade Thema ist.

DDR und Wende: „Mein Vater stand mit auf einer Liste“

Wann hat Politik zuletzt etwas in Ihrem Leben wirklich verändert, idealerweise zum Positiven?

LUTZ: Zur Wendezeit. Das war für uns schon eine große Sache. Zum Ende der DDR gab es Pläne mit Isolierungslagern für politisch Auffällige. Ich war damals noch nicht so alt, aber mein Vater stand mit auf einer Liste. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Leute, die politisch quergeschossen hatten, geholt hätten. Dass die Wende kam und dass alles vorbei war, war ein großer Vorteil.

Und seitdem fällt Ihnen spontan nichts Positives mehr ein?

LUTZ: Politisch? Nein. Positiv bei uns persönlich natürlich schon. Das Enkelkind zum Beispiel. Und dass unsere Tochter nicht ganz so weit weg ihren Platz gefunden hat. Sie war zweimal in Neuseeland und einmal in Australien. Da hatten wir schon gedacht, wir müssten irgendwann einmal im Jahr dorthin fliegen. Jetzt ist sie zwar auch ein Stück weg, aber nicht ganz so weit.

Neuseeland wäre schon eine ordentliche Entfernung.

NORA: Ja, schon.

LUTZ: Das sind mit mehreren Stopps 24 Stunden. Heute kann man sich natürlich über WhatsApp unterhalten, als würde jemand vor einem stehen. Aber es ist etwas anderes, wenn einem jemand am Tisch gegenübersitzt und man miteinander reden kann.

Warum zwei Sachsen seit Jahrzehnten nach Wittenberg kommen

Sie sind regelmäßig hier in Wittenberg?

NORA: Ja. Wir kommen gerne hierher. Schon zu DDR-Zeiten waren wir gerne hier.

LUTZ: Damals gab es hier teilweise Dinge zu kaufen, die es bei uns in der Region nicht gab. Deshalb sind wir immer nach Wittenberg gefahren. Das Magazin hier war für uns ein Anlaufziel. Da gab es zum Beispiel schon Salamander-Schuhe, bevor man die überall bekommen hat.

Und wie hat sich Wittenberg seitdem entwickelt?

LUTZ: Die Innenstadt ist noch belebt. Das ist zum Beispiel in Dessau anders. Natürlich gibt es auch hier leere Geschäfte, aber nicht so extrem. Deshalb kommen wir immer wieder her.

NORA: Wir sind immer mal wieder hier.

LUTZ: Und inzwischen gibt es noch andere Gründe. Das Kind war früher schon hier, jetzt wollte auch das Enkelkind her.

NORA: Tierpark, einkaufen, ins Museum, auf den Turm. Hier stehen schon viele schöne Häuser.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: „So viel Müll“

Haben Sie vor, am 6. September wählen zu gehen?

LUTZ: Wir nicht. Wir sind hier nicht wahlberechtigt.

Aus welchem Nachbarbundesland kommen Sie denn?

LUTZ: Aus Sachsen.

Dann beobachten Sie die Wahl also von außen. Wie fühlt es sich an, wenn man das aus nächster Nähe mitbekommt?

LUTZ: Eigentlich ein bisschen traurig. Wenn ich höre, was Leute von der blauen Partei zum Teil erzählen, denke ich: So viel Müll. Die wissen teilweise gar nicht, was sie damit lostreten.

Ich habe das Gefühl, dass die da oben ziemlich abgeschottet sind. So ähnlich wie zu DDR-Zeiten. Die wissen gar nicht mehr, was die Masse bewegt, die von einfacher Arbeit lebt. Die bekommen zum Teil gar nicht mehr mit, was draußen los ist.

Nur als Beispiel: Wenn sich Bürgergeldempfänger im Fernsehen hinstellen und sagen, dass sie besser damit wegkommen, Geld vom Amt zu bekommen, als jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und arbeiten zu gehen, dann ist doch etwas faul im Staat. Wenn Jugendlichen dann auch noch vermittelt wird, dass das in Ordnung ist, müssen wir uns nicht wundern, wo das hingeht.

Was müsste sich ändern?

LUTZ: Mit der Brechstange kann man es nicht erzwingen. Man muss die Leute wieder an normale Arbeit heranführen. Dafür braucht es gesetzliche Änderungen. Es darf nicht sein, dass jemand mit Bürgergeld am Ende genauso viel bekommt wie einer, der jeden Tag für Mindestlohn arbeitet.

Und da muss wirklich etwas passieren. Der Teil der Bevölkerung, der arbeitet und die Rente und das ganze Sozialsystem finanziert, wird immer kleiner. Wir reden jetzt schon darüber, dass die Rente nicht reicht. Wenn das noch fünf Jahre so weitergeht, gibt es richtig Knall.

Wenn niemand arbeitet, kann auch keine Rente gezahlt werden.

LUTZ: Ja, so ist es. Aber wie gesagt: Es wird da oben entschieden. Vielleicht ist es wirklich mal notwendig, dass es hier so kommt, damit die dort oben mal runterkommen.

Blick aus Sachsen auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

Schauen Sie dann ein bisschen auf Sachsen-Anhalt mit dem Gedanken: Zum Glück passiert das nicht bei uns, sondern bei denen?

LUTZ: Im Moment schon.

In Sachsen wird in ein paar Jahren auch wieder gewählt.

LUTZ: Ja. Ich glaube, bei uns wird es auch nicht mehr so laufen, dass die CDU einfach die Mehrheit bekommt. Kretschmer versucht, sich zumindest gegen bestimmte Dinge zu wehren, die vom Bund entschieden werden. Von Sachsen-Anhalt habe ich gehört, dass dort vieles mitgemacht wurde, was der Bund wollte. Aber das entscheiden am Ende die Leute hier. Wir sind nur das Nachbarland.

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