Stil

Von der Leinwand auf den Hoodie: Dieses Label macht Kunst (finanziell) tragbar

Das Label maezen verwandelt Gemälde in Streetwear: Drei Berliner Künstler bringen ihre Werke auf Kleidung und machen Kunst im Alltag bezahlbar.

5 Min
Das Label Maezen übersetzt Arbeiten zeitgenössischer Künstler in hochwertige Streetwear – und holt sie von der Galerie auf die Straße.

Das Label Maezen übersetzt Arbeiten zeitgenössischer Künstler in hochwertige Streetwear – und holt sie von der Galerie auf die Straße.

© Maezen

Kunst ist ihrer Natur nach exklusiv. Sie hängt an schummerig beleuchteten Galeriewänden, wird auf Auktionsbühnen verhandelt oder verschwindet in den Depots privater Sammler. Wer ein Originalwerk von aufstrebenden Künstlern besitzen möchte, muss oft mehrere tausend Euro investieren.

Genau an dieser Hürde setzt das im Oktober 2021 von Noah Neumair und Julian Haller gegründete Label Maezen an. Dass Mode und Kunst nahtlos verschmelzen können, feierte die Marke am vergangenen Wochenende mit einem eigenen Pop-up-Store in Berlin, bei dem die Originalwerke und ihre tragbaren Gegenstücke gemeinsam präsentiert wurden.

Die Maezen-Gründer Noah Neumair und Julian Haller wollen zeitgenössische Kunst nahbarer gestalten.

Die Maezen-Gründer Noah Neumair und Julian Haller wollen zeitgenössische Kunst nahbarer gestalten.

© Maezen

Der Name leitet sich bewusst vom Begriff des Mäzens ab: Es geht den Gründern darum, zeitgenössische Künstler nachhaltig zu fördern – und ihre Arbeiten gleichzeitig einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Bilder von Künstlern wie Ruben Tönnis, Kevin Lucbert oder Tugyan Cengic kosten schnell 3.000 bis 4.000 Euro – das hat nicht jeder einfach so herumliegen“, erklärt Gründer Noah Neumair. „Aber über die Kleidung kannst du Teil des Ganzen sein. Wir wollen Kunst nahbar machen, ohne dass sie ihren Wert verliert.“

Statt Kunst nur aus der Ferne im Museum zu betrachten, wird sie als tragbares Element im alltäglichen Stadtbild präsent. Jedes Kleidungsstück fungiert dabei als mobile Leinwand, die Kunst aus dem geschlossenen Galeriekontext mitten in das urbane Leben transportiert.

Drei Perspektiven auf das Berliner Lebensgefühl

Mit der aktuellen Kollektion „Berlin Prjct N01“ widmet sich das in Wien ansässige Label erstmals exklusiv der Berliner Szene und bringt drei unterschiedliche künstlerische Positionen zusammen, die den Charakter der Stadt auf Textil übersetzen.

Der französische Künstler Kevin Lucbert, der für seine großformatigen, mit blauem Kugelschreiber gezeichneten Traumwelten bekannt ist, hat seine Eindrücke der Hauptstadt in ein vielschichtiges Triptychon-Design verwandelt. Auf Stücken wie dem Innenfutter einer Lederjacke verschmelzen Berliner Architektur, Graffiti, Autobahnen und seine persönlichen Erlebnisse als Künstler in Berlin zu einem Wimmelbild. Für Lucbert liegt der Reiz vor allem in der Entschleunigung: In einer Ära der industriellen Massenproduktion verleiht das Tragen einer persönlichen Geschichte dem Kleidungsstück wieder echtes Gewicht.

Traumwelten in Kugelschreiber-Blau: Der französische Künstler Kevin Lucbert verwandelte seine Berliner Eindrücke in ein vielschichtiges Design für die aktuelle Kollektion.

Traumwelten in Kugelschreiber-Blau: Der französische Künstler Kevin Lucbert verwandelte seine Berliner Eindrücke in ein vielschichtiges Design für die aktuelle Kollektion.

© Maezen

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Einen intimeren Ansatz verfolgt der Berliner Autodidakt Tugyan Cengic, der in seinen expressiven Arbeiten emotionale Erinnerungen und Fragen der eigenen Identität verarbeitet. Auch er schätzt besonders, dass die Zusammenarbeit eine reale Lücke im Kunstmarkt schließt: Ein Originalgemälde zu erwerben sei für viele Kunstinteressierte finanziell schlicht ein zu großer Schritt. Die sorgfältige Übersetzung seiner Bilder auf hochwertige Textilien schaffe einen demokratischen Kompromiss, ohne dass die Arbeiten wie ein billiger Aufdruck wirken.

Gefühle auf Stoff: Der Berliner Autodidakt Tugyan Cengic verarbeitet in seinen Arbeiten persönliche Erinnerungen und Identitätsfragen – nun auch auf Kleidung.

Gefühle auf Stoff: Der Berliner Autodidakt Tugyan Cengic verarbeitet in seinen Arbeiten persönliche Erinnerungen und Identitätsfragen – nun auch auf Kleidung.

© Maezen

Komplettiert wird das Projekt durch Ruben Tönnis, der zwischen Berlin und New York pendelt und bereits mehrmals erfolgreich mit Maezen kollaboriert hat. Ein zentrales Wiederholungsmotiv seiner Kollektionen sind Blumen: „Blumen stehen für mich für Vergänglichkeit und dafür, den Moment zu genießen“, so Tönnis. „Sie sind schön, aber erinnern gleichzeitig daran, dass kein Moment statisch bleibt.“

Nachdem das erste Blumen-Motiv aus einer früheren Kollaboration enorm gut ankam, vertiefte er das Thema gemeinsam mit dem Label. Für die Kollektionen verbindet Tönnis bestehende Werke mit eigens dafür gemalten Motiven. Ähnlich wie Modemarken wie Supreme oder Palace über die Skatekultur an Tiefe gewinnen, baut Maezen eine Kultur um zeitgenössische Kunst und eine lebendige Gemeinschaft auf.

Dass klassische Aufdrucke ein Bild oft entwerten können, sah Tönnis kritisch – die aufwendige Übersetzung in Textur und Stickerei überzeugte ihn jedoch: „Zu sehen, dass Menschen sich so stark mit meinen Bildern identifizieren, dass sie sie tatsächlich tragen und damit nach draußen gehen, hat mir eine ganz neue Perspektive gegeben.“

Ein Sinnbild für das Flüchtige: Ruben Tönnis bringt immer wieder Blumenmotive in die Kollektionen ein, um an die Schönheit der Vergänglichkeit zu erinnern.

Ein Sinnbild für das Flüchtige: Ruben Tönnis bringt immer wieder Blumenmotive in die Kollektionen ein, um an die Schönheit der Vergänglichkeit zu erinnern.

© Maezen

Ein faires Modell für die Kreativszene

Dass das Konzept über bloßes Merchandise hinausgeht, zeigt sich sowohl in der Fertigung als auch im Umgang mit den Künstlern. Bis zu sechs Monate dauert die Entwicklung eines einzelnen Kleidungsstücks. Mittels komplexer Stickverfahren – von Single-Line- bis Satin-Stitch – und spezieller Lasertechniken werden die Originalwerke detailgetreu auf ausgewählte Kleidungsstücke übertragen. In der aktuellen Kollektion wurde zudem experimenteller gearbeitet, etwa mit wendbaren Kapuzenpullovern oder abnehmbaren Stoffaufnähern. „Stickerei ist selbst eine Kunstform“, betont Neumair.

„Die Herausforderung liegt darin, ein Kunstwerk so zu übertragen, dass es seine Identität behält, sich aber perfekt an das Medium Kleidung anpasst.“ Zugleich unterscheidet sich Maezen im Geschäftsmodell deutlich von klassischen Mode-Kooperationen: Die Künstler behalten sämtliche Rechte an ihren Originalwerken und lizenzieren lediglich die Nutzung für das jeweilige Kleidungsstück. Zudem werden sie mit zehn Prozent direkt am Verkaufsgewinn beteiligt.

Die syrisch-moldauische Künstlerin Silva Bozian im Atelier: Im März kollaborierte sie mit Maezen für ein gemeinsames Projekt.

Die syrisch-moldauische Künstlerin Silva Bozian im Atelier: Im März kollaborierte sie mit Maezen für ein gemeinsames Projekt.

© Maezen

Was vor fünf Jahren mit schlichten, auf einen Brustrahmen gestickten Kunstmotiven begann, hat sich zu einem eigenständigen Experimentierfeld entwickelt, bei dem mittlerweile das gesamte Kleidungsstück als Leinwand dient. „Unsere Kunden sind Menschen, die Kultur und Kunst schätzen“, so Neumair. „Wenn du unsere Sachen trägst, fühlst du dich der Kreativität näher.“

Das Ergebnis ist Mode, die Kunst demokratisiert und den Stadtraum selbst zur Galerie erklärt. Wohin die Reise als Nächstes geht? Noah Neumair träumt von einem festen, eigenen Store – wahlweise in Amsterdam oder Berlin. Es bleibt zu hoffen, dass die Wahl am Ende auf die deutsche Hauptstadt fällt. Denn ein Ort, an dem Kunst so nahbar verstanden und getragen wird, passt nirgendwo besser hin als hierher.

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