Flutkatastrophe

Magdalenenflut 1342: Wie eine schlimme Hochwasserserie Mitteleuropa verwüstete

Insgesamt 16 Ereignisse bildeten einer Studie zufolge die größte Flutkatastrophe des vergangenen Jahrtausends. Sie läutete den modernen Hochwasserschutz ein.

Walter Willems
9 Min
Historische Darstellung der Magdalenenflut, einer der schlimmsten Katastrophen des Mittelalters

Historische Darstellung der Magdalenenflut, einer der schlimmsten Katastrophen des Mittelalters

© Kupferstich-Kabinett/unbekannt deutsch, 18. Jh.

Zerstörte Brücken, verwüstete Siedlungen, Ernteausfälle, Hunger: Die Magdalenenflut vom Juli 1342 gilt als das schwerste Hochwasser Mitteleuropas im vergangenen Jahrtausend – mit Rekordpegelständen an vielen Flüssen wie Rhein und Main. „Das Ausmaß der Überschwemmungen ging weit darüber hinaus, was wir heute kennen“, sagt der Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig.

„Regenmassen ergossen sich vom Himmel, Gewässer brachen aus der Erde hervor, Flüsse zerstörten Dämme, sodass sie Äcker vernichteten, in Burgen, Städte, Dörfer und Kirchen eindrangen, Mauern und Türme umstießen, zahlreiche Menschen und Zugtiere ertränkten“, hieß es in einer Chronik. Berichtet wurde, dass Donau, Rhein und Main „Türme, sehr feste Stadtmauern, Brücken, Häuser und die Bollwerke der Städte“ davongetragen hätten.

In der religiösen Weltsicht des Mittelalters konnte solch eine Katastrophe nur eine Strafe Gottes für die Sünden der Menschen sein. „Die Schleusen des Himmels waren offen, und es fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahre von Noahs Leben“, schrieb ein Chronist, der sich auf die biblische Sintflut bezog – eine gottgesandte  Flutkatastrophe, um die verdorbene Schöpfung zu reinigen. Forscher vermuten, dass uralte Erzählungen über verheerende, regionale Katastrophen den Ursprung für die Sintflut-Legende bildeten.

Eine 16-teilige Katastrophenserie zieht sich durch die Jahre 1341 bis 1343

Was die Magdalenenflut vom Juli 1342 betrifft, so gibt es eine neue Studie, erschienen im Fachjournal Nature. Ein internationales Forschungsteam rekonstruiert darin das damalige Geschehen – mit überraschendem Befund. Demnach war das  Extremhochwasser im Mittelalter kein Einzelereignis, sondern bildete den besonders verheerenden Höhepunkt einer Reihe von insgesamt 16 Hochwasserereignissen über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren. Und: Die Katastrophenserie leitete den Beginn des modernen Hochwasserschutzes ein.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Möglich wurde die detaillierte Rekonstruktion durch das Zusammentragen von mehr als tausend zeitgenössischen Dokumenten. „Wir können Monat für Monat rekonstruieren, wann welche Gegenden Europas betroffen waren“, sagt Erstautorin Andrea Kiss von der Technischen Universität (TU) Wien. „So sieht man ganz klar: Wie eine Perlenkette zieht sich eine Serie von Hochwasserereignissen durch die Jahre 1341 bis 1343. Nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber doch alle in einem klar erkennbaren Zusammenhang.“

Bisher lag der öffentliche Fokus auf jenem Hochwasser, das auf die Zeit um den St.-Magdalenentag am 22. Juli 1342 fiel. „In Mitteleuropa gilt die Magdalenenflut üblicherweise als die größte Flut des vergangenen Jahrtausends und als schlimmstes Erosionsereignis während des Holozäns“, schreibt das Team unter Verweis auf die enorme Menge an abgetragenem Bodenmaterial, die für die vergangenen etwa 12.000 Jahre beispiellos ist. Ein solches Ereignis trete nur etwa alle 10.000 Jahre auf, kalkulieren die Forscher.

Hochwassermarkierungen in Hann. Münden im südlichen Niedersachsen. Ganz oben die Höhe der Werra im Juli 1342

Hochwassermarkierungen in Hann. Münden im südlichen Niedersachsen. Ganz oben die Höhe der Werra im Juli 1342

© Martin Bauch/dpa

Zentrum der Niederschläge waren damals Süddeutschland, Österreich und die Schweiz, wie Co-Autor Bauch erläutert. Doch spürbar waren die Auswirkungen weit darüber hinaus – entlang der großen Abflüsse von Rhône, Rhein, Weser und Elbe bis nach Schlesien. „In Würzburg stand das Wasser auf den Stufen des mittelalterlichen Doms, in Frankfurt waren Kirchen überflutet“, schildert der Historiker. „Solche Wasserstände gab es seitdem nicht mehr.“

Verursacht wurde die Katastrophe vermutlich durch eine sogenannte Vb-Wetterlage (Fünf-b), bei der feuchte Luftmassen vom Mittelmeerraum nach Mitteleuropa geleitet werden. Mit enormen Mengen an Feuchtigkeit aufgeladen, regnen sie sich wolkenbruchartig aus. Werden sie zudem von einem Hoch blockiert und am Weiterziehen gehindert, kommt es zu tagelangen extremen Niederschlägen und in der Folge zu Fluten. „Die Verluste waren enorm, mit Tausenden von Toten, die meisten Brücken und Siedlungen entlang der Hauptflüsse waren zerstört, und die landwirtschaftlichen Schäden verursachten eine Hungersnot“, schildert das Autorenteam.

Die Flut zerstörte Siedlungen, Brücken und Straßen  entlang des Mittelrheins und des Mains

Doch die Analyse verschiedenster Dokumente aus jener Zeit – etwa Chroniken, Rechnungsbücher, Urkunden und Briefe – zeigt die Flut nun in einem größeren Zusammenhang. Die Zahl der ausgewerteten Dokumente entspricht nach Angaben von Studienleiter Günter Blöschl von der TU Wien etwa dem Zehnfachen der in früheren Studien verwendeten Quellen. „Diese enorme Datenmenge hat eine hohe zeitliche Auflösung der Ereignisse ermöglicht“, erläutert Bauch.

Demnach gab es von Ende 1341 bis Herbst 1343 insgesamt 16 große Hochwasserereignisse in Europa. 1342 war das Jahr mit der größten Anzahl von Überschwemmungen auf dem Kontinent während der vergangenen 700 Jahre, das Folgejahr 1343 liegt auf Platz 3 dieser Liste.

Bereits der Herbst 1341 war ausgesprochen feucht, Überflutungen trafen im November und Dezember das östliche Mitteleuropa sowie Teile von Südosteuropa. Darauf folgte ein schneereicher Winter mit einer abrupten Schneeschmelze, die im Februar 1342 die Flüsse enorm anschwellen ließ. Von diesem sogenannten Lichtmess-Hochwasser – benannt nach dem christlichen Fest – waren insbesondere die Einzugsbereiche von Donau und Elbe betroffen. In Prag zerstörte das Hochwasser die aus dem 12. Jahrhundert stammende steinerne Judithbrücke über die Moldau – die Vorgängerin der heutigen Karlsbrücke.

Die Flutkatastrophe vom Juli 2021, die auch das Ahrtal zerstörte, wurde durch ein blockiertes Tiefdruckgebiet mit extremen Regenmengen über viele Tage ausgelöst.

Die Flutkatastrophe vom Juli 2021, die auch das Ahrtal zerstörte, wurde durch ein blockiertes Tiefdruckgebiet mit extremen Regenmengen über viele Tage ausgelöst.

© David Young/dpa

Nach mehreren weiteren Hochwassern im Frühjahr traf dann die Magdalenenflut weite Teile des heutigen Deutschlands. „Die Magdalenenflut zerstörte die meisten Siedlungen und alle Brücken, Straßen und Mühlen entlang des Mittelrheins, Mains und ihrer Zuflüsse“, schreiben die Forschenden. Ein Jahr später – im Juli und August 1343 – hatten die Jakobs- und die Bartholomäusflut einen ähnlichen Effekt am Rhein zwischen Schaffhausen und Basel.

In der Folge kam es zur Hungersnot vor allem in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich

An der Elbe ließen die Wassermassen in jenen Jahren die Brücken in Dresden und Meißen einstürzen, in Thüringen rissen sie in Erfurt die Übergänge über die Gera und bei Vacha, Meiningen und Eisenach die Brücken über die Werra fort. In der Lausitz zerstörten sie die Spreebrücke in Bautzen.

„Während dieser zwei Jahre wurden die Brücken über die europäischen Hauptflüsse beschädigt, und Straßen waren auf kontinentaler Ebene gestört, was fundamentale Auswirkungen auf die europäischen Transport- und Reisemöglichkeiten hatte“, schreibt das Team. Dies hatte steigende Lebensmittelpreise zur Folge und eine Hungersnot, vor allem in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich.

Gerade die Häufung dieser Ereignisse in der dicht besiedelten Region sorgte für enorme Verunsicherung. So passierte der Scheitel des größten Hochwassers Frankfurt am Main am 20. Juli 1342, zwei Tage vor dem Magdalenentag. Die Fluten ließen die steinerne Brücke – damals die einzige Frankfurter Brücke über den Main – einstürzen, erzählt Co-Autor Bauch. Danach zogen jährliche Bußprozessionen fast 200 Jahre lang – bis zur Reformation – entlang der damals überfluteten Kirchen. „Die Route war eine topografische Visualisierung des Überflutungsgebietes“, sagt der Historiker.

Die sogenannte Jahrhundertflut von 2002 – hier Zerstörungen im sächsischen Weesenstein – hatte als Ursache eine Vb-Wetterlage (Fünf-b).

Die sogenannte Jahrhundertflut von 2002 – hier Zerstörungen im sächsischen Weesenstein – hatte als Ursache eine Vb-Wetterlage (Fünf-b).

© Ralf Hirschberger/dpa

Zwar sahen viele Menschen die Fluten als Strafe Gottes. Doch gleichzeitig wappnete man sich gezielt gegen solche Gefahren: Nun wurden große Brücken – etwa in Dresden und Säckingen – zumindest teilweise aus Stein errichtet und verstärkt. Die Prager Karlsbrücke, deren Vorläuferin ja zerstört worden war, wurde mit eisbrechenden Pfeilern versehen. Die Stadtmauer etwa von Straßburg wurde gezielt gegen Hochwasser befestigt, der Niederrhein wurde bei Kleve durch kollektive Arbeiten eingedeicht, und der gewundene Lauf der Donau wurde am niederbayrischen Kloster Oberalteich bei Straubing mit einem Durchstich begradigt, um den Fluss auf Abstand zu halten.

Die Mehrfachereignisse führten zu einem Umdenken beim Schutz vor Hochwasser

Dies könne man durchaus als Beginn des modernen Hochwasserschutzes betrachten, sagt Blöschl. „Siedlungen werden nicht nach einem einzelnen Hochwasser aufgegeben“, erläutert der Wiener Hydrologe. „Es waren die Mehrfachereignisse, die zu einem Umdenken im Hochwassermanagement geführt haben.“

Zwar habe es auch in der jüngeren Geschichte Überschwemmungen in Mitteleuropa durch Vb-Wetterlagen gegeben, schreibt das Team und nennt unter anderem die Jahre 1999 und 2005. „Allerdings war die räumliche Ausdehnung der Magdalenenflut viel größer als bei den jüngeren Überschwemmungen.“ Die Flutjahre 1342–1343 seien so außergewöhnlich, als ob die großen europäischen Hochwasserereignisse von 1999, 2002, 2005, 2006 und 2013 sowie ein Dutzend anderer Überschwemmungen in weniger als zwei Jahren aufgetreten wären.

Zur Ursache der Hochwasser-Häufung stellt das Forschungsteam Vermutungen an: Ein Faktor könnten etliche Vulkanausbrüche um 1340 gewesen sein, heißt es unter Verweis auf das Global Volcanism Programm (GVP) der US-amerikanischen Smithsonian Institution. Fünf der acht dort für den Zeitraum 1340/41 gelisteten außertropischen Eruptionen entfallen auf Island, darunter die des Vulkans Hekla im Mai/Juni 1341. Möglicherweise könne der Ausstoß von schwefelhaltigen Aerosolen in die Stratosphäre eine starke Klimareaktion auf der Nordhalbkugel hervorgerufen und zu Abkühlung beigetragen haben, mutmaßt das Team.

Vulkanausbrüche und weniger Eis in der Arktis könnten zur Serie der Fluten beigetragen haben

Ein weiterer möglicher Faktor könne die geringe Meereisbedeckung in der Arktis seit den 1330er-Jahren gewesen sein. Dies könne durch die fehlende Albedo die Temperatur an der Meeresoberfläche erhöht haben, mit stärkeren Niederschlägen als Folge. Diese Kombination, so Blöschl, habe vermutlich entscheidend beigetragen zu der Serie. „Das ist die wahrscheinlichste Erklärung, die wir finden konnten“, betont er. „Ganz sicher lässt sich das zwar nicht sagen – doch die neuen Erkenntnisse bringen uns dem Verständnis dieser außergewöhnlichen Serie ein gutes Stück näher.“

Als Konsequenz aus der Analyse plädiert das Team dafür, Sequenzen mehrerer Extremhochwasser binnen weniger Monate im heutigen Risikomanagement stärker zu berücksichtigen – zumal der Klimawandel Häufungen von Überschwemmungen wahrscheinlicher mache.

Überraschend ist, dass von den vielen Hochwassern nur die Magdalenenflut in der öffentlichen Aufmerksamkeit überlebt habe. „Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch jährlich wiederholte Bittprozessionen“, sagt Bauch. „Dass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, ist über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten.“

Dazu könnte auch beigetragen haben, dass die größte Katastrophe des 14. Jahrhunderts damals unmittelbar folgte: Wenige Jahre nach der Flut brach die Pest aus – der Schwarze Tod war in Europa die schwerste Seuchenwelle des vergangenen Jahrtausends. (dpa/fwt, BLZ)

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner