Ellen B. steht am Rand der Demonstration. Sie hält kein Plakat in der Hand, sondern einen Strauß blaue Gartenblumen. „Ich wohne im Nachbarhaus, direkt dort, wo es passiert ist“, sagt sie. „Ich bin fünf Minuten nach der Tat an dem Ort vorbeigegangen.“ Sie denke auch jetzt – einen Monat nach der Tat – noch daran, was wohl passiert wäre, wenn sie mit ihrem Hund etwas früher aus dem Haus gegangen wäre.
„Mein Hund ist groß, vielleicht hätte er Schlimmeres verhindert“, sagt sie. „Es ist ein seltsamer Gedanke, aber das kommt mir immer wieder in den Kopf.“ Die Stimmung im Kiez habe sich verändert.
Zu dem Gedenkmarsch hatte das Frauennetzwerk Zora aufgerufen
Vor einem Monat, am 29. April, wurde morgens gegen 10 Uhr Zohra Muhammad Gul getötet. Es war ein sonniger Freitagmorgen, als der Expartner der 31-Jährigen in der Mühlenstraße, Ecke Maximilianstraße auf sie einstach. Der 42-jährige Mann konnte festgenommen werden. Doch die sechsfache Mutter aus Afghanistan starb noch am Ort.
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Am Sonntag versammeln sich gegen 15 Uhr fast 200 Menschen am S-Bahnhof Pankow, um von dort noch einmal zum Ort der Tat zu laufen. Zu dem Gedenkmarsch hatte das Frauennetzwerk Zora aufgerufen. Es sind vor allem Frauen, die dem Aufruf gefolgt sind.
Immer wieder wird man auf der Straße als Frau angesprochen
Lea-Sophie K. ist mit ihrer Freundin gekommen, weil sie ebenfalls hier in Pankow wohnt, nur fünf Minuten vom Ort der Tat entfernt. „Eine Freundin von mir arbeitet in einem Café gleich neben dem Tatort“, sagt sie. „Wir hatten alle Angst um sie, als die Meldung vor einem Monat bekannt wurde.“ Lea-Sophie studiert Gender-Studies in Berlin und betont, dass dies eine Tat sei, die für sie auch mit Machtstrukturen in der Gesellschaft zu tun hat.
„Immer wieder wird man auf der Straße als Frau angesprochen, Männer denken immer noch, sie könnten sich sehr viel erlauben gegenüber weiblich gelesenen Menschen“, sagt sie.
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Lea-Sophie K. mit einer Freundin am Rand der Mahnwache für Zohra M.
© Sören Kittel
Solche Taten werden Femizide genannt
Auch die Organisatoren machen in kurzen Ansprachen immer wieder deutlich, dass sie mit dieser Veranstaltung auch auf ein größeres Problem hinweisen wollen: Jeden Tag erfährt mindestens eine Frau in Deutschland einmal Todesangst, jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand eines Mannes. Solche Taten werden auch als Femizide bezeichnet. „Meist hat diese Frau nichts anderes getan als Zohra, sie wollte sich von ihrem Mann trennen.“
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Sema T. arbeitet selbst beruflich mit Fällen von häuslicher Gewalt und findet es wichtig, dass öffentlich mehr darüber gesprochen wird. Die 48-Jährige ist dafür, dass mehr hingeschaut wird, sagt sie der Berliner Zeitung. „Das ist kein Einzelfall. Das kann ich mit Sicherheit sagen.“ Ihrer Meinung nach müsse es in Berlin mehr Schutzräume geben. „Frauen müssen ernster genommen werden, wenn sie Hilfe suchen, denn das war wohl hier auch ein Problem.“ Nach mehreren Reden setzt sich der Protestzug schließlich in Bewegung in Richtung des Tatortes.
Aktuell wird in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) überlegt, für die Ermordete einen Gedenkstein zu errichten. Die Anwohnerin Ellen B. würde sich darüber freuen.
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