Maximalismus

Opulentes 80s-Make-up liegt im Trend: Es darf wieder dick aufgetragen werden!

Nach Jahren des Clean-Girl-Looks wird Make-up wieder auffällig. Gucci, Saint Laurent und Chanel zeigen auf den Laufstegen kräftige Farben und starke Looks.

5 Min
Bella Hadid bei der Herbst-Winter-Schau 2026/27 von Saint Laurent in Paris.

Bella Hadid bei der Herbst-Winter-Schau 2026/27 von Saint Laurent in Paris.

© Jumeau Alexis/ imago

Jahrelang galt beim Schminken: Je weniger man es sieht, desto besser. Das Ideal der vergangenen Jahre war ein Gesicht, das frisch und gepflegt wirkt, aber möglichst ungeschminkt aussieht. Die Haut sollte strahlen – quasi von innen heraus, die Augenbrauen waren nur in Form gebürstet und auf den Lippen lag höchstens etwas Pflege.

Dazu trug man das Haar streng zurückgekämmt und zum straffen Knoten gebunden. In den sozialen Netzwerken hieß dieser Stil „Clean Girl“, und unzählige junge Frauen ahmten ihn nach. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Auf den Laufstegen dieser Saison wird wieder kräftig geschminkt – und dabei muss das Make-up nicht einmal perfekt sein.

Smokey Eye-Extrem: Für Guccis Frühjahr-Sommer-Schau 2027 verwischte Visagist Sam Visser leuchtendes Pink, Grün und Blau unter den Augen.

Smokey Eye-Extrem: Für Guccis Frühjahr-Sommer-Schau 2027 verwischte Visagist Sam Visser leuchtendes Pink, Grün und Blau unter den Augen.

© Gucci

Gucci: Der Lidschatten wird schön verschmiert

Am deutlichsten zeigt sich der Wandel bei Gucci. Dort entwirft inzwischen Demna Gvasalia, der zuvor viele Jahre das Modehaus Balenciaga geprägt hat und für einen unperfekten Look von der Straße steht. Für seine Herbst-Winter-Schau 2026 in Mailand zog der Visagist Sam Visser den Models schwarzen Kajal am oberen und unteren Wimpernrand entlang.

Anschließend verwischte er ihn mit dem Pinsel, mal kräftiger, mal zarter. Das Ergebnis wirkt rauchig und ein wenig mitgenommen, als käme man gerade von einer durchtanzten Nacht nach Hause.

Nicht nur Frauensache: Auch bei den männlichen Models setzte Gucci auf dunkel umrandete Augen.

Nicht nur Frauensache: Auch bei den männlichen Models setzte Gucci auf dunkel umrandete Augen.

© Gucci

Visser ist erst 26 Jahre alt, schminkt aber schon seit zehn Jahren professionell. Bekannt wurde er mit dekadenten, farbenfrohen Looks, die an die Kosmetikwerbung der Achtziger erinnern.

Bei Gucci wagt er von Schau zu Schau mehr: Zur jüngsten Schau für Frühling/Sommer 2027 kombinierte er tiefschwarz umrandete Augen mit grafischen Farbakzenten in Gelb und leuchtendem Blau.

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Saint Laurent: Der Lidstrich aus den Achtzigern

Wie sehr die Achtziger zurück sind, zeigte Saint Laurent in Paris. Für Herbst und Winter 2026/27 schminkte die britische Make-up-Künstlerin Pat McGrath die Lider der Laufstegmodelle in dunklen, gedeckten Tönen bis weit über den Brauenknochen und betonte sie mit einem dicken schwarzen Lidstrich.

Bei Saint Laurent erinnerte Makeup Artistin Pat McGrath an die Werbekampagnen des Hauses aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern.

Bei Saint Laurent erinnerte Makeup Artistin Pat McGrath an die Werbekampagnen des Hauses aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern.

© Jumeau Alexis/ imago

Auf die Lippen trug sie ein tiefes Weinrot auf, das schon fast ins Bräunliche überging. Damit spielen die Looks bewusst auf die Werbekampagnen des Hauses aus den späten Siebzigern und frühen Achtzigern an. Das Topmodel Bella Hadid lief mit tiefviolett geschminkten Lidern und ziegelrotem Mund über den Laufsteg: Großer Glamour, aber mit einer rauen, rebellischen Note.

Chanel und McQueen: Haarglanz wie poliertes Metall

Chanel setzte dagegen auf Glanz. Für die Pariser Schau der Herbst-Winter-Kollektion 2026/27 steckte der gefragte Hairstylist Duffy das Haar der Models zu glatten Hochsteckfrisuren im Stil der klassischen „Banane“. Darin arbeitete er Haarteile in Chromoptik ein, die aussahen wie mit Glitzer bestäubt.

Für die Herbst-Winter-Schau 2026/27 von Chanel arbeitete Hairstylist Duffy schimmernde Haarteile in Chromoptik in die Hochsteckfrisuren ein.

Für die Herbst-Winter-Schau 2026/27 von Chanel arbeitete Hairstylist Duffy schimmernde Haarteile in Chromoptik in die Hochsteckfrisuren ein.

© IMAGO/Castel Franck/ABACA

Dazu schimmerte Lavendel auf den Lidern, und die Lippen glänzten - passend zu den metallisch glitzernden Handtaschen. Für Chanel war das ungewöhnlich verspielt, denn sonst blieb das Haus beim Make-up meist eher zurückhaltend.

Noch weiter ging McQueen bei seiner Show für Frühling/Sommer 2026:  Friseur Anthony Turner formte das Haar zu skulpturalen Hörnern in Silber und Blau, irgendwo zwischen Punk und Science-Fiction. Visagist Daniel Sällström verwischte dazu Lidschatten in Lila- und Blautönen, die an Blutergüsse erinnerten.

Maximalistisches Make-Up: Warum gerade jetzt?

Dass das kräftige Make-up gerade jetzt zurückkehrt, ist kein Zufall. Es ist eine Gegenbewegung, und eine ihrer treibenden Kräfte ist die Visagistin Sophia Sinot. Sie schminkt die schwedische Popsängerin Zara Larsson. Deren Bühnen-Looks mit Strass, großzügig aufgetragenem Rouge und Glitzer finden in den sozialen Netzwerken viel Beachtung.

In der Modeszene gilt sie längst als die Frau, die dem Clean-Girl-Look ein Ende gesetzt hat. „Wir waren so lange in der Clean-Girl-Ära. Es ist Zeit, den Spaß am Make-up zurückzubringen“, sagte sie der skandinavischen Vogue bereits im November letzten Jahres.

Ihr Markenzeichen bleibt das Smokey Eye: Charli XCX bei den MTV Video Music Awards im September 2026 in Los Angeles.

Ihr Markenzeichen bleibt das Smokey Eye: Charli XCX bei den MTV Video Music Awards im September 2026 in Los Angeles.

© Xavier Collin/Imago

Erste Risse hatte das Clean-Girl-Ideal allerdings schon im Sommer 2024 bekommen. Damals erschien das Album „Brat“ der britischen Sängerin Charli xcx und wurde zum Soundtrack eines ganzen Sommers. Ihr Markenzeichen waren ein verwischter Lidstrich und ein bewusst „verlebter“ Look.

Heute wirbt sie für die Kosmetiklinie von Yves Saint Laurent. Was als Ausnahme begann, ist inzwischen ein messbarer Trend: Laut dem US-Trendforschungsunternehmen Trendalytics ist die Aufmerksamkeit für verwischtes, rauchiges Augen-Make-up in den sozialen Netzwerken um 80 Prozent gestiegen.

Übrigens: Mühelos war dieses „natürliche“ Aussehen nie. Hinter dem scheinbar ungeschminkten Gesicht steckten aufwendige Pflegerituale mit vielen Tiegeln und Seren. Man sollte viel Zeit und Geld investieren, und am Ende sollte niemand sehen, wie viel Arbeit darin steckte. Die eigentliche Kunst bestand darin, das Make-up zu verstecken.

Jetzt ist Make-up also wieder, was es lange nicht sein durfte: eine Ausdrucksform. Es kann etwas darüber aussagen, wie man sich fühlt, wofür man steht und wo man dazugehören möchte. Jahrelang sollten Gesichter aussehen wie aus einer retuschierten Werbung für Hautcreme. Da ist das verwischte Auge auch ein kleiner Akt der Befreiung.

Make-Up der 80eer: Zurück zur Unvollkommenheit

Kräftig auftragen heißt in dieser Saison nicht, makellos auftragen. Der neue Mut zum Make-up lebt vom Unfertigen: vom Fingerabdruck im Lidschatten und vom Kajal, der ein wenig zu stark aufgetragen ist. Und wer seinen bunten Kajalstift nie weggeworfen hat, ist jezt bestens vorbereitet.

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