Wenn sich Verleger einen Autor basteln könnten, so würde das Ergebnis ziemlich exakt auf Marc Levy hinauslaufen. Ein mittelgroßer Mann, dunkle Haare, männliche, aber sensible Züge. Vor Jahren hat er einmal Informatik studiert, nun ist er jedoch in der Lage, mit einem bis zwei Liebesromanen pro Jahr direkt in die Herzen der Leserschaft zu zielen. Seit Marc Levy vor zehn Jahren zufällig einen Roman veröffentlicht hat, führt er mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten an. Man kann Levy in über vierzig Sprachen lesen, weltweit hat er insgesamt siebzehn Millionen Bücher verkauft. Das Beste: Er ist Franzose, also durch Geburtsrecht ein Experte in romantischen Angelegenheiten. Außerdem ist er Weinkenner und Kosmopolit. Sein Verlag müsste ihm einen Tross von Bediensteten spendieren und Rosenblätter vor ihm ausstreuen. Kein französischer Autor ist im In- oder Ausland erfolgreicher als Marc Levy.Levy wird an diesem Abend im Hotel Brandenburger Hof zum Abendessen in kleiner Runde erwartet. Er ist gerade aus New York eingetroffen, seinem derzeitigen Wohnsitz. Was für ein Mann, fragt man sich mit Blick auf den noch leeren Stuhl in der Mitte des kleinen Speisesaals, schreibt Sätze wie diesen: "Es gibt Liebeskummer, den die Zeit nicht zu heilen vermag und der Narben auf dem Lächeln hinterlässt"?Auf Fotos sieht Levy mit seinem Dreitagebart wie ein verwegener Freizeitpilot aus, in Wirklichkeit, so zeigt sich, eher wie ein unauffälliger Universitätsdozent. Blass vor Müdigkeit sinkt Levy in seinen Stuhl, blickt irritiert auf eine mikroskopisch kleine Vorspeise, gibt sich einen Ruck, isst und steht für Gespräche zur Verfügung. Bald hält er einen bewegten Vortrag über die Immobilienpreise in Paris, London und New York. "Vergessen Sie London. Die Preise sind verrückt. Ich lebe jetzt übrigens sehr gerne in New York, Sie können da rumrennen wie ein Außerirdischer, niemanden schert es."Levy hat überall gewohnt, er hat auch in den verschiedensten Metiers gearbeitet, als Sanitäter, als IT-Pionier im Silicon Valley und als Geschäftsführer eines Architekturbüros in Paris. Der derzeit romantischste aller Romanciers ist dem Diesseitigen sehr verhaftet. In Interviews behält er sein iPhone im Blick, als könne von dort Erlösung kommen. Seit kurzem ist Levy wieder verheiratet, der Sohn aus erster Ehe lebt seit jeher bei ihm. "Für den Mann, der er sein wird, habe ich alle meine Romane geschrieben."Marc Levy ist erst Schriftsteller, seit er vierzig ist. Seine Schwester, eine Drehbuchautorin, hatte ihm geraten, das erste Manuskript einem Verlag anzubieten. Das Buch erschien und Steven Spielberg besorgte sich sofort die Filmrechte. "Solange Du da bist" erzählt von einem Mann, der in seinem Badezimmerschrank den Geist einer Koma-Patientin vorfindet und in Liebe zu der Kranken entbrennt. 2005 kam der Film in die Kinos, Levy hatte unterdessen weitergeschrieben: über ein Paar, das sich aus einem früheren Leben kennt, über zwei Agenten Gottes und des Teufels, die sich ineinander verlieben, über Liebende, die sich trennen und wiederfinden. Sein jüngster auf Deutsch erschienener Roman "All die ungesagten Worte" spielt zum Teil im Berlin zur Zeit des Mauerfalls. Wie in allen seiner Bücher gibt es hier zahlreiche hinterlassene Briefe, es gibt erstaunliche Zufälle und vor allem unglaublich viele Dialoge. Levys Figuren sind nur grobe Skizzen, die Seiten seiner Bücher enthalten jedoch viele tröstliche Sinnsprüche. Was er erzählt, lässt sich ohne große Umstände abfilmen und industriell weiterverarbeiten. "Ich behaupte nicht, dass ich Kunst mache, ich bin nur ein Handwerker", sagt Levy. "Für die Kritiker existiere ich gar nicht." Seine Art, sich humorvoll selbst herabzusetzen und sein anekdotisches Erzählen mag auf den Einfluss des Amerikanischen zurückzuführen sein. Zufrieden lächelnd, die Arme vor der Brust verschränkt, kommentiert er beim Abendessen die Zustände zwischen Paris und San Francisco. Levy ist zugänglich, offen und polyglott, eigentlich ganz das Gegenteil des Klischeefranzosen, den er äußerlich abgibt. Er ist längst eine globale Größe, eine supranationale Marke. Der französischen Lebensart hat er sich in gewisser Weise schon sehr entfernt. Dass irgendwann das Gerücht aufkam, er habe eine Affäre mit Cecilia Sarkozy, der Ex-Frau des Präsidenten, findet er nicht einmal aus Galanterie-Gründen schmeichelhaft. Ihn ärgern solche Geschichten. Er wisse auch genau, wie die Story entstanden sei. "Ein politischer Gegner hat sich die Sache ausgedacht, um Sarkozy während des Präsidentschaftswahlkampfs zu schaden. Ich habe der Frau ein einziges Mal bei einem Essen gegenübergesessen. Verrückt, oder? Die sollen mich mit solchem Quatsch in Ruhe lassen."Marc Levy hat kein Interesse an den heimatlichen Frontlinien. Er verbringt nur zwei Wochen im Jahr in Frankreich, der französische Literaturbetrieb mit seinen Eitelkeiten ist ihm egal und Paris geht ihm mit seinem übersteigerten Klassenbewusstsein auf die Nerven. "Die Leute werden immer bürgerlicher, und gleichzeitig immer unzivilisierter," sagt er.Der weltgewandte, literarisch amerikanisierte Levy verkörpert in gewisser Weise das globalisierte Gegenstück zu urfranzösischen Autoren wie Michel Houllebecq, der die Öffentlichkeit unter anderem mit dem illusionslosen Roman "Elementarteilchen" erschreckte. Während ein Houellebecq auf Interviewfragen stets in dumpfes Brüten verfällt, um dann immer neue Untergangsvisionen vom Stapel zu lassen, bedient Levy den Marketingapparat mit Charme und lässiger Routine. Vor allem aber bedient er das Bedürfnis nach Werten. Ist es ihm ernst mit der stetigen Beschwörung ewiger Liebe? "Ja, dafür wache ich jeden Morgen auf", sagt Levy ohne zu zögern. Houellebecq hatte Ende der neunziger Jahre noch wissen lassen, dass Liebe und Erotik den Marktgesetzen unterliegen wie jede andere Ware auch und dass die Menschen in unterschiedlichem Ausmaß sexuell depraviert seien. Levy schildert die monogame Liebe zwischen Mann und Frau so hingebungsvoll und idyllisch, als müsse er persönlich den gesellschaftlichen Scherbenhaufen in Ordnung bringen, den Skeptiker wie Houllebecq anrichten.Nur in einem einzigen seiner Bücher hat sich Levy eines ganz anderen Themas angenommen. Im Roman "Kinder der Hoffnung" erzählt er die Geschichte seines Vaters. Der Sohn jüdischer Eltern, die im Konzentrationslager umkommen, schließt sich der Résistance an, um gegen die deutschen Besatzer und die kollaborierende französische Miliz zu kämpfen. Levys Vater selbst hat über diese Vergangenheit nie zu seinen Kindern gesprochen. Eines Tages hieß es, die Familie sei zu einer Ordensverleihung eingeladen; so erfuhr Levy im Alter von 24 Jahren, dass sein Vater ein Held der Résistance war. Levy recherchierte die Geschichte selbst, denn sein Vater weigert sich bis heute, über jene Zeit zu sprechen.Ein französischer Schriftstellerkollege hat fast zur gleichen Zeit über ein anderes Kapitel des Nationalsozialismus geschrieben. Jonathan Littell schildert in seinem Roman "Die Wohlgesinnten" den deutschen Vernichtungsfeldzug in Osteuropa aus der Sicht eines Täters und löste damit heftige Diskussionen aus. Hat Levy das Buch gelesen? "Nein. Das heißt nicht, dass ich denke, es sei schlecht. Aber ich kann nicht tausend Seiten über menschlichen Abfall lesen. So bin ich nun einmal strukturiert."Menschenfreunde sind entwaffnend; vor allem wecken sie in einem weniger menschenfreundlichen Gegenüber stets ein anschwellendes Schuldbewusstsein. So ergeht es einem mit Marc Levy, der sich nun höflich für das Gespräch bedankt. Er muss an seinen Schreibtisch zurückkehren. In drei Wochen soll sein neuer Roman fertig sein. Bislang hat Levy ein Buch pro Jahr geschrieben, dieses Jahr sitzt er schon am zweiten Roman. Irgendwo in Paris muss ein Verleger sitzen, der sein Glück nicht fassen kann.------------------------------Foto: So etwas wie das globalisierte Gegenstück zu Michel Houellebecq: der Romantiker und Franzose Marc Levy.
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