Thüringen

Mario Voigt und Holger Friedrich in Ettersburg: Ostdeutschland ist der Seismograf

Mario Voigt hält wenig von der „Brandmauer“ und liest die OAZ. Ein Abend über mutlose Zukunftsdebatten, westdeutsche Verlustängste und den östlichen Erfahrungsschatz.

11 Min
Ettersburger Gespräch mit Mario Voigt und Holger Friedrich

Ettersburger Gespräch mit Mario Voigt und Holger Friedrich

© Oliver Müller/Berliner Zeitung

Im Gewehrsaal von Schloss Ettersburg bei Weimar, einem prestigeträchtigen Ort ostdeutscher Gesprächskultur, blieb am Dienstagabend kein Platz frei. Es musste nachbestuhlt werden. Hinten gingen die Fenster auf, damit wenigstens die Frühlingsluft der Weimarer Weiden und Hügel zirkulierte. Sauerstoffbeflügelt eröffnete Moderator Peter Krause den Abend mit rhetorischem Witz. Beim 370. Ettersburger Gespräch diskutierten der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt und der Verleger Holger Friedrich unter dem Motto „Was auf dem Spiel steht“.

Anlass war die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ), die Holger Friedrich seit Februar 2026 in Dresden herausgibt. Auch eine biografische Spitze ließ sich Krause nicht nehmen: Friedrich sei in Ost-Berlin direkt an der Mauer aufgewachsen – seine erste Traumatisierung. Der Saal lachte, das Eis war gebrochen.

Eine Lücke, so groß, dass keiner sie sah

Krause wollte von Friedrich wissen, wie es geschäftlich laufe – auch mit Blick auf die neue Zeitung. „Verblüffend gut“, antwortete Friedrich. Den auf zehn Monate kalkulierten Punkt, an dem sich das Projekt selbst trägt, habe man bereits am zehnten Tag erreicht. Die wöchentliche Druckauflage habe zweimal erhöht werden müssen; ein Drittel der Abos seien Print-Abos – was ihn selbst überrascht habe. Die gedruckte Zeitung sei in Ostdeutschland offenbar noch ein Kulturgut von Wert. Die OAZ habe nicht nur eine Lücke gefüllt, sondern eine, die so groß gewesen sei, dass alle sie übersehen hätten.

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Krause hielt mit nüchternen Branchenzahlen dagegen, erinnerte an prekäre Beschäftigungsverhältnisse im Journalismus und an die Krise der Zeitungsbranche. Wo Friedrich den Mut hernehme? Der Verleger verwies auf die Sanierung des Berliner Verlags und die Diskrepanz zwischen Medien- und Lebenswirklichkeit, die ihn überhaupt erst in die Branche getrieben habe. Der Anspruch sei, ein ostdeutsches Leitmedium zu werden.

Der Osten als Frühindikator

Mario Voigt zeigte sich offen unterstützend. Er finde es gut, dass es die OAZ gebe, denn der Osten sei ein Frühindikator für Veränderungen. Davon könne ganz Deutschland lernen. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden, sei mit Händen greifbar – ein Thema, das an der Zeit gewesen sei. Er sei der erste Thüringer Ministerpräsident, der mehr im vereinten als im geteilten Deutschland aufgewachsen sei. Er habe sich auch selbst ein Digital-Abo der OAZ zugelegt, damit er „Beobachtungen anstellen“ könne – ein Satz, der dem Publikum herzhaftes Lachen entlockte.

Friedrich räumte ein, die Zeitung sei nicht aus einer Herzensangelegenheit heraus entstanden, sondern als Reaktion auf den Umgang mit dem Osten. Der sei über Jahrzehnte vor allem als Problemfall betrachtet worden – das habe ihn motiviert. Sein verlegerisches Selbstverständnis sei dabei nicht destruktiv, sondern progressiv, konstruktiv und kooperativ.

Voigt merkte an: Immerhin habe Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer das erste große OAZ-Interview bekommen. Mit einem Augenzwinkern ließ er erkennen, dass auch er gegen ein solches Interview nichts einzuwenden hätte.

Medien inzestuös? Zu viel Politikernähe?

Der Moderator fragte, ob die Medienlandschaft „inzestuös“ geworden sei. Voigt wies den Begriff zurück, sprach aber von einer verfestigten Dominanz und einer Repräsentanz-Lücke – nicht nur in Verlagen, sondern auch in der Wissenschaft und auf der Führungsebene der Unternehmen. Entsprechend sei in den vergangenen Jahren über den Osten berichtet worden.

Lange habe man unterschätzt, was der Osten zur deutschen Erzählung beitragen könne, so Voigt. Im westdeutschen Oberkochen habe er erlebt, wie groß die Sorge über den angekündigten Bosch-Stellenabbau von 13.000 Arbeitsplätzen gewesen sei. Als er angemerkt habe, dass der Osten mit solchen Umbrüchen seit 35 Jahren vertraut sei, habe er in große Augen geschaut.

Friedrich machte daraus eine weitergehende Medienkritik. Politik und Medien müssten stärker getrennt sein. Über staatsnahe NGOs gerieten Journalisten in finanzielle Abhängigkeiten; dann gelte schnell: „Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing.“ Ostdeutschland sei eher Opfer als Täter, weil Probleme im Osten regelmäßig überzeichnet würden. Erst werde problematisiert, dann würden die passenden Budgets organisiert.

„Drei Journalisten aus dem Westen diskutieren über den Osten“

Während bei der Parteienfinanzierung ab 10.000 Euro Transparenz gelte, könne man bei NGOs in zwei Schritten Millionenbeträge platzieren, völlig legal. Friedrichs Medienholding nehme deshalb kein Geld von niemandem, außer von der Kundschaft.

Laut Voigt sei noch etwas anderes bemerkenswert. Den demografischen Schock habe zuerst der Osten erfahren, die wirtschaftlichen Erschütterungen ebenso. Auch die gesellschaftlichen Debatten habe man dort zuerst geführt, und zwar seit Jahren. Dann sei das zum gesamtdeutschen Thema geworden, nachdem Rheinland-Pfalz und andere Westländer es auch erkannt hätten.

Anekdotisch erinnerte Friedrich daran, wie kürzlich bei „Maischberger“ drei Journalisten aus dem Westen über den Osten diskutiert hätten. Voigt nickte. Der Osten sei dennoch ein Chancenraum, und ja, auch er spiele in bestimmten Runden bewusst die Ossi-Karte, was er schräg finde – es zeige aber, wie sehr das Thema noch da sei.

„Der Westen hat die Freiheit geschenkt bekommen“

Grinsend zitierte Krause die Verrisse, die die OAZ seitens etablierter Medienhäuser einkassiert hat, ob Deutschlandfunk, NZZ, SZ, taz oder FAZ: ostidentitäres Projekt, Putinismus, Kremlnähe, Querdenker-Quark, Mogelpackung. Mario Voigt zuckte demonstrativ mit den Schultern. Wer Meinungspluralismus einfordere, müsse so etwas aushalten. Im Übrigen sitze man nun hier, und der Erfolg gebe Friedrich recht. Friedrich nutzte die Steilvorlage für einen Werbeblock und empfahl, die App herunterzuladen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Voigt setzte daraufhin einen jener Sätze, an denen er das Gespräch immer wieder festmachte. Der Westen habe 1945 die Freiheitsordnung geschenkt bekommen, der Osten habe sie sich 1989 erkämpft, und zwar von einem Staat, der noch existierte.

Friedrich drehte den Punkt in Richtung Stilkritik. Es gehe um Arroganz, Respektlosigkeit und Augenhöhe. Wenn man innerdeutsch so agiere, wie wolle man dann mit den Veränderungen international umgehen, mit China, mit Zentralasien? Deutschland sei in einer perfekten Trainingssituation – aber aktuell nicht gut genug für die Herausforderungen, vor denen es stehe.

Friedrichs Abrechnung mit Merz

Schärfer wurde er, als das Gespräch auf den Bundeskanzler kam. Es gehe ihm ausdrücklich darum, die Selbstbedienungsmentalität in der Politik anzuprangern. Vor der Wahl hat Friedrich Merz Haushaltsdisziplin gepredigt, nach der Wahl aber die größte Neuverschuldung der Bundesrepublik auf den Weg gebracht. Er bleibe bei seinem in der Vergangenheit geäußerten Satz, so Friedrich: Selten sei in der deutschen Geschichte die Kluft zwischen Wahlversprechen und Regierungsrealität derart eklatant gewesen wie nach der Bundestagswahl 2025.

Statt eine „Verschuldungsorgie“ loszutreten, müsse die Politik darüber sprechen, wie sich Leistungsträger dazu motivieren ließen, schneller mehr Wohlstand zu schaffen. Sein Fazit fiel entsprechend hart aus: Die Debatten in der Politik seien nicht ehrlich, die in den Medien nicht energisch genug.

Voigt richtete seine Kritik gegen den Journalismus selbst. Was ihn daran störe, sei die zunehmende Vermengung von Meinung und Faktendarstellung. „Wir Journalisten sind klüger“ – genau diese Haltung sei Teil des Problems.

Auch die 1000-Euro-Hilfe, so fügte er mit Blick auf die aktuelle Debatte hinzu, sei alles andere als eine gute Idee. Gerade daraus leite sich für die OAZ ein besonderer Anspruch ab. Fakten müssten wieder als Fakten behandelt werden – nicht als bloße Interpretationsangebote. Viele Menschen wüssten nicht mehr, was eigentlich Sache sei.

Gespräch auf Schloss Ettersburg

Gespräch auf Schloss Ettersburg

© Oliver Müller/Berliner Zeitung

Bei einem Treffen mit 15 Unternehmern im Elbsandsteingebirge, berichtete Friedrich, sei „kein Nazi“ am Tisch gewesen, dafür aber die durchgängige Klage über Verantwortungslosigkeit in den Verwaltungen und überbordende Regulation. Das Sentiment dabei: Die uns umgebenden Strukturen unterstützen die Anforderungen nicht mehr. Westdeutsche Unternehmer sagten ihm, der Osten möge bitte den Reformlauf machen, den der Westen nicht in den Griff bekomme – „macht ihr im Osten Tremolo, hier im Westen haben alle Verlustangst“.

Voigts Antwort: Sein Prinzip Nummer eins laute, nicht zu sagen, wie es nicht gehe, sondern aufzuzeigen, wie es gehen könnte. Sein Motto sei das Verliebtsein ins Gelingen. Thüringen werde wie Estland innerhalb der nächsten zwei Jahre den ersten konsequent digitalen Verwaltungsweg eines Bundeslandes gehen.

Friedrich konterte süffisant: Die Esten seien mittlerweile outdated, viel besser sei die Ukraine. Dort sei eine digitale Infrastruktur in drei Monaten fertig, und sie funktioniere sogar, wenn die Russen kämen.

Der Staat, so räumte Voigt ein, sei freilich auch zum Chef des Mikromanagements geworden. Seine Botschaft war, dass es erstmals seit zehn Jahren im Doppelhaushalt keine neuen Stellen geben werde. Zudem seien 4000 unbesetzte Stellen eingesammelt worden. Mit 25 Stellen pro 1000 Einwohner habe Thüringen den zweithöchsten Personalschlüssel aller Länder. Wenn Bayern für dieselben Dienstleistungen mit 18 Stellen auskomme, müsse Thüringen zumindest ansatzweise dahin kommen. Lacher und Applaus.

„Dieselbe Hochnäsigkeit“

Krause fragte, ob das Thema Ost und West nicht längst erledigt sei. Friedrich und Voigt widersprachen beide und verwiesen auf Steffen Mau und Dirk Oschmann. Offenbar breche sich ein ostdeutscher Anspruch Bahn, endlich mit Lebensleistung und Lebenswirklichkeit wahrgenommen zu werden. Auf die Frage, warum sich viele so schwer täten, ostdeutsche Lebensleistungen anzuerkennen, entgegnete Friedrich, die alte Bundesrepublik habe den Kalten Krieg gewonnen – „herzlichen Glückwunsch“ –, doch diese Erzählung sei fast vierzig Jahre alt. Die Welt sei längst eine andere. Viele Westdeutsche wollten sich ihr Bild der heilen Welt aber nicht nehmen lassen.

Voigt widersprach. Gerade darin liege jene Hochnäsigkeit und Respektlosigkeit, die man zuvor kritisiert habe. 1990 habe sich fast jeder Ostdeutsche neu erfinden müssen. Der Osten sei kein Problem, sondern ein Erfahrungsraum. Zustimmung im Publikum bekam sein Hinweis, dass fast jeder Ostdeutsche im Westen gewesen sei, aber längst nicht jeder Westdeutsche im Osten.

„Wir können uns noch gemeinsam steigern“

Friedrich erinnerte an die Wiedervereinigungsfeier im Saarland, bei der kein einziger Ostdeutscher auf der Bühne gestanden habe. Wichtiger sei aber die Frage, wie man das Potenzial des Ostens wirtschaftlich ausspiele. Warum nicht die Welt nach Ostdeutschland einladen, anstatt zuzusehen, wie sich Shenzhen und Dubai an einer Imitation Europas versuchten? In Kamenz habe er kürzlich mit einem chinesischen Batteriezellen-Ingenieur gefrühstückt – das sei der Maßstab.

Voigt verwies auf die Auslandskontakte seiner Regierung, etwa die erste Reise nach Israel mit der Folge mehrerer Investitionen oder eine Wirtschaftsdelegation nach Indien im Juni. Thüringen müsse einfach schneller laufen. Wenn Deutschland einen Euro verdiene, verdiene Thüringen 82 Cent; im Lohn liege man 15 bis 20 Prozent hinter dem Westen. Sein Job sei, dafür zu sorgen, dass Thüringen in fünf bis zehn Jahren besser sei als Bayern.

Friedrich nutzte die Vorlage für den nächsten Werbeblock: So wie Bayern seine Süddeutsche habe, habe Thüringen jetzt die Ostdeutsche. Voigt konterte, er habe in der Berliner Zeitung nachgeschaut und sich gewundert, wie selten dort Thüringen vorkomme – sie beide könnten sich also noch gemeinsam steigern.

Beim gebrochenen Aufstiegsversprechen wurde Friedrich grundsätzlich. Wer heute mit 25 von der Universität komme, sagte er, lande nicht mehr selbstverständlich in Deutschland. Er sehe ein tiefes Ungleichgewicht zwischen Generationenvertrag und staatlicher Übergriffigkeit.

Deutschland hat kein attraktives Zukunftsbild

Die Jüngeren stimmten längst mit den Füßen ab. Merz hätte, so Friedrich, mit 70 die Gelegenheit gehabt, aufzuräumen und der nächsten Generation einen soliden Haushalt zu hinterlassen. Stattdessen wird schon über eine zweite Amtszeit gesprochen. Sein Satz, Herr Merz möge sich opfern, sorgte für großen Applaus.

Voigt widersprach. Er kenne Belgien, die USA und Asien, und so schlimm sei es hier nicht. Ostdeutschland werde oft zur Projektionsfläche familiärer Erzählungen gemacht. Entscheidend sei etwas anderes. Deutschland habe kein attraktives Zukunftsbild. In einem Land, das am Status quo festhalte, suche man Halt, während die Welt sich mit Wucht verändere.

Was eigentlich die ostdeutschen Befindlichkeiten ausmache, wollte Krause wissen. Friedrich nannte die drei Versprechen, die für ihn den Westen einst attraktiv gemacht hätten: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Wohlstand. Die dürften nur nicht als gottgegeben vorausgesetzt werden.

Voigt sah eine ostdeutsche Stärke darin, dass die Menschen, egal welchen Alters, schon einmal erlebt hätten, dass ein System scheitern könne. Das schaffe eine Form von Feinfühligkeit, die im Westen nicht vorstellbar sei. Aktuell merke man das an der hochgradig dysfunktionalen Energiepolitik.

Schloss Ettersburg bei Weimar

Schloss Ettersburg bei Weimar

© Alexander Dergay/Berliner Zeitung

Brandmauer? Die Mitte muss liefern!

Beim Thema Brandmauer zog Friedrich klare Linien. Eine Brandmauer im eigentlichen Sinne gebe es für die OAZ nicht, denn die Grenze verlaufe beim Extremismus oder bei der Gewaltanwendung, egal von welcher Seite. Die Mitte müsse liefern, das tue sie aktuell aber nicht. Wieder Applaus.

Voigt wies den Begriff der „Brandmauer“ zurück. Er halte ihn für unpräzise und politisch wenig hilfreich. Er verwies darauf, dass der Begriff ursprünglich aus der inneren AfD-Debatte stamme und von Frauke Petry ins Feld geführt worden sei, um Extremisten in der eigenen Partei auszugrenzen. Für ihn tauge diese Chiffre dennoch nicht.

Politik brauche keinen Schlagwortgebrauch, sondern einen klaren Kompass, mit wem Zusammenarbeit möglich sei und mit wem nicht. Er selbst habe sich, so Voigt, nie vor der offenen Auseinandersetzung mit Björn Höcke gedrückt. Beifall aus bestimmten Kreisen habe ihm das allerdings nicht eingebracht.

Auf die Praxis im einzigen thüringischen Landkreis mit AfD-Landrat angesprochen, fragte Voigt ins Publikum, welcher Landkreis denn noch keinen einzigen Migranten zurückgeführt habe – die Antwort überlasse er der Fantasie der Anwesenden. Politik zu imitieren, löse keine Probleme. Man wolle weg von den Überschriften und hin zu konkreter Politik – und den Rattenfängern nicht hinterherlaufen. Großer Applaus.

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