Das Horn blieb zurück, das Mundstück auch und erst recht die Noten. Wären sie in dem Rucksack von Markus Rindt gefunden worden, hätten die Grenzer sofort Verdacht geschöpft. Es ist der 3. Oktober 1989. Die Republik ist in Aufruhr. Seit einem Monat gibt es Montagsdemos, erst in Leipzig, dann auch in anderen Städten. „Wir sind das Volk“, schallt es durch die abendlichen Straßen. Ungarn hat seine Grenzen zu Österreich längst geöffnet, und auf dem Gelände der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag sammeln sich Tausende Ausreisewillige.
Einer von ihnen ist an jenem 3. Oktober auch Markus Rindt. Der Wetterbericht verspricht ruhiges Herbstwetter bei 12 bis 14 Grad tagsüber. Er und seine damalige Freundin packen ihre Rucksäcke. Isomatten, Schlafsäcke, ein Campingkocher und etliche Tütensuppen werden verstaut. Alles, was man so braucht für einen Ausflug in die Sächsisch-Böhmische Schweiz. Heinz Rindt, der Vater, fährt die beiden jungen Leute in seinem Skoda Richtung Bad Schandau kurz vor die Grenze zur damaligen Tschechoslowakei.
Inmitten des großen Kartenstapels im Handschuhfach versteckte sich auch eine Karte von der ungarischen Grenze. Hier verläuft auf einigen wenigen Kilometern der Fluss Theiß zwischen den beiden Staaten. Er ist das Ziel des jungen Pärchens. Hier wollen sie nach Ungarn schwimmen, ihre Rucksäcke auf einer Luftmatratze vor sich herschiebend. 80 Meter bis in die Freiheit.
Doch die erste Hürde ist die Grenze. „Wir wurden durchsucht bis in die letzte Ecke unserer Rucksäcke“, erinnert sich Markus Rindt. Die Grenzer haben die Schlafsäcke geröntgt und selbst das kleine Reiseschachspiel auseinandergebaut. Zur gleichen Zeit fuhr Markus’ Vater nahezu unbehelligt über die Grenze. In Hřensko, dem ersten Ort in Tschechien, trafen sich die drei – wie vereinbart – wieder. Und es gab eine neue Schrecksekunde. „In dem Moment, als wir ins Auto einsteigen wollten, sprang ein Grenzer aus dem Gebüsch. Ich dachte, das war’s jetzt“, erzählt Markus Rindt. Er sehe seinem Vater zum Verwechseln ähnlich. Die Geschichte, dass hier ein DDR-Bürger ein junges, trampendes, ihm unbekanntes Pärchen mitnimmt, drohte zu platzen.
Das Foto zeigt Markus Rindt bei der Einfahrt des Sonderzuges am 5. Oktober im Bahnhof in Hof. Er steht, etwas zurückgesetzt, am mittleren Fenster und trägt einen beigefarbenen Pullover.
© privat
Doch der Grenzer kontrollierte nur die Papiere des Vaters und ließ die drei ziehen. Bis Mělník ging die Fahrt, dann musste Heinz Rindt umkehren. Er hatte noch am selben Tag ein Schülerkonzert im Kulturpalast in Dresden. Sein Sohn Markus hatte sich bei den Landesbühnen in Radebeul Urlaub erbeten. Er wolle eine mehrtägige Radtour machen, so seine Begründung.
Von Mělník ging es für Markus Rindt und seine Freundin weiter nach Prag. „Mein Vater hatte mir das Versprechen abgenommen, es über die Prager Botschaft zu versuchen und nicht über den Grenzfluss Theiß“, sagt der Musiker. Er löste sein Versprechen ein und kam in einer Stadt an, in der auffallend viele Touristen mit großen, schweren Koffern unterwegs waren. Die Menschenmenge bewegte sich größtenteils schweigend durch die Stadt und vor den Stadtplänen bildeten sich große Trauben. Alle hatten das gleiche Ziel, doch keiner wagte, darüber zu sprechen, gar nach dem Weg zu fragen.
Front von Maschinengewehren
„Wir begegneten einer kleinen Reisegruppe, die hörbar aus Bayern kam“, erzählt Markus Rindt. Er traute sich und fragte nach dem Weg zur Botschaft der BRD. Sie halfen ihnen und spätestens ab der Karlsbrücke war die Route nicht mehr zu verfehlen. Wie Besucher nach dem Ende eines Fußballspiels aus dem Stadion strömen, wälzte sich die Menschenmenge über die Karlsbrücke und durch das Viertel Malá Strana in Richtung des Klosters Strahov.
Irgendwann ging nichts mehr. Die Menschenmenge kam zum Stehen. Er sah sich einer Reihe von tschechischen Polizisten gegenüber, das Maschinengewehr schräg vor die Brust gelegt. Irgendwann ging ein Mann mit seiner Frau und den beiden Kindern auf die Männer zu. „Wir hielten den Atem an“, erinnert sich Rindt, der heute Intendant der Dresdner Sinfoniker ist. Ein Orchester, das es ohne die Wende vielleicht gar nicht gäbe.
Die Polizisten gingen zur Seite und ließen die Familie durch. Das war der Startschuss. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung Richtung Botschaft. Dort war wenige Tage zuvor, am Abend des 30. September 1989, Außenminister Hans-Dietrich Genscher vor die Tausenden Ausreisewilligen getreten. Vom Balkon des Palais Lobkowicz sprach er die berühmten Worte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Das Ende des Satzes ging im Jubel unter. Noch in der Nacht zum 1. Oktober wurden die Flüchtlinge mit Bussen und Zügen ins bayerische Hof gebracht. „Die SED wollte einfach Ruhe haben vor dem Republikgeburtstag am 7. Oktober“, ist sich Markus Rindt sicher.
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Doch binnen anderthalb Tagen hatten sich das Gebäude der Botschaft und der umliegende Park schon wieder mit Tausenden Flüchtlingen gefüllt – und es wurden immer mehr. „Für uns war klar, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten konnte. Zumal uns die Nachricht erreicht hat, dass das Gelände um die Botschaft und die Straßen mittlerweile eingezäunt worden war“, so der Musiker. Die tschechischen Behörden wollten so einen weiteren Zustrom verhindern.
Markus Rindt und seine Freundin versuchten, in einem der kleinen Läden innerhalb der abgesperrten Zone etwas zu essen zu besorgen. Die Regale waren fast leer. Aber eine Flasche Bohemia Sekt habe man noch bekommen, sagt Markus Rindt. Danach ging es wieder auf die Straße und zur Verrichtung der Notdurft in eines der vielen Privathäuser. In den Treppenhäusern standen lange Schlangen von Menschen. „Die Prager waren unglaublich gastfreundlich, die haben uns einfach so in ihre Wohnungen gelassen“, so Markus Rindt.
Ihm und all den anderen blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Die Stimmung war gut. Nur einmal wurde es laut, als auf dem Dach gegenüber der Botschaft ein Fotograf mit einem Teleobjektiv auftauchte und die Menschen unten fotografierte. „Jeder dachte natürlich sofort an die Stasi“, sagt Rindt. Und als der Mann das Haus verlassen wollte, wurde er aufgehalten und man zerrte ihm den Film aus der Kamera. Danach war wieder Ruhe.
Besonders still wurde es zu jeder halben und vollen Stunde, immer dann, wenn aus den verteilten Kofferradios die Nachrichten schallten. Bereits am späten Nachmittag hatte der Deutschlandfunk verkündet, dass die DDR ihre Grenzen zur Tschechoslowakei geschlossen hat. Dann kamen die 17-Uhr-Nachrichten. Sie waren fast schon vorbei, als der Sprecher in einem Nachsatz verkündete, die 10.000 DDR-Bürger, die sich in und vor der Deutschen Botschaft in Prag befinden, dürften ausreisen. „Es war ein unglaublicher Jubel auf dem Gelände und um Sekunden zeitverzögert auch im Inneren der Botschaft zu hören“, erinnert sich Markus Rindt.
Ausreise als „kriminelles Element“
Mit dieser Nachricht wurden die Republikflüchtlinge in die Nacht geschickt. Es war kalt, gerade einmal fünf Grad über null zeigte das Thermometer. Markus Rindt und seine Freundin kuschelten sich in ihre Schlafsäcke. „Ob ich in der Nacht überhaupt ein Auge zugemacht habe, kann ich nicht sagen“, so Rindt. Er sah andere Familien, die nicht mehr als ihre Kleidung hatten, frieren. Irgendwann kam das Rote Kreuz, brachte Decken und heißen Tee.
Der nächste Morgen begann mit Warten. Ein Gefühlskarussell zwischen Hoffen und Bangen, das sich bis in den Abend hineinzog. Denn erst gegen 20 Uhr setzte sich der Tross in Richtung Karlsbrücke in Bewegung. Es sei eine ziemliche Drängelei gewesen. Jeder wollte der Erste sein aus Angst, den Zug in die Freiheit zu verpassen. Dort, wo einen Tag zuvor der Vater mit seiner Familie auf die tschechischen Polizisten zugegangen war, stand jetzt ein von Zäunen umgrenzter Kontrollposten. „Hier mussten wir alle unsere Ausweise vorzeigen“, erinnert sich Markus Rindt. Danach ging es zu den Bussen, die die Flüchtlinge zum Bahnhof Prag-Libeň brachten. Von hier fuhren die Sonderzüge – über das Staatsgebiet der DDR – nach Hof.
Es waren die Waggons der Reichsbahn. „Hier roch alles nach DDR“, sagt Markus Rindt. Und immer wieder tauchte der Gedanke auf, dass ja doch noch alles schiefgehen könnte. Was, wenn die Züge eben nicht nach Hof fuhren? Mitarbeiter der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland waren an Bord und versuchten, die Menschen mit den Worten „Keine Sorge, Sie befinden sich bereits in den Zügen auf dem Territorium der BRD“ zu beruhigen. Dann begann die Fahrt, zurück in Richtung DDR. Doch sie endete abrupt in Děčín. Dort stand der Zug. Über Stunden. Die Durchfahrt der Flüchtlingszüge hatte sich herumgesprochen. Tausende Menschen standen auf den Gleisen am Dresdner Hauptbahnhof, es kam zu Rangeleien, Sachbeschädigungen und mehreren hundert Festnahmen.
„Es war ein totaler Fehler der Regierung, die Züge durch die DDR fahren zu lassen“, sagt Markus Rindt. Aber das System wollte die Entscheidungsgewalt, wer wann und wie die Deutsche Demokratische Republik verlässt. In der Aktuellen Kamera war dann auch von der „Ausweisung von Tausenden kriminellen Elementen“ die Rede.
Gegen Mitternacht setzte sich der Zug in Bewegung. Er fuhr extrem langsam. Draußen war es stockdunkel. „Als wir in Dresden die Elbe überquerten und die unbeleuchtete Silhouette der Stadt vor uns sahen, holte ich den Bohemia Sekt hervor. Wir haben die Flasche geöffnet und im Abteil herumgehen lassen – quasi als Abschied von Dresden“, erzählt Markus Rindt.
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Der Zug fuhr durch den Bahnhof Dresden-Neustadt, immer noch erschreckend langsam. Es waren nirgends Menschen zu sehen, nur Polizisten mit Hunden. „Ich war unglaublich müde“, erinnert sich der Musiker. Doch an Schlaf war nicht zu denken.
Hinter der tschechischen Grenze war die Stasi zugestiegen. Finster dreinschauende Menschen, die im Kommandoton den Ausweis der Reisenden verlangten und einsammelten. Man sei angewiesen worden, die Herren nicht zu provozieren, sagt Markus Rindt. Es habe in einem der ersten Flüchtlingszüge wohl unschöne Szenen gegeben.
Der Grenzbahnhof in Gutenfürst war durch Flutlichter taghell erleuchtet. Auf dem Bahnsteig lagen Unmengen von Schlüsseln und Münzen. Nach einer Weile setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Markus Rindt schaute mit größter Anstrengung aus dem Fenster in die tiefschwarze Nacht. Sind wir schon drüben? Die Räder holperten gleichmäßig über die Schienen. Irgendwann hatte einer der Reisenden eine Idee. Im Westen müssten die Schienen ja deutlich besser sein. Man stellte also eine Zigarette hochkant auf den Sprelacart-Tisch. Wenn sie nicht mehr umfiel, war man im Westen – so die Theorie. In der Praxis rollte die Rauchware immer wieder über die Kunststoffplatte und sorgte für Enttäuschung.
Aber irgendwann auf der Strecke nach Hof sah Markus Rindt an einem Bahnübergang Autos stehen. Es waren keine Trabis und Wartburgs, sondern Audis, Golfs und Mercedes. „Da war für mich klar, wir haben es geschafft“, so Rindt.
In Hof wurden die Züge aus Prag von Tausenden Menschen jubelnd empfangen. Anschließend wurden die Züge von dort aus zu verschiedenen Auffanglagern in der Bundesrepublik weitergeleitet. „Wir landeten schließlich in Alsfeld“, so Markus Rindt.
Er erinnert sich noch an ein riesiges Buffet mit Leckereien und Südfrüchten. „So was hatte ich zuvor noch nie gesehen“, sagt Rindt und wird nachdenklich. Es war eine Willkommenskultur, die so nicht selbstverständlich war. „Man hätte uns auch als Bedrohung wahrnehmen können.“ Stattdessen ging es in ein DRK-Lager voller Kleidung. Jeder konnte sich nehmen, was er brauchte, und auf dem Gelände des Auffanglagers befand sich ein kleiner Supermarkt, in dem sich die DDR-Bürger versorgen konnten. „Ganz ohne Geld, denn wir hatten ja keins“, so Markus Rindt.
Drohende Exmatrikulation
Seine Freundin hatte unterdessen ihre Eltern informiert. Die stammten aus Radebeul, waren 1988 von einem Besuch bei Verwandten nicht in die DDR zurückgekehrt. „Wir wohnten in deren Mietwohnung in einer Villa in Radebeul, was zu DDR-Zeiten für unsere Altersgenossen absoluter Luxus war. Dazu gab es noch ein Ferienhaus im Erzgebirge und trotzdem war klar: Wir wollen weg.“ Auch, weil seine Freundin nach der Flucht ihrer Eltern ständig zum Verhör bei der Stasi vorgeladen wurde. Ihre Eltern gehörten zur Bildungselite. Sie haben zahlreiche große Bauprojekte mitbetreut, unter anderem die Semperoper in Dresden. In Köln haben sie sehr schnell wieder einen Job gefunden, erklärt Markus Rindt die Vorgeschichte.
Seine damalige Freundin wollte einen Ausreiseantrag stellen. „Aber im Sommer sind wir in die Ferien nach Rumänien und Ungarn gefahren, haben uns in Budapest mit ihren Eltern getroffen und die wollten uns am liebsten gleich mitnehmen“, erzählt der 59-Jährige. Es habe mehrere Optionen gegeben. Die Flucht im Kofferraum. Das Schwimmen über die Donau, die allerdings eine starke Strömung hat. Dafür gab es die Versicherung, dass die serbischen Grenzer entweder sehr schlecht schießen können oder absichtlich daneben treffen.
Das sei ihm alles zu risikoreich gewesen und so fuhr das junge Paar im Sommer 1989 erst einmal wieder zurück nach Dresden. Auch weil Rindt als Solohornist gebraucht wurde und er seine Musikerkollegen an den Landesbühnen Sachsen in Radebeul nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Hier spielte Markus Rindt neben seinem Studium an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, um sich damit seine Ausbildung am Horn zu finanzieren.
Denn am 1. Mai 1988 war er in Ungnade gefallen. Beim Umzug zum Tag der Arbeit spielten die jungen Musiker. Der Zug führte vom Elbufer über den Postplatz und die damalige Ernst-Thälmann-Straße, die heute Wilsdruffer Straße heißt. Dort stand auch die Bühne mit den Funktionären. Schon auf dem Weg dorthin gaben sich die Musiker große Mühe, die Töne nicht zu treffen. Die Marschmusik wurde im Walzertakt gespielt und umgekehrt. „Es war ein riesiger Spaß und keiner dachte an die Konsequenzen“, sagt Markus Rindt.
Die gab es aber, nämlich einen Tag später bei sehr ernsten Gesprächen in der Hochschule und der Androhung, dass er als Rädelsführer von der Schule fliegen würde. Sein Lehrer Professor Peter Damm habe ihn vor der Exmatrikulation bewahrt, so Rindt heute. Eine Strafe gab es trotzdem. Er musste sein Studium selbst bezahlen und verdiente sich das Geld an den Landesbühnen Sachsen.
Im Sommer 1988 war er in diesem Orchester engagiert worden. Als Hornist bekam man damals leicht eine Stelle, weil zu wenige das Instrument spielten. Dabei hat er, Sohn eines Konzertmeisters und einer Sängerin, im Alter von sechs Jahren zunächst Klavier gelernt. Weil die Konkurrenz bei der Aufnahmeprüfung an der Hochschule aber besonders groß war, riet man ihm zum Horn.
Markus Rindt kam also aus den Sommerferien zurück, um sein Examen noch abschließen zu können. Doch der Kommilitone, mit dem er das Programm vorbereitet hatte, war nicht ganz so dienstbeflissen. Er war über den Sommer in den Westen geflohen und hatte die Noten mitgenommen. Markus Rindt sagte die Prüfung also ab.
Mit einem Horn kam er erst in Köln wieder in Berührung. Er und seine damalige Freundin reisten zu deren Eltern. Und an der Musikhochschule dort wollte Rindt auch seinen Studienabschluss machen. Doch so einfach war das nicht. Er verlängerte das Studium, quasi als Aufbaustudium. Das Horn bekam er von einem Schüler von Professor Erich Penzel, der nach einem Vorspiel auf dem geliehenen Horn das Talent von Markus Rindt sofort erkannte.
Üben im Wald
In Köln lernte Rindt den internationalen Konkurrenzdruck kennen. Bei einem Probespiel für eine Orchesterstelle gab es nicht drei (wie in der DDR), sondern dreißig Mitbewerber. Gut bezahlte Stellen in den Orchestern waren knapp und zum Üben für das Vorspiel bei Professor Penzel musste er erstmal in den Wald, weil sich das in einer Mietwohnung nicht ziemte. Seine Eltern in Dresden traf er kurz nach der Grenzöffnung. Das Wiedersehen war so tränenreich wie der Abschied Anfang Oktober.
1996 war es das Tom-Waits-Musical „Black Rider“ am Staatsschauspiel Dresden, das Markus Rindt zurück in die Heimat brachte. Er kam und blieb, gründete noch im selben Jahr gemeinsam mit dem Komponisten, Musiker und Schlagzeuger Sven Helbig die Dresdner Sinfoniker – eines der experimentierfreudigsten Orchester Deutschlands, das mittlerweile seit fast 30 Jahren existiert.
Das Thema Grenzen, das lässt Markus Rindt bis heute nicht los. Er wünscht sich eine Welt ohne Mauern und hat mit der Musik eine Sprache gefunden, die sie überwindet, über alle Kulturen hinweg. Im November werden, wenn die Sicherheitslage es zulässt, die Dresdner Sinfoniker mit saudischen Musikern in Saudi-Arabien auftreten. Und im Juni 2027 wird die Europasinfonie Premiere haben, eines der größten Projekte bisher. Zwölf über Europa verteilte Ensembles verbinden sich live mit den Streichern und dem Dirigenten in Dresden zu einem einzigen Orchester und führen gemeinsam ein eigens dafür komponiertes Programm auf.
Es sei schon so, wie Bundespräsident Walter Steinmeier gesagt habe: „Kultur ist ein Schlüssel. Sie kann Türen öffnen, die Politikern manchmal verschlossen bleiben.“ Und das, davon ist Markus Rindt überzeugt, sei heute nötiger denn je.
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