Verkaufsstatistiken sind staubtrockene Materie. Doch mit Blick auf Deutschland und China beleuchten sie, Schlaglichtern gleich, eine dramatische Umkehr der Verhältnisse, Kipppunkte in den beiderseitigen Beziehungen der zweitgrößten und der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Beispiel batteriebetriebener Individualverkehr: Im ersten Quartal 2026 lag der kumulierte Marktanteil der deutschen Hersteller – Volkswagen, Audi, BMW, Mercedes-Benz, Porsche – in China nur noch bei 1,6 Prozent. Gegenüber dem Vorjahresquartal brachen die Verkaufszahlen der genannten Marken um 55,6 Prozent auf 19.230 Fahrzeuge ein (ohne Hybride) – angesichts von insgesamt 1,194 Millionen rein batteriebetriebenen Neuzulassungen in dem Quartal ein erbärmliches Ergebnis. Allein Toyota verkaufte in dem Zeitraum mehr E-Autos in China.
Jetzt zahlt die Realität den einstigen Hochmut mit Zinseszins zurück. Locker-flockig verspottete 2017 der damalige VW-Chef Matthias Müller den amerikanischen Herausforderer Tesla als „Ankündigungsweltmeister“ mit einem weltweiten Absatz von 80.000 Fahrzeugen – im Vergleich zu den elf Millionen von VW. Wenige Tage später prophezeite er großspurig: „Wir werden es sein, die die Mobilität von morgen maßgeblich prägen.“
Werden wir? Bislang nicht. 2017 lieferte der VW-Konzern weltweit 10,7 Millionen Fahrzeuge aus, 2025 nur noch 8,98 Millionen – ein Minus von gut 16 Prozent. Das Betriebsergebnis sank im gleichen Zeitraum um fast 40 Prozent, die Umsatzrendite von sechs auf weniger als drei Prozent.
Abwärtstrend nimmt Fahrt auf
Im laufenden Jahr nimmt der Abwärtstrend richtig Fahrt auf. Laut jüngster Prognose liegen die weltweiten VW-Verkäufe um drei bis sieben Prozent unter denen von 2025. Bis Ende September waren sechs Millionen Fahrzeuge ausgeliefert – neun Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Gewinnprognose wurde deutlich gesenkt; nur die Verbuchung umfangreicher „Sondereffekte“ kann noch verhindern, dass der Einbruch fast zwei Drittel beträgt.
Ein deutsches Paradeunternehmen, zudem ein Symbol des Zusammenwirkens von Staat und Unternehmertum in der alten Bundesrepublik, gerät ins Straucheln. Und mit ihm viele andere, prominente und weniger prominente, Mittelstand und Großindustrie.
Das ist nicht die Schuld der Chinesen, auch wenn manche so tun, als würden die fernöstlichen Konkurrenten uns mit fiesen Subventionen das Wasser abgraben. Auch das war ein Thema des Chinesisch-Deutschen Medienforums, das jährlich und alternierend in beiden Ländern tagt. In diesem, dem 17. Jahr fand es in Heidelberg statt. Journalisten aus beiden Ländern, jeweils rund ein Dutzend, tauschen sich dort auch zu den Missverständnissen aus, die das beiderseitige Verhältnis prägen.
Zu den Missverständnissen gehört, dass in Wahrheit weder die Lohnstückkosten noch die staatlichen Subventionen den Rückstand der europäischen und deutschen Industrien erklären. Die Beratungsgesellschaft Roland Berger stellt fest, dass chinesische Kfz-Hersteller ein neues Fahrzeug typischerweise in 18 bis 24 Monaten entwickeln, die Konkurrenz in Deutschland dagegen in 48 bis 60 Monaten. Offenbar existiert ein Prozessvorsprung, der zudem um einen entschiedenen Innovationsvorsprung, messbar in der deutlich höheren Zahl chinesischer Patentanmeldungen, ergänzt wird.
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Eine naheliegende und auch von den chinesischen Teilnehmern in Heidelberg vorgebrachte Erklärung liegt im Segen der Stunde null. So wie Westdeutschland sein Wirtschaftswunder in den 50er-Jahren auf den Ruinen des verlorenen Krieges schuf, starteten die Chinesen nach 1978 mit nichts als Hunger, Neugier und Ambition. Die damit einhergehende Zyklizität wird nicht geleugnet; in der zweiten und dritten Generation zeigen sich auch in China uns bekannte Phänomene wie „null Bock“ und „Work-Life-Balance“. Damit wird umzugehen sein; die demografischen Herausforderungen sind in China ebenfalls ähnlich.
Derweil empfindet man in Europa den Erfahrungsschatz der alten Industriegesellschaft, mechanisch geprägt, zunehmend als Last. Im Zeitalter digitaler Prozesse ist für altväterliches Maßnehmen kein Raum; das zeigt sich bei der Regulierung. In China gilt Trial and Error. Technologien werden entwickelt, und je nach Folgen werden Schranken gesetzt. In Deutschland schätzt man Technikfolgen, oft genug behutsam und betulich, im Vorfeld ab – was die Möglichkeiten der Entwicklung von wirklich Neuem entschieden eingrenzen kann.
Was in Heidelberg ebenfalls deutlich wurde: Beim Verständnis der politisch-gesellschaftlichen Realitäten – und Differenzen – gibt es beiderseits Luft nach oben. Die Stiftung Wissenschaft und Politik hat schon 2024 darauf hingewiesen, dass die gebräuchliche Charakterisierung Chinas als „Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale“ der Wirklichkeit nicht gerecht wird.
Hintergrund ist, dass die westlich ausgelegte regelbasierte oder liberale Weltordnung in zunehmendem Maß an Autorität verliert. Das zeigt die Entwicklung seit dem russischen Einmarsch in der Ukraine Anfang 2022. Nichtwestliche (dabei nicht notwendigerweise antiwestliche) Zusammenschlüsse wie die Brics oder die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) machen hinreichend deutlich, dass jenseits des Globalen Westens die Vorstellung einer neuen, multipolar genannten Ordnung an Attraktivität gewinnt.
Koexistenz auf Augenhöhe
Das Thema systemische Rivalität ist im Grunde vom Tisch, irrelevant. China, Indien und andere nichtwestliche Länder haben kein Interesse, dem Westen die Überlegenheit der eigenen Ordnung zu beweisen. Es geht um Koexistenz, Augenhöhe und Stabilität, im Grunde um ein Amalgam aus den sogenannten westfälischen Grundsätzen – Achtung der jeweiligen Souveränität – verbunden mit einem Maß an multilateraler Abstimmung und multilateralen Regeln.
Deutschland ist in der Frage polarisiert. Da ist das Lager der „freien Welt“, das an den Idealen von Francis Fukuyama festhält, dem Ende der Geschichte und dem Sieg der liberalen demokratischen Ordnung. China gilt dort als Gegenspieler und Risiko; die Stichworte lauten De-risking und Decoupling. Dazu gehört die Charakterisierung Chinas als Teil einer Achse des Bösen im Zusammenspiel mit Russland, Nordkorea und dem Iran.
Weniger lautstark, vor allem in den Leitmedien, sind die auch in Deutschland durchaus präsenten Anhänger einer multipolaren Ordnung. Sie akzeptieren das Ende der westlichen Dominanz und wünschen sich ein Deutschland, das sich für das Miteinander von Verschiedenem auf dem eurasischen Kontinent einsetzt.
Des Weiteren gibt es die vielen, denen jeder weltanschaulich-ideologische Überbau herzlich egal ist. Sie sehen die Beziehungen zu China primär als Schlüssel zu beiderseitigem Wohlstand und erkennen auch keinen Grund, den Rückwärtsgang einzulegen.
Drei Lager
Die Politik China gegenüber wird von allen drei Lagern beeinflusst: von den Protagonisten der freien Welt, den Multipolaren und der im Kern pragmatischen Wirtschaftsfraktion. Hinzu kommt, dass Deutschland und ganz Europa in einen Findungsprozess eingetreten sind, der erst begonnen hat. Der alte Westen mit der fest gefügten Achse USA–Europa wie noch vor 30, 40 Jahren existiert nicht mehr. Die klassischen westlichen Länder in Europa – Großbritannien und Frankreich – rutschen in den Niedergang, wirtschaftlich, sozial und politisch. Die Stabilität des Kontinents ist nicht einmal auf drei Jahre hin vorhersagbar. Das hat es Jahrzehnte nicht gegeben.
Das Gleiche gilt für die angebliche Weltordnung. Russland hat mit seinem Einmarsch in der Ukraine bewiesen, dass es diese Ordnung nicht länger gegen sich gelten lässt. Analog gilt das für China, das schon vor Jahren die Entscheidung des Ständigen Schiedshofs in Den Haag das Südchinesische Meer betreffend nicht anerkannte. Zuletzt leugneten die USA die Legitimität des Internationalen Strafgerichtshofs. Ein Großteil dessen, was über Jahrzehnte als fest gefügte Nachkriegsordnung eine Gewissheit war, befindet sich in freiem Fall.
Die europäische Aufgabe liegt weiterhin darin, den Stabwechsel mitzugestalten, der dem Ende der eigenen Weltherrschaft folgt. Vor 125 Jahren, keine zwei Menschenleben her, waren mehr als 80 Prozent der Welt den Europäern und ihren Satelliten untertan. Das ist vorbei. Zwischenzeitlich kam die Nachkriegsordnung, und im 21. Jahrhundert sucht die Welt einen neuen Modus vivendi.
Europa und China müssen ihre Rollen in diesem Modus vivendi erst noch definieren. Heute ist Europa, das westliche Europa, geografisch ein Anhängsel Eurasiens und weltanschaulich ein Anhängsel der USA. Darin liegt die Herausforderung. Die Bindung an die USA, die unsere DNA in sich tragen, gehört ebenso zur europäischen Natur wie die alte Nachbarschaft zu Russland, zum Orient, zu Afrika und indirekt zum Fernen Osten.
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Das erklärt, warum die erwähnten Denkschulen – die freie Welt, die multipolare Ordnung und der unpolitische Opportunismus – in Deutschland um Einfluss ringen, wenn es um China geht. Das deutsch-chinesische Verhältnis ist Teil des Findungsprozesses, von dem die Rede war. Dazu gehören Zuschreibungen wie Partner, Wettbewerber oder Rivale. Man darf sie nur nicht allzu ernst nehmen. In der Realität sind die Beziehungen entschieden vielschichtiger.
Und das vor allem, weil es in der postglobalisierten Welt weniger um Wohlstandsmehrung geht als um den Schutz der Zivilisation. Die wird heute durch den Fortschritt selbst bedroht, etwa durch die Künstliche Intelligenz, die uns Menschen immer dümmer macht. Oder durch das Internet, das uns buchstäblich die Kinder raubt.
Vielleicht liegt ja eine Chance darin, dass der Menschheit mit der Künstlichen Intelligenz zum ersten Mal ein gemeinsamer Gegner erwächst. Das gab es, außer in Sci-Fi-Romanen, niemals zuvor. Der Schutz der Zivilisation, der Kultur und des Wissens wird zur zentralen Aufgabe des Jahrhunderts – egal ob die Zivilisation chinesisch oder europäisch, afrikanisch, amerikanisch oder was immer ist. Schon weiß die Künstliche Intelligenz tausendmal mehr, als je ein einzelner Mensch gewusst hat. Bald wird sie auch tausendmal mehr können. Darin liegt die eigentliche, die gemeinsame Bedrohung.
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