Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, hat sich nach dem Streit um den AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider beim Gedenken an den Anschlag von 2019 ausführlicher zu Wort gemeldet. Die Beweggründe der jüdischen Studenten, die Tillschneider den Zutritt zur Synagoge versperrten, kann er nachvollziehen. Ihre Blockade lehnt er allerdings ab. An seiner bisherigen Einschätzung zur AfD hält er fest.
Am 9. Oktober wollte Tillschneider als Landtagsvizepräsident seinen Parteikollegen und Landtagspräsidenten Tobias Rausch (AfD) beim Gedenken an die Opfer des Anschlags von 2019 vertreten. Vor dem Eingang hatten sich Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion untergehakt. „Sie sind hier nicht willkommen“, sagte deren Vorsitzender Ron Dekel. „Wir lassen unser Gedenken nicht kapern.“ Nach längerer Diskussion verließ Tillschneider den Ort.
Privorozki „macht die mögliche AfD-Regierung keine Angst“
Max Privorozki sagte dieser Zeitung, er bedauere, dass die öffentliche Aufmerksamkeit an diesem Tag „auf eine politische Auseinandersetzung umgelenkt wurde“. Die Motivation der Studenten könne er „gut nachvollziehen“. Soweit ihm bekannt sei, hätten einige Überlebende des Anschlags die Aktion begrüßt. „Es war aber keine Aktion unserer Gemeinde.“ Blockaden lehne er grundsätzlich ab, unabhängig von ihrer Motivation.
Der Jüdischen Allgemeinen hatte Privorozki zuvor gesagt, dass kein Hausverbot gegen Tillschneider bestanden habe. „Das war eine öffentliche Veranstaltung, er hätte kommen können.“ Eine persönliche Einladung habe der AfD-Politiker allerdings nicht erhalten.
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Im September hatte Privorozki gesagt: „Mir macht die mögliche AfD-Regierung keine Angst.“ Es gebe in der Partei „definitiv Antisemiten“, sie sei aber nicht die größte Bedrohung für jüdisches Leben. Ob er nach dem Vorfall daran festhalte? „Ja“, sagt er dieser Zeitung. „Sowohl meine Einschätzung zur AfD als auch meine Einschätzung zu Hans-Thomas Tillschneider haben sich nicht geändert.“
Tillschneider: Jüdische Kultur gehört zu deutscher Kultur
Tillschneider selbst hat ein ambivalentes Verhältnis zu jüdischem Leben in Deutschland. In einem Interview mit dem Videoblogger Elijah Tee sprach Tillschneider von einer „deutsch-jüdischen Kultursymbiose“. Jüdische Kultur gehöre „ohne Wenn und Aber“ zur deutschen Kultur.
2018 hatte Tillschneider bei einer AfD-Veranstaltung hingegen behauptet, unter anderem der Zentralrat der Juden nutze den Islam, um „multikulturelle Verhältnisse“ herbeizuführen. Es gehe darum, die deutsche Kultur zu schwächen und „letzten Endes die Abschaffung unseres Volkes“ zu erreichen.
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Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte Tillschneider vorgeworfen, den Wunsch der Gemeinde nach einem Gedenken ohne politische Instrumentalisierung missachtet zu haben. „Ich stimme Josef Schuster zu“, sagt Privorozki. Das Landtagspräsidium hätte eine Vertretung entsenden können, „die weniger polarisierend gewirkt hätte“.
Die CDU erklärte, die Entsendung Tillschneiders sei nicht mit ihr abgesprochen gewesen. Der ebenfalls als Landtagsvizepräsident amtierende CDU-Abgeordnete Carsten Borchert sagte, Rausch habe ihn nicht angefragt und erklärte: „Selbstverständlich hätte ich dafür zur Verfügung gestanden.“
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