Sternenbeobachtung

Erster Sternenpark im Norden: Zwischen Goldberg und Waren wird Dunkelheit zum Standortvorteil

Mitten in Mecklenburg wurde der Nachteil Dunkeldeutschlands in einen Vorteil verwandelt: Im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide sind bis zu 4000 Sterne sichtbar.

9 Min
Über dem Goldberger See leuchten in einer klaren Nacht wie im gesamten Sternenpark etwa 4000 Sterne.

Über dem Goldberger See leuchten in einer klaren Nacht wie im gesamten Sternenpark etwa 4000 Sterne.

© Evelin Kartheuser

Wenn am Goldberger See eine wolken- und mondlose Nacht hereinbricht, stockt einem Himmelsbeobachter geradezu der Atem. Unzählige Sterne funkeln dann am Himmel, die Milchstraße ist klar zu erkennen, der Große und der Kleine Wagen scheinen ganz nah. Und das Ganze spiegelt sich auch noch auf der Wasseroberfläche des Sees wider.

Ein Anblick des Sternenmeers, den Großstädter kaum noch kennen. Lichtverschmutzung heißt das Wort dafür. Im Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide mitten in Mecklenburg-Vorpommern glitzert der Sternenteppich dagegen auf 335 Quadratkilometern zwischen den beiden Städtchen Goldberg und Waren. In besonders klaren Nächten lassen sich mit bloßem Auge bis zu 4000 Sterne erkennen.

Nach dem Ende der NVA ging es abwärts in Goldberg

Wenn von Strukturschwäche im Land die Rede ist, wird Goldberg gern als Beispiel genannt. Zu DDR-Zeiten war dort das Militär der wichtigste Arbeitgeber. Schätzungen zufolge waren in der Kaserne am Hellberg zeitweise bis zu 3000 Soldaten, Offiziere und Zivilbeschäftigte tätig. Stationiert waren dort unter anderem das Panzerregiment 8 und die Raketenabteilung 8 der NVA.

Mit der Wiedervereinigung und dem Ende der Nationalen Volksarmee fiel dieser wirtschaftliche Anker weg. Zugleich verloren örtliche Industrie-, Landwirtschafts- und Dienstleistungsbetriebe an Bedeutung oder verschwanden. Ein mit erheblichen Fördermitteln erschlossenes Gewerbegebiet konnte den Verlust nicht auffangen und blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück.

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Hinzu kam der Verlust wichtiger Verkehrsanbindungen. Seit 1996 halten in Goldberg keine Personenzüge mehr. Wer zur Arbeit, zur Ausbildung oder für Behördengänge in größere Städte fahren muss, ist deshalb auf Auto und Bus angewiesen. Für Unternehmen erschweren die periphere Lage, der kleine regionale Absatzmarkt und der Mangel an Fachkräften Neuansiedlungen.

Der Abbau von Arbeitsplätzen setzte eine demografische Abwärtsspirale in Gang: 1990 lebten noch fast 5000 Menschen in Goldberg, Ende 2025 waren es nur noch rund 3200. Mit der Abwanderung vor allem jüngerer Menschen sank zugleich die Nachfrage nach Geschäften, Gastronomie und Dienstleistungen. Leerstände und sanierungsbedürftige Häuser in der Hauptstraße machen diesen Wandel im Stadtbild sichtbar. „Ruinenmeile“ wird die Lange Straße, die Teil der Bundesstraße 192 ist, deshalb auch genannt.

Aus einer Schwäche wurde eine Stärke

Doch ausgerechnet einige Ursachen der Strukturschwäche erweisen sich nun als Vorteil: wenig Industrie, eine geringe Bevölkerungsdichte und kaum großflächige Lichtquellen. Was tagsüber als Standortnachteil erscheint, sorgt nachts für einen außergewöhnlich dunklen Himmel.

„Wir Naturparks werben alle mit schönem Wasser, interessanter Landschaft und intakten Wäldern“, sagt Ralf Koch im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Der Sternenhimmel sei nun der zusätzliche Punkt, der die Region von anderen Urlaubszielen unterscheide.

Ralf Koch war bis September viele Jahre Leiter des Naturparks und gilt als Vater des Sternenparks. Er fand es schon vor 13 Jahren genial, als die Idee für dieses Projekt entstand, aus einer Schwäche eine Stärke zu machen.

Im Sternen- und Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide zwischen Goldberg und Waren gibt es zehn Sternenbeobachtungspunkte.

Im Sternen- und Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide zwischen Goldberg und Waren gibt es zehn Sternenbeobachtungspunkte.

© Evelin Kartheuser

Auf die Idee brachte ihn damals ein befreundeter Wissenschaftler aus der Slowakei, der von dem grenzüberschreitenden Sternenpark im Dreiländereck Slowakei, Polen und Ukraine erzählte. Daraus entwickelte sich die Frage, ob ein solches Projekt auch in Mecklenburg gelingen könnte.

Kurz darauf wurde der Sternenpark in den Naturparkplan aufgenommen. Mehr als zehn Jahre später, am 4. Dezember 2025, erkannte DarkSky International die Nossentiner/Schwinzer Heide schließlich als internationalen Sternenpark an. Der Naturpark ist damit der erste Sternenpark Mecklenburg-Vorpommerns – und der erste international zertifizierte Sternenpark im Norden Deutschlands.

„Ich habe gar nicht gedacht, dass ich die Zertifizierung noch als Naturparkleiter erlebe“, erzählt Ralf Koch, der die Leitung im September 2025 an Dr. Simon Piro übergab und nun Rentner ist. „Es gibt gerade einen Zertifizierungsstau von rund 40 Anträgen für Sternenparks. Und das Präsidium von DarkSky tagt nur zweimal im Jahr und schafft da nur jeweils etwa drei. Wir hatten unseren Antrag eigentlich nur so eingereicht, um zu erfahren, ob wir alle Bedingungen erfüllt haben.“

16 Gemeinden mussten ihre Beleuchtung verändern

Die größte Hürde für die Zertifizierung waren nicht die astronomischen Messungen oder die touristischen Angebote. „Der Knackpunkt ist die Umstellung der öffentlichen Beleuchtung“, sagt Koch. 16 Gemeinden in der Umgebung mussten davon überzeugt werden, ihre Beleuchtung sternenparkkonform umzustellen. Rund 600 öffentliche Leuchten und damit rund 67 Prozent wurden bereits ausgetauscht oder angepasst.

Das Ziel besteht nicht darin, Dörfer und Straßen vollständig zu verdunkeln. Aber das Licht soll nur dort ankommen, wo es gebraucht wird: auf Gehwegen und Fahrbahnen statt im Himmel, an Hausfassaden oder auf benachbarten Wiesen.

Zum Einsatz kommen abgeschirmte Lampen, die nach unten strahlen, warmweißes Licht, geringere Beleuchtungsstärken und bedarfsgesteuerte Systeme. Die Leuchten können gedimmt oder zeitweise ausgeschaltet werden. Manche werden heller, wenn sich ein Fußgänger oder Fahrzeug nähert, und anschließend wieder heruntergeregelt.

Die zehn Beobachtungsplätze im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide

Die zehn Beobachtungsplätze im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide

© Grafik: OAZ. Quelle: Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide

Als Vorreiter nennt Koch Neu Poserin. Studenten des Bereichs Lichtdesign an der Hochschule Wismar untersuchten dort, an welchen Stellen tatsächlich Licht benötigt wird. Auf dieser Grundlage erhielt die Gemeinde Vorschläge für eine moderne Beleuchtung.

„Wenn keiner mehr langgeht, wird das Licht reduziert. Kommt wieder jemand, werden die Lampen heller. Solche Anlagen sparen Strom und sind technisch moderner als die Beleuchtung mancher Großstadt“, erklärt Ralf Koch.

An der Uferpromenade von Krakow am See wird eine besonders insektenfreundliche Straßenbeleuchtung erprobt. Die vollständige Umstellung innerhalb der Naturparkgrenzen muss binnen zehn Jahren nach der Anerkennung abgeschlossen sein.

Zu viel Licht kann den Schlaf stören

Lichtverschmutzung lässt nicht nur Sterne verschwinden. Sie beeinflusst auch Menschen. Licht ist ein wichtiger Taktgeber für die innere Uhr. Vor allem Licht mit hohen Blauanteilen, wie es in kaltweißen und tageslichtweißen LEDs vorkommt, kann am Abend die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin hemmen.

Der Körper bleibt dadurch länger auf Wachsein eingestellt. Mögliche Folgen sind Einschlafprobleme, weniger erholsamer Schlaf, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten am nächsten Tag. Im Sternenpark werden deshalb möglichst schwache und warmweiße Lichtquellen eingesetzt. Sie sollen nur so lange und so hell leuchten, wie es für die Sicherheit erforderlich ist.

Weniger Streulicht schützt zugleich Fledermäuse, Insekten, Vögel und andere nachtaktive Tiere. Gerade Lampen an Gewässern können Insekten aus ihrem Lebensraum locken. Sie umkreisen das Licht bis zur Erschöpfung oder werden leichte Beute.

Was den Sternenpark im Norden besonders macht

In Ostdeutschland gibt es drei international anerkannte Regionen zum Schutz der Nacht. Zur Kategorie „International Dark Sky Park“ gehören neben der Nossentiner/Schwinzer Heide ebenfalls seit Beginn des Jahres 2026 die Kyritz-Ruppiner Heide in Brandenburg und das Westhavelland.

In Westdeutschland gibt es noch die Sternenparks in der Rhön, auf der Winklmoos-Alm in den Alpen und in der Eifel. Die Inseln Pellworm und Spiekeroog gehören zu einer anderen Kategorie: Sie sind „Dark Sky Communities“, also Gemeinden, die sich zu einem besonders verantwortungsvollen Umgang mit künstlichem Licht verpflichtet haben. Die Nossentiner/Schwinzer Heide kann deshalb mit dem Titel „erster Sternenpark im Norden“ werben.

Zehn Beobachtungsplätze und zehn Sternenführer

Die Dunkelheit soll nicht nur geschützt, sondern auch erlebbar gemacht werden. Im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide gibt es zehn ausgewiesene Sternenbeobachtungsplätze. Kochs persönlicher Favorit liegt am Fledermauspfad bei Bossow.

„Das ist wirklich unser dunkelster Platz“, sagt er. Besucher können dort wie an allen anderen Plätzen jederzeit die Sterne beobachten – vorausgesetzt, der Himmel ist wolkenfrei. Eine Steckdose ermöglicht es Hobbyastronomen, eigene Teleskope aufzubauen.

Am Jugendschloss Neu Sammit ist nachts dagegen eine Anmeldung ratsam. Im Naturparkzentrum Karower Meiler können zudem spezielle Ferngläser für die Sternenbeobachtung ausgeliehen werden. Wer sich mit der Technik auskennt, kann auch ein Teleskop erhalten.

Der Sternenbeobachtungsplatz am Jugendschloss Neu Sammit

Der Sternenbeobachtungsplatz am Jugendschloss Neu Sammit

© Katja Frick/Ostdeutsche Allgemeine

Zehn Sternenführer wurden ausgebildet, um den Gästen Sternbilder, Planeten und die Milchstraße zu erklären. Sie erzählen aber auch von den Mythen des Himmels und informieren über Lichtverschmutzung und nachtaktive Tiere. „Einige Sternenführer werden inzwischen so häufig gebucht, dass sie über eine berufliche Selbstständigkeit nachdenken“, sagt Ralf Koch.

Zum Angebot gehören Sternenspaziergänge, Teleskopabende, Nachtwanderungen und Paddeltouren im Mondschein. Ein Sternenbus kann Gäste abholen, mit ihnen zu den Beobachtungsorten fahren und sie anschließend zurückbringen. Das richtet sich besonders an Urlauber mit Wohnmobilen, die nachts nicht mit ihren großen Fahrzeugen durch den Sternenpark fahren wollen.

Spätes Frühstück für Sternengucker

Künftig sollen auch Pensionen, Ferienwohnungen, Campingplätze und kleine Hotels in der Region stärker von der Zertifizierung als Sternenpark profitieren. Dafür können sie sich demnächst als Sternenpark-Gastgeber schulen lassen. Zudem sollen sie ihre Außenbeleuchtung anpassen, Schlafräume gut verdunkeln und ihren Gästen Beobachtungsliegen, Decken und Informationen anbieten.

Auch der Tagesablauf soll sich bei ihnen nach den Sternen richten. Wer bis tief in die Nacht am Teleskop steht, freut sich am nächsten Morgen über ein Frühstück bis 11 Uhr oder eine spätere Abreise. Acht oder neun Betriebe hätten bereits Interesse an der Qualifizierung gezeigt, berichtet Ralf Koch.

Sterne über dem Linstower See im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide

Sterne über dem Linstower See im Sternenpark Nossentiner/Schwinzer Heide

© Helmut Schnieder

Der Sternenpark wird die wirtschaftlichen und demografischen Probleme der Region nicht lösen. Doch er gibt ihr ein unverwechselbares Profil und schafft Angebote, die es anderswo nicht gibt.

Vielleicht schafft er es, dass es nun auch vorangeht mit einem der größten Tourismusprojekte in MV. Am Goldberger See sollen ein Ferienresort mit rund 380 Ferienhäusern sowie eine etwa 170 Meter lange Seebrücke mit einem Restaurant entstehen. „Alle Genehmigungen sind erteilt, die Investoren suchen gerade Geldgeber für das Projekt“, sagt Goldbergs Bürgermeister Gustav Graf von Westarp. Er glaubt daran, dass der Sternenpark vorteilhaft für Goldberg sein wird.

Ob Ralf Koch den Sternenpark als sein Lebenswerk sieht? „Der Sternenpark ist ein Mosaiksteinchen davon“, antwortet er. „Mein Lebenswerk sind vor allem meine drei Kinder, die ich zusammen mit meiner lieben Frau habe, und unsere sechs Enkel.“

Doch für die Region könnte sein Mosaiksteinchen wertvoll werden: Aus einer Strukturschwäche hat sich ein touristischer Standortvorteil entwickelt.

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