Cyberkriminalität

Medfakes mit Hirschhausen: Betrugswerbung mit KI-Ärzten 21 Millionen Mal ausgespielt

In Berlin fordert der Arzt und Journalist Konsequenzen – gemeinsam mit der Bundesärztekammer und der ebenfalls betroffenen Julia Fischer.

5 Min
Eckart von Hirschhausen will über lebensgefährliche Medfakes aufklären. Den Betrügern soll das Handwerk gelegt werden, sagt der Arzt und Journalist.

Eckart von Hirschhausen will über lebensgefährliche Medfakes aufklären. Den Betrügern soll das Handwerk gelegt werden, sagt der Arzt und Journalist.

© Rolf Vennenbernd

Eckart von Hirschhausen taucht inzwischen auch in Pornos auf. Natürlich nicht der echte Arzt, Moderator und Wissenschaftsjournalist. Es handelt sich um einen digitalen Doppelgänger, mithilfe Künstlicher Intelligenz erzeugt und von Kriminellen im Netz verbreitet. Dieser falsche Hirschhausen wirbt für Potenzmittel. Der echte sagt: „Es ist ekelhaft.“

Die Kriminellen missbrauchen eine digitale Kopie seines Gesichts, seine kopierte Stimme, seine Prominenz, um angebliche Wundermittel aller Art an die ahnungslose Kundschaft zu bringen. Mittel, die im besten Fall nicht wirken, die Versprechungen nicht erfüllen. Schlimmstenfalls aber machen sie krank, sind sogar lebensgefährlich.

„Ich schlage mich jetzt seit fünf Jahren damit herum“, sagt der Mediziner, „und ich merke, wie meine Wut immer größer wird, dass wir bis heute keine gesellschaftliche Antwort haben.“ Seine Antwort lautet deshalb bis auf weiteres: „Verbünde dich mit seriösen Leuten.“

Aus diesem Grund ist Hirschhausen an diesem  Morgen ins Soho-Haus nach Berlin-Mitte zu einem Expertengespräch gekommen. Eingeladen hat der Verlag der Apotheken Umschau, die gemeinsam mit Hirschhausen eine Kampagne fährt, dem Hashtag #stopmedfakes. Medfakes bezeichnet eben jene gefälschte, gefährliche Werbung auf Basis von KI.

Medfakes: Problem mit beängstigender Dimension

Julia Fischer ist zu dem Termin erschienen, auch Ärztin, Journalistin und Betroffene. Ebenso der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), der Hausarzt Klaus Reinhardt, denn das Problem betrifft den gesamten Berufsstand, somit Patienten vor allem, letztlich also alle Menschen im Land. Das Problem hat inzwischen eine beängstigende Dimension angenommen, darin sind sich die drei Mediziner einig.

Der echte Hirschhausen sieht sich seit Jahren damit konfrontiert, dass falsche Hirschhausens mit ihrem lebensgefährlichen Treiben Kriminelle zu Millionären machen. Und mit ihnen große Tech-Unternehmen aus den USA Millionen verdienen lassen. Der 59-Jährige hat vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main gegen den US-Konzern Meta geklagt. „Nach zwei Jahren habe ich gewonnen.“

Eine Studie vom Dezember 2025 verdeutlicht die Dimension des Betrugs. „Dubiose Werbung auf Meta-Plattformen“, ist sie überschrieben: „Wie Celebrity-Ärzte zur Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln missbraucht werden.“ Erstellt hat sie das Institut für Angewandte Telekommunikation aus Österreich im Rahmen eines Forschungsprojekts, gefördert vom dortigen Wirtschaftsministerium. Zwischen Januar und Juli des vergangenen Jahres fanden die Forscher 4632 problematische Anzeigen, in denen Nahrungsergänzungsmittel, Cremes oder Sprays mit unzulässigen gesundheitsbezogenen Aussagen beworben wurden und die vorgaukelten, Prominente stünden für die Produkte ein.

Die Ärztin und Journalistin Julia Fischer ist von Medfake betroffen.

Die Ärztin und Journalistin Julia Fischer ist von Medfake betroffen.

© Vanessa Wunsch

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Diese Anzeigen wurden in den sechs Monaten mehr als 21 Millionen Mal innerhalb der Europäischen Union ausgespielt. 75 Prozent der Ausspielungen erreichten Personen, die älter als 45 Jahre waren.

Auch Hirschhausen führt Buch. Allein im zurückliegenden August, sagt er, habe die gefakte Werbung mit seinem digitalen Double 4700 Menschen erreicht. Julia Fischer entdeckte einen Medfake-Spot, in dem ihre KI-Kopie mit der KI-Kopie des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach zu sehen war. Letztere behauptete, über ein wissenschaftliches Team zu verfügen. Dieses habe ein Abnehmpräparat entwickelt, das die 13-fache Wirkung herkömmlicher Mittel erziele. In demselben Spot verkündete die KI-Kopie des ZDF-Moderators Oliver Welke, dieses Video gehe viral. Julia Fischer sagt: „Ich wusste zuerst nicht, ob ich lachen oder weinen sollte.“

Ein Medikament das Herz und Kreislauf angreift

Hirschhausen ist das Lachen längst vergangen angesichts der Wirkstoffe, die da angepriesen und vertrieben werden. Sibutramin zum Beispiel, dessen Zulassung in Deutschland wegen der Gefahr schwerwiegender Herz-Kreislauf-Erkrankungen 2010 widerrufen wurde. „Jungs bestellen sich irgendwelche Testosteron-Präparate.“ Für ein gesteigertes Muskelwachstum. „Das Testosteron kombinieren sie mit Tamoxifen“, einem Mittel zur Behandlung von Brustkrebs, „damit sie nicht durch die hormonelle Wirkung aus Versehen Brüste bekommen.“

In die Medfake-Falle tappen nicht nur ältere Menschen. Laut dem Reuters Institute Digital News Report nutzen hierzulande 60 Prozent der zwischen 18 und 24 Jahren alten Menschen Nachrichten in sozialen Medien. 44 Prozent bezeichnen soziale Medien als ihre wichtigste Informationsquelle. Für 17 Prozent sind soziale Medien der einzige Ort, an dem sie mit Nachrichten in Kontakt kommen. Das ist etwa jede sechste Person in diesem Alter.

Hirschhausen: „Gesundheitskompetenz stärken“

Vor diesem Hintergrund kritisiert Hirschhausen, dass die Betreiber von Plattformen wie Meta oder Google nicht konsequenter dazu herangezogen würden, gesundheitsschädliche Inhalte aufzuspüren und zu eliminieren. Er folgert daraus: „Wir müssen die Gesundheitskompetenz stärken.“

Julia Fischer findet, der Abgleich von gesundheitsbezogenen Informationen müsse zur Gewohnheit werden: „Wenn wir einen Urlaub buchen, würden wir ja auch nicht nur einer einzelnen Seite im Internet vertrauen, sondern Flugpreise und Hotelrezensionen vergleichen und schauen, was Leute sagen, die schon mal da waren.“

BÄK-Chef Reinhardt hofft, dass sich negative Erfahrungen mit Medfake mittelfristig in der Öffentlichkeit herumsprechen. Und er plädiert dafür, dem Betrug dort etwas entgegenzusetzen, wo er begangen wird. „Wir brauchen digitale Instrumente zur ärztlichen Ersteinschätzung auf einer seriösen Plattform unter Beteiligung des Bundesgesundheitsministeriums.“ Getreu dem Zusatz bei Arzneimittelwerbung im Fernsehen. Zu Risiken und Nebenwirkungen sollten im Zweifelsfall Arztpraxis und Apotheke befragt werden.

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