Seniorenhilfe

Wie ein DDR-Erbe die Hilfe für Pflegebedürftige verändert

In Sachsen-Anhalt helfen über 4.000 Ehrenamtliche Pflegebedürftige. Doch viele Betroffene nutzen ihren Anspruch auf staatliche Unterstützung nicht.

OAZ
4 Min
Ehrenamtliche in Sachsen-Anhalt helfen älteren Menschen beispielsweise beim Einkaufen. (Symbolbild)

Ehrenamtliche in Sachsen-Anhalt helfen älteren Menschen beispielsweise beim Einkaufen. (Symbolbild)

© Ute Grabowsky/photothek.de/IMAGO

In Sachsen-Anhalt haben sich seit dem Start eines Landesprojekts vor drei Jahren bereits über 4.000 Menschen als Nachbarschaftshelfer schulen und registrieren lassen. Sie kaufen für Pflegebedürftige ein, begleiten sie zu Arztterminen oder helfen im Haushalt – und tragen so dazu bei, dass ältere Menschen länger in den eigenen vier Wänden leben können. „Der Bedarf ist immens groß“, erklärte Stefanie Hamacher von der Landeskoordinierungsstelle Nachbarschaftshilfe Sachsen-Anhalt.

Regionale Servicepunkte existieren mittlerweile in fast allen Landkreisen und kreisfreien Städten des Bundeslandes. Dort finden Schulungen und Beratungen statt. Die Zahl der Kurse des Projekts, das vorerst bis zum Ende des Jahres läuft, ist dabei stetig gewachsen: 2024 waren es genau 46 Schulungen, im vergangenen Jahr dann 63, und in diesem Jahr sind 97 geplant. Jede Schulung umfasst acht Einheiten à 45 Minuten, in denen die Helfer unter anderem über ihre Befugnisse, Grenzen der Tätigkeit, typische Krankheitsbilder im Alter sowie Abrechnungsformalitäten informiert werden. Pflegerische oder medizinische Aufgaben gehören ausdrücklich nicht zum Aufgabenbereich.

Eine der Ehrenamtlichen ist die Magdeburgerin Kerstin Kränzel, die von sich selbst sagt, mit 60 habe sie aufgehört, die Lebensjahre zu zählen. Auf ihrem Küchentisch liegen Zettel mit Erinnerungen an Arzttermine und den nächsten Einkauf – sie denkt für andere mit. Einmal pro Woche geht sie mit einer 80-jährigen Pflegebedürftigen einkaufen, deren fortschreitende Erkrankung die Mobilität stark einschränkt. „Sie kommt sonst nicht raus“, sagt Kränzel über die ältere Dame.

Erinnerungen an DDR-Hausgemeinschaften

Für ihre Motivation greift Kränzel auf Erinnerungen aus der DDR zurück. „Da gab es eine Hausgemeinschaft. Dort wohnten nicht fremde Menschen, sondern Vertraute und Freunde.“ Nach der Schule habe sie bei Nachbarn Kartoffelpuffer gegessen, man habe Silvester zusammen gefeiert, und als sie ihre eigene Familie hatte, passten Nachbarn auf ihr Kind auf. „Das hat sich heute sicherlich verändert“, räumt Kränzel ein. Sie selbst habe das Miteinander aber immer gelebt, auch wenn sie inzwischen in einem Einfamilienhaus wohnt.

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Sowohl Kränzel als auch Koordinatorin Hamacher betonen, dass es bei der Nachbarschaftshilfe um weit mehr gehe als praktische Unterstützung. „Es geht darum, die soziale Teilhabe zu stärken, Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Zeit zu verbringen“, sagte Hamacher.

Für ihre Tätigkeit können Nachbarschaftshelfer über die Pflegekasse einen sogenannten Entlastungsbetrag von 131 Euro monatlich erhalten. Kränzel bezeichnet das als Anerkennung. Allerdings zeigen Zahlen der AOK Sachsen-Anhalt, dass viele Pflegebedürftige diesen Anspruch gar nicht nutzen: Im vergangenen Jahr hatten demnach über 103.000 Versicherte einen Anspruch auf den Entlastungsbetrag, doch nur 56,7 Prozent nahmen ihn in Anspruch. Im Jahr 2022 lag die Quote noch bei 57 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Anspruchsberechtigten um gut 23 Prozent – als Gründe nannte eine AOK-Sprecherin den demografischen Wandel und einen Zuwachs an Versicherten. Warum so viele Menschen das Geld nicht abrufen, bleibt unklar.

Die Zahl der AOK-Versicherten, die konkret die Nachbarschaftshilfe nutzen, ist hingegen stark gestiegen: Im ersten Jahr des Projekts waren es laut der Krankenkasse 299, inzwischen sind es bereits 1.814.

Scham bei Hilfebedürftigen ist groß

Eine wesentliche Hürde sieht Hamacher, die für die Gesellschaft für Prävention im Alter als Projektträger arbeitet, in mangelnder Information und in Schamgefühlen. „Viele Leute sind nicht gut informiert“, sagte sie. Bis jemand bei ihr in der Beratung landet, liegt oft ein Marathon über verschiedenste Anlaufstellen hinter den Betroffenen. Hinzu kommt eine emotionale Barriere: „Viele schämen sich, überhaupt einen Pflegegrad zu beantragen.“ Der Gedanke, was die Nachbarn denken könnten, wenn ein Pflegedienstauto vor dem Haus steht, ist für viele schwierig. Hilfe anzunehmen fällt den meisten nicht leicht.

Die Nachbarschaftshilfe wird laut Hamacher zu 70 Prozent von Frauen geleistet. Viele sind selbst im Rentenalter oder kurz davor. „Die Kinder sind raus, die zeitlichen Ressourcen sind wieder da“, beschrieb sie die typische Situation. Großes Potenzial sieht sie noch bei Studierenden und jüngeren Berufstätigen.

Hamacher wies zudem darauf hin, dass sie die Helfer „mantraartig“ zur Selbstfürsorge ermahne. Jeden Tag im Einsatz zu sein, sei nicht vorgesehen. „Es ist wichtig, dass sie auf sich aufpassen.“ Alle drei Jahre ist zudem eine Auffrischungsschulung vorgesehen. Ab September werden die ersten Nachbarschaftshelfer erneut geschult. Hamacher sagte, sie sei gespannt, welche Erfahrungen die Ehrenamtlichen gemacht hätten. (mit dpa)

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