Mehr als Farbe für den Osten

Tobias Miller
2 Min

Mit dem Fall der Mauer öffnete sich für Friedrich Ernst von Garnier (68) ein weites Feld. Der Mann ist Farbexperte, seine Leinwand sind Häuserfassaden, egal ob Schulen, Fabrikanlagen, Lärmschutzwände oder Plattenbauten. Dabei geht es ihm nicht darum, am Ende eine möglichst bunte Fassade zu hinterlassen. Farbe bei Garnier bedeutet, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. In der DDR spielte das Indivi- duum nur eine untergeordnete Rolle, sagt Garnier. Mit dem Bau von Plattenbauten sei es zunächst darum gegangen, die Wohnungsnot für viele Menschen zu beseitigen, sagt Garnier. "Die Architektur hatte mit dem Menschen als Einzelnem nichts zu tun." Daher war Farbe, als Ausdruck von Individualität und Unterscheidung nicht wichtig. "Der ganze Staat war ein grauer Staat", sagt er. Demokratie dagegen ist in den Worten Garniers "ein starkes, buntes Wesen". Das versucht er zu vermitteln, wenn er einen Plattenbau gestaltet. "Ich mache nicht Kunst, sondern ich betreibe mit künstlerischen Mitteln Soziologie". Der Mieter soll "sein" Haus neu wieder entdecken, es soll ihm vertrauter werden. Im besten Falle führt ein Garnier-Anstrich zu einem liebevolleren Bild der Häuser, sagt der Farb-Experte. In Berlin hat Garnier die Häuser der Genossenschaft im Mendelssohn-Viertel an der Mollstraße, die vier Hochhäuser in der Zingster Straße und das Doppelhochhaus der Howoge in der Rhinstraße gestaltet. In Stralsund, Dresden, Weimar, Gera, Hermsdorf war er unter anderem tätig.Seit der Wende wurden die Städte und Gemeinden farbiger, das Einheitsgrau ist nur noch vereinzelt zu sehen. Ist es dort dadurch menschlicher geworden? "Nein", sagt Garnier, ohne lange zu überlegen. Diese Buntheit ist ein Problem, findet er. "Viele Häuser brüllen dich einfach nur an." Menschen, die darin wohnen, werden vorgeführt, zur Schau gestellt. Manchmal wäre es besser gewesen, die alte graue Farbe nicht zu ändern. "Das wirkt vielleicht ärmer, aber solche Landschaften sind im Zusammenleben der Menschen oft reicher." (tom.)------------------------------Foto: FRIEDRICH ERNST VON GARNIER

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